Seite 3: „Soll Schalke doch mehr Geld ausgeben“

Machen Sie sich Sorgen um die Exis­tenz des Ver­eins?
Nein. Wirk­lich Sorgen müssen sie sich auf Schalke erst machen, wenn die Sta­di­on­be­su­cher auf die Idee kommen, das noch schlum­mernde Gut­haben auf ihren Knap­pen­karten ein­zu­for­dern.

Apropos Kohle. Das Geld von Cle­mens Tön­nies hat der Verein abge­lehnt. Die rich­tige Ent­schei­dung?
Selbst­ver­ständ­lich. Ansonsten hätten sie ihre Würde auch direkt mit in die 99-Cent-Sülze drü­cken können.

Und jetzt haben wir doch schon wieder länger über Schalke geredet.
Warum fragt ihr auch immer!

Ist Ihnen denn sonst noch etwas auf­ge­fallen?
(Über­legt.) Ja. Ist Ihnen auf­ge­fallen, wie die Kritik an RB Leipzig abebbt? Die Men­schen sagen ver­mehrt Sätze wie: Jetzt reicht’s auch langsam mit der Kritik. Die spielen doch so einen tollen Fuß­ball!” Die Leute kni­cken in ihrer Moral ein, auch in den Sozialen Medien kippt die Stim­mung. Die Genera­tion Sport­Bible-FIFA-Twitch will nun mal dyna­mi­schen Fuß­ball mit jungen, coolen Leuten sehen. Wie der zustande kommt, ist wurscht. Der Sohn eines Freundes geht in Nord­rhein-West­falen(!) in die Schule. Und da ist RB das große Ding. Jeder will ein Trikot haben.

Woran liegt das?
Ich glaube, dass auch die zuneh­mende Popu­la­rität des US-Sports dazu bei­trägt, dass die jün­geren Leute offener sind für diese Kon­strukte. Das ist ein ganz anderes Wer­te­system. In einer Dis­kus­sion über die Bun­des­liga würden die sagen: Soll Schalke doch mehr Geld aus­geben oder sich Inves­toren holen, wenn sie Erfolg haben wollen!“ Denen brauchst du mit einem soliden Argu­ment wie Etat“ nicht kommen.

Herr Schmitt, gibt es irgend­etwas, das Ihnen uner­wartet Freude bereitet im Fuß­ball?
Lever­kusen gefällt mir. Ich weiß noch, wie Rudi Völler im Vor­feld der Saison dafür kri­ti­siert wurde, dass er keinen adäquaten Ersatz für Kai Havertz oder Kevin Volland ver­pflichtet hat. Weil viele Leute ver­gessen, was in der Ver­gan­gen­heit pas­siert ist, wenn Spieler, auf deren Schul­tern die gesamte Ver­ant­wor­tung lag, Klubs ver­lassen: die anderen blühten auf. Egal, ob Michael Bal­lack in der Natio­nalelf, Diego bei Werder Bremen oder Marko Marin bei Glad­bach: die Lücken schlossen die Mann­schaften stets gemeinsam und gingen gestärkt daraus hervor. Andere Akteure konnten aus dem Schatten treten und auf sich auf­merksam machen. So nun auch in Lever­kusen, wo Lucas Alario plötz­lich abgeht wie Schmitz’ Katze oder Flo­rian Wirtz so richtig Laune macht. Die Genug­tuung bei Völler und Peter Bosz muss ob der vor­aus­ge­gan­genen Kritik nun außer­or­dent­lich sein. Anders aus­ge­drückt: Ich will gar nicht wissen, wie groß die Eier gerade bei Bayer sind. Hof­fent­lich gibt’s da was von Ratio­pharm.

Da würde ich gerne wieder hin, wenn alles wieder so ist, wie früher. Bier­chen in der Sonne, später in den Gäs­te­block und danach in die Stadt. Neue Men­schen, neue Kneipen, neue Geschichten“

Lever­kusen abzu­feiern, das ist aber schon sehr offen­sicht­lich. Lassen Sie uns lieber über die kleinen, tollen Ver­eine, die Spieler in der zweiten Reihe spre­chen. Zum Bei­spiel über die 2. Liga!
(Über­legt.) Was pas­siert denn da? In der 2. Liga? Guckt die noch jemand wäh­rend der Pan­demie? Ich gebe es zu: Ich habe in dieser Saison noch nicht eine Sekunde gesehen. Ich glaube, sogar die Harald-Schmidt-Show hatte auf Sky mehr Zuschauer als die Ein­zel­spiele der 2. Liga. Wer ist denn zur­zeit Tabel­len­führer? Ham­burg, oder?

Richtig.
Wahn­sinn, wie das an mir vor­bei­geht. Ansonsten bin ich ein großer Fan der 2. Liga, aber wie gesagt: Sky Go, HDMI-Kabel, alles sehr anstren­gend. (Grü­belt.) Simon Terodde trifft wahr­schein­lich wieder wie im Fließ­band, kor­rekt?

15 Tore in 14 Spielen.
Unfassbar. Dem muss jetzt end­lich einer sagen, dass er für immer in der 2. Liga bleiben soll. Es gibt ein­fach diese Spieler, die eigent­lich für eine Liga zwi­schen der Ersten und der Zweiten geschaffen sind. Aber die gibt’s nun mal nicht. Ter­rodde erin­nert mich immer an Jenny aus For­rest Gump“, die bei For­rest ihr großes Glück gefunden hat, aber immer wieder glaubt, abhauen zu müssen, um das ver­meint­lich grö­ßere Glück zu suchen, und dann stetig auf die Schnauze fliegt. Man möchte ihr zurufen: Jenny, jetzt bleib doch end­lich beim For­rest, da ist dein Platz! Oder: Simon, bleib doch in der 2. Liga, da gehörst du hin!

Gibt es einen Zweit­li­gisten, den Sie gerne wieder in der Bun­des­liga sehen würden?
Natür­lich den VfL Bochum, ist doch logisch. Aber auch den 1. FC Nürn­berg! Mich ver­bindet zunächst nichts mit diesem Verein, aber ich würde mich sehr freuen, wenn die mal wieder auf­stiegen. Ein­fach weil Nürn­berg die beste Stadt für eine Aus­wärts­fahrt ist. Das Bier, der Verein, das Max-Mor­lock-Sta­dion, die Stadt, die Tra­di­tion und auch diese doch sehr gru­se­lige Umge­bung rund um das Sta­dion. Am 33. Spieltag der Saison 2018/2019 war ich dort, wir gewannen 4:0, Nürn­berg stieg dadurch ab, wir sicherten uns damit den Einzug in die Europa League. Eine absurde, aber absolut respekt­volle Stim­mung herrschte im Sta­dion. Deren Abstieg kam genauso wenig über­ra­schend wie unser gezo­genes Europa-Ticket. Anschlie­ßend gab’s sehr viele dunkle Biere in der Alt­stadt und eine Feier, bis die Sonne wieder majes­tä­tisch über dem Fran­ken­land schien. Ob sie wirk­lich schien, weiß ich ehr­lich gesagt gar nicht mehr. Aber in meiner Erin­ne­rung tut sie es. Den Club“ ver­binde ich also mit einer der besten Aus­wärts­fahrt meines Lebens. Da würde ich gerne wieder hin, wenn alles wieder so ist wie früher. Bier­chen in der Sonne, später in den Gäs­te­block und danach in die Stadt. Neue Men­schen, neue Kneipen, neue Geschichten. Oh Gott, ich ver­misse den nor­malen Fuß­ball so sehr.