Die Herren, ges­tern herrschte in Moskau dichtes Schnee­treiben. Im Mai. Heimweh?
Serdar Tasci: Das war wirk­lich eine Riesen-Über­ra­schung. In Deutsch­land war es schon warm, und hier schneit es auf einmal wieder. Aber Heimweh? Nein.
Patrick Ebert: Wenigs­tens ist der Schnee nicht lie­gen­ge­blieben, das hätte mich echt frus­triert. Aller­dings bin ich erst so kurz hier, da denke ich nicht an Rück­kehr. Den Schnee über­lebe ich schon.

Hat Sie jemand vor der Fremde gewarnt?
Ebert: Meine Mutter war etwas in Sorge. Patrick“, sagte sie, wenn du schon gehen musst, nimm bitte einen guten Freund mit, so bist du nicht alleine!“ Ich habe auf sie gehört, mein Kumpel David ist mit mir hier und nimmt mir vieles ab.
Tasci: Aller­dings macht es eine Ent­schei­dung ja nicht unbe­dingt ein­fa­cher, wenn man vorher viele Leute fragt.

Herr Kuranyi, Sie spielen seit 2010 in Moskau. Hätten Sie den beiden geraten zu kommen?
Kevin Kuranyi: Warum nicht? Viele Men­schen, die noch nie hier waren, reden von vorn­herein schlecht über Moskau. Dabei ist es eine Top-Stadt.
Tasci: Das Ein­zige, was mich nervt, ist das Ver­kehrs­chaos. Aber das ist irgendwie logisch, hier leben über elf Mil­lionen Men­schen. Aus einer sechs­spu­rigen Straße wird schnell mal eine zwölf­spu­rige.

Schnee, Staus: Welche Vor­ur­teile haben sich außerdem bestä­tigt?
Kuranyi: Bei den ersten Begeg­nungen mit Russen habe ich viele Kli­schees im Kopf gehabt. Oh Gott, sind die alle ver­schlossen und böse“, dachte ich anfangs. Ich fand auch die ersten Mann­schafts­essen mit den Fami­lien seltsam. Da haben meine Mit­spieler mir die Hand gegeben, meiner Frau aber nicht. Ich dachte damals, Russen behan­deln Frauen abfäl­liger. Aber so ist das gar nicht gemeint.
Ebert: So bin ich anfangs auch durch die Stadt gelaufen. Die Frauen wirken oft wie Anhängsel ihrer fins­teren Männer.
Kuranyi: Doch ich sage dir: Die erscheinen manchmal nur so abwei­send. Wenn du die Leute hier besser ken­nen­lernst und eine Freund­schaft ent­steht, sind es die offensten und ehr­lichsten Men­schen.
Tasci: Ich muss auch zugeben, dass ich anfangs noch etwas skep­tisch war. Und jetzt? Es ist nicht wie in Deutsch­land, aber ich bin zufrieden.

Was ist denn anders?
Tasci: Ich komme aus Stutt­gart, einer Stadt mit 600 000 Ein­woh­nern. In Moskau leben hin­gegen mehr als elf Mil­lionen Men­schen, das ist eine Metro­pole. Aber darauf habe ich mich ein­ge­stellt. Ich habe den Wechsel nicht bereut.
Ebert: Mir war neu, dass man vor dem Trai­ning ständig gewogen wird.
Kuranyi: Echt? Bei Dynamo ist es nicht so streng.
Ebert: Bei Spartak ist das extrem. Als ich in Moskau ankam, mussten wir jeden Tag auf die Waage. Jetzt zweimal die Woche, min­des­tens.
Tasci: Vor einiger Zeit ging ja sogar das Gerücht um, dass Spieler von Mos­kauer Klubs pro 100 Gramm Über­ge­wicht 100 Dollar zahlen müssen.
Ebert: Im End­ef­fekt ist doch jeder Spieler pro­fes­sio­nell genug, um selber auf seinen Körper zu achten. Zu viel Piroschki (rus­si­sche Teig­ta­schen, d. Red.) und Wodka sollte man als Profi eh nicht zu sich nehmen. Ob da per­ma­nent eine Gewichts­kon­trolle nötig ist, weiß ich nicht. Aber hier ist es nun mal so.

Gleich­zeitig achten die Ver­eins­bosse strikt darauf, dass ihre Spieler nicht in Nacht­klubs gehen. In einer 11-Mil­lionen-Stadt kann man doch sicher­lich gut unter­tau­chen?
Tasci: Es ist bei jedem Verein so. Das kann ich auch ver­stehen. Die Fans unter­stützen dich überall, auch wenn sie 1000 Kilo­meter weit fahren müssen, sie erwarten Leis­tung. Und wenn es nicht gut läuft, dann soll­test du dich lieber aufs nächste Trai­ning kon­zen­trieren.

Sie klingen alle so ver­nünftig.
Kuranyi: Früher habe ich es nicht immer geschafft, ver­nünftig zu sein. Jetzt wird’s besser. (Lacht.) Ich bin reifer. Das wirkt sich auch auf den Fuß­ball aus. Vor vier Jahren wurde nicht beson­ders auf Pünkt­lich­keit geachtet, die Spieler kamen zum Trai­ning in irgend­wel­chen T‑Shirts, und beim Essen standen Mayon­naise und Ketchup auf dem Tisch. Das ist fatal für Pro­fi­sportler. Das habe ich dann vor­sichtig ange­spro­chen, und vieles hat sich dar­aufhin geän­dert.
Tasci: Ich kann mir vor­stellen, dass das vor vier Jahren anders war. Doch heute arbeiten die Ver­eine und Spieler viel pro­fes­sio­neller. Auf Dis­zi­plin wird genauso geachtet wie in Deutsch­land.
Ebert: Man wird auch älter und lernt aus seinen Feh­lern. In Berlin war ich über­haupt nicht pro­fes­sio­nell, das sage ich ganz ehr­lich. Da bin ich oft um die Häuser gezogen und hatte viel­leicht auch nicht den rich­tigen Freun­des­kreis. Mitt­ler­weile über­lege ich dreimal, ob ich aus­gehe oder nicht.

In Deutsch­land hängen Ihnen immer noch Ihr Row­dy­image und die Nacht nach, in der Sie mit Kevin-Prince Boateng Auto­spiegel abge­schlagen haben sollen. Gehen Sie der Bun­des­liga des­wegen aus dem Weg?
Ebert: Natür­lich habe ich eine rau­schende Ver­gan­gen­heit. Die Leute, die mich kennen, wissen aber, was ich für ein Kerl bin: Ein ganz nor­maler Junge, der was im Kopf hat. Was Fans oder auch Jour­na­listen von mir denken, spielt für mich eigent­lich keine Rolle. Ich ver­stecke mich auch nicht vor Deutsch­land. Viel­leicht spiele ich eines Tages wieder
in der Bun­des­liga.

Spa­nien haben Sie auch recht über­hastet ver­lassen.
Ebert: Ich hatte anfangs ziem­lich gute Gespräche mit dem Trainer und dem Prä­si­denten von Val­la­dolid. Sie sagten mir damals zu, dass ich nach einem Jahr aus dem Ver­trag aus­steigen könne. Im End­ef­fekt haben sie mich nicht gehen lassen, und das hat mich sehr ent­täuscht. Spartak hat sich in dieser Zeit sehr um mich bemüht, gerade der ehe­ma­lige Trainer Waleri Karpin. Die Mann­schaft stand damals auf dem dritten Platz und wollte inter­na­tional mit­spielen, das hat mir impo­niert.

Herr Tasci, Sie sollen mit tür­ki­schen Ver­einen ver­han­delt haben.
Tasci: Die Türkei ist durchaus noch ein Ziel. Zum jet­zigen Zeit­punkt kommt das aber noch nicht in Frage, viel­leicht später.

Schnee im Früh­sommer, bär­bei­ßige Men­schen, eine neue Sprache – und der Fuß­ball ist auch nicht inter­na­tio­nale Spit­zen­klasse. Sind Sie harte Hunde oder war Geld der Köder?
Tasci: Das Geld hat auch eine Rolle ge-spielt. Denn Fuß­ball ist unser Beruf. Aber wich­tiger ist das Sport­liche – und das stimmt.
Kuranyi: Geld war auch bei mir ein wich­tiger Punkt. Mein Ver­trag bei Schalke wurde nicht ver­län­gert. Da habe ich mir gesagt: Dynamo ist ein großes Aben­teuer, aber auch finan­ziell eine ein­ma­lige Chance.“

Sie sollen 5,7 Mil­lionen Euro pro Jahr ver­dienen.
Kuranyi: Da wird viel geschrieben. Aber wenn man nichts anderes gelernt hat, muss das jetzt ver­diente Geld viel­leicht auch in Zukunft rei­chen. Ich habe eine große Familie und ver­suche, für viele von ihnen da zu sein. Das macht mir große Freude, und ich glaube, das würde jeder von uns machen, wenn er könnte.
Ebert: In Spa­nien hatte ich ein Angebot von einem Verein, der im Tabel­len­mit­tel­feld stand, mir aber nur ein Drittel des Geldes gezahlt hätte, das ich von Spartak bekomme. Wenn du also hier die Mög­lich­keit hast, Titel zu gewinnen, inter­na­tional mit­zu­spielen und dazu gutes Geld zu ver­dienen, warum sollte ich das nicht annehmen? Ich bin jetzt auch nicht mehr 22 Jahre alt.

Haben Sie keine Sorge, in Deutsch­land in Ver­ges­sen­heit zu geraten?
Kuranyi: Wieso? Wenn man Cham­pions League spielt, bleibt man im Gespräch.

In der ver­gan­genen Spiel­zeit haben nur ZSKA Moskau und Zenit St. Peters­burg in der Cham­pions League gespielt. In der kom­menden Saison wird Dynamo in der Europa League und Spartak über­haupt nicht inter­na­tional spielen.
Tasci: Wir sind mit der Über­le­gung her­ge­kommen, inter­na­tional zu spielen. Ich will jeden­falls mit Spartak Cham­pions League spielen, das hat dieses Jahr nicht geklappt, aber das ist mein Anspruch.
Kuranyi: Trotzdem: Euer Verein spielt seit vielen Jahren in inter­na­tio­nalen Wett­be­werben. Bei Dynamo merkt man, dass diese Erfah­rung noch fehlt. Per­spek­ti­visch wollen wir natür­lich alle in die Cham­pions League.
Tasci: Für Spartak ist gerade eine ver­patzte Saison zu Ende gegangen. Wir lagen nach der Hin­runde einen Punkt hinter dem Tabel­len­führer, haben es aber in der Rück­runde nicht geschafft, dran zu bleiben. Nach 2001 wollen wir end­lich wieder Meister werden und Cham­pions League spielen.

Wofür stehen Spartak und Dynamo?
Ebert: Bei uns sagt der Name schon alles: Spartak, Spar­taner, wir sind die Kämpfer.
Tasci: Außerdem ist Spartak der Volks­verein“ und rus­si­sche Rekord­meister. Anders als in Deutsch­land hast du hier Olig­ar­chen, denen die Ver­eine gehören. Aller­dings bleiben diese Männer meis­tens im Hin­ter­grund. Auch unser Prä­si­dent, Leonid Fedun, nahm sich uns nur einmal zur Brust, kurz vor Sai­son­ende, als wir nicht gut dastanden. Da hat er uns erzählt, wie wichtig Spartak ist – oder sein sollte. Und dass wir nicht dahin gehören, wo wir gerade stehen.
Kuranyi: Bei uns gibt es viele Gene­räle und ehe­ma­lige Polizei-Funk­tio­näre.
Tasci: Wie sind die so?
Kuranyi: Bis jetzt hat sich keiner negativ bemerkbar gemacht. Als ich bei Dynamo anfing, haben sie mich einmal zum Schuss­trai­ning abge­holt. Ich dachte, es geht zum Fuß­ball, aber die fuhren mit mir auf den Schieß­platz und hielten mir Pis­tolen und Hand­gra­naten ent­gegen. Wir sollten sehen, wie rus­si­sche Spe­zi­al­ein­heiten trai­nieren. So ist das eben in einem Poli­zei­verein. Dieses Ritual ist Teil der Dynamo-Tra­di­tion, dem hätte ich mich nicht ent­ziehen können.

Dynamo hat einen Zuschau­er­schnitt von nicht mal 8000. Ver­missen Sie die große Kulisse?
Kuranyi: Wenn wir gegen Spartak spielen, kommen immerhin 25 000 Fans. Den­noch: Das ist ein Unter­schied, an den ich mich erst gewöhnen musste. Ich war von Schalke ja jede Woche 50.000 bis 60.000 Zuschauer gewohnt.

Rus­si­sche Fans haben einen zwei­fel­haften Ruf. Spartak musste wegen Aus­schrei­tungen einige Spiele unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit aus­tragen, und auch bei Zenit St. Peters­burg gab es zuletzt einen Spiel­ab­bruch nach Zuschauer-Kra­wallen.
Kuranyi: Die Fans sind in man­chen Sta­dien wirk­lich extrem. Es wirkt manchmal wie in Deutsch­land vor 20 Jahren. In Sankt Peters­burg werden dun­kel­häu­tige Spieler schon mal mit Affen­rufen begrüßt. Ich habe als Aus­länder mit latein­ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln bis jetzt aller­dings keine Pro­bleme gehabt.

Die rus­si­sche Liga gilt wegen der langen Distanzen zwi­schen den Aus­tra­gungs­orten zudem als ziem­lich kräf­te­zeh­rend.
Kuranyi: Kennen Sie Lutsch-Ener­gija Wla­di­wostok? Von Moskau nach Wla­di­wostok sind es knapp 10.000 Kilo­meter. 10.000 Kilo­meter, neun Flug­stunden und sieben Zeit­zonen für ein ein­ziges Aus­wärts­spiel! Glück­li­cher­weise ist dieser Klub abge­stiegen, bevor ich 2010 nach Russ­land kam. Die längste Aus­wärts­fahrt dauert nun vier Stunden per Flug­zeug: von Moskau bis ins sibi­ri­sche Tomsk.

Wie unter­halten Sie sich auf diesen Reisen mit Ihren Mit­spie­lern?
Tasci: Schwierig. Ich spreche noch kein Rus­sisch, habe es aber auf jeden Fall vor. Schon weil man hier im Alltag und im Team gar nicht mit Eng­lisch durch­kommt. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Doch ist das neben dem Platz über­haupt wichtig? In den bes­seren Restau­rants wird Eng­lisch gespro­chen.
Ebert: Ich war 14 Jahre bei Hertha, und nun habe ich die Chance, etwas Neues ken­nen­zu­lernen. Neue Kul­turen, neue Spra­chen, neue Men­schen. Daher will ich nicht nur in die High-Class-Restau­rants, son­dern auch was Ein­hei­mi­sches sehen. Neu­lich war ich in einer kleinen urigen Gast­stätte, da gab es dann nicht mal eine eng­li­sche Spei­se­karte. Dafür eine alte Oma mit wenigen Zähnen, die dann die Hähn­chen über dem Rost jon­glierte. Als ob die da drin leben würde. Und du sitzt da auf deinem Platz und schaust ihr dabei zu. Total witzig.
Kuranyi: Am besten, man bestellt dann was Ein­fa­ches – oder auf gut Glück.

Wie ist es auf dem Platz: Flu­chen Sie auf Rus­sisch?
Tasci: Ich kannte schon vor meinem Wechsel zu Spartak einige Schimpf­wörter, weil ich in Stutt­gart mit einem Weiß­russen zusam­men­ge­spielt habe … (lacht)
Kuranyi: … mit Alex­andr Hleb. Der hat wirk­lich oft geschimpft. Bljad“, Scheiße, das hat der 100 Mal pro Minute gesagt.
Ebert: Aber Jungs, das ist doch ein Aller­welts­wort. Das sagen die Russen auch unter­ein­ander in jedem zweiten Satz. Bljad, ich bin heute ein­kaufen gewesen“, Bljad, komm mal her!“ Die echten rus­si­schen Schimpf­wörter sind so schlimm, dass sie gar nicht über­setzbar sind.
Tasci: Aller­dings sollte man auf dem Platz besser gar nicht flu­chen. Jeden­falls nicht in Rich­tung des Schieds­rich­ters.
Ebert: Das stimmt, die Schiris sind hier anders. Da gibt es schon eine Gelbe Karte, wenn du den Mund auf­machst.

Haben Sie ukrai­ni­sche Spieler in Ihrer Mann­schaft?
Kuranyi: Andrej Woronin.

Wie geht es ihm?
Kuranyi: Ganz gut. Außer, dass er gerade ver­letzt war. Oder wollen Sie mit uns über Politik reden?

Gerne.
Kuranyi: Er hat mal erzählt, dass seine Familie noch in der Ukraine lebt und dass er dadurch natür­lich viel mit­be­kommt, aber auf dem Platz ist das nicht wirk­lich Thema.
Tasci: Ich habe besorgte Anrufe aus Deutsch­land bekommen. Doch ich konnte nur sagen, dass es mir gut geht. Denn auch, wenn wir in Moskau leben: Als Fuß­baller bekommt man von den momen­tanen Unruhen in der Ukraine nicht viel mit.

Wirk­lich?
Tasci: Wissen Sie, wenn Jour­na­listen hier mit mir reden, stellen sie Fragen zum Thema Fuß­ball. Mich hat noch nie­mand über Politik befragt, Sie sind die Erste.

Herr Kuranyi, auf Ihrer Face­book-Seite werden immer wieder Kom­men­tare wie Boy­cott Russia“ gepostet. Gehen Sie bewusst nie darauf ein?
Kuranyi: Was soll ich machen? Wir leben in Russ­land und werden von einem rus­si­schen Verein bezahlt. Uns jetzt da irgendwo rein­zu­hängen und zu einem Thema zu äußern, in dem wir uns gar nicht aus-kennen, finde ich nicht pas­send – zumal ich mich auch in Deutsch­land nie poli­tisch geäu­ßert habe.

Der Verein hat Ihnen einen Maul­korb ver­passt?
Kuranyi: Nein. Aber sie haben sicher nichts dagegen, wenn die Spieler die eigene poli­ti­sche Mei­nung für sich behalten. Das ist auch eine Frage des Respekts.

Die Herren, was fehlt Ihnen eigent­lich am meisten in Moskau?
Kuranyi: Ein rich­tiges Schwarz­brot und eine leckere Wurst.
Tasci: Bis jetzt eigent­lich nichts. Aber fragen Sie mich mal nach vier Jahren.
Ebert: Ich würde gerne mal wieder einen guten Ber­liner Döner essen.