Ronnie Hell­ström, am Dienstag spielt Schweden gegen Deutsch­land. Sie arbeiten im Außen­dienst für einen deut­schen Bau­markt in Schweden. Kein Pro­blem, den Tag frei zu bekommen für Sie, oder?
Ach, nein, so ist das nicht. Ich arbeite bis sechs Uhr und dann schaue ich mir das Spiel zuhause an.

Sie sind also nicht in Berlin?
Nein, ich habe zum Spiel keine Ein­la­dung bekommen. Schade, aber so ist das. Nicht so tra­gisch.

Sind Sie selbst Heim­werker?
Selbst­ver­ständ­lich. Ich habe ein eigenes Haus, und was soll ich sagen: Es gibt immer was zu tun. (lacht) Unser Spruch ist wirk­lich gut.

Kaum vor­stellbar, dass Zlatan Ibra­hi­movic mal für einen Bau­markt Hun­derte Auto­bahn-Kilo­meter abspult. Was halten Sie vom schwe­di­schen Super­star?
(lacht) Nein, der hat andere Inter­essen und muss auch später sicher nicht mehr arbeiten. Ich kenne ihn per­sön­lich, habe zwei Jahre in Malmö mit ihm gear­beitet, Anfang der 2000er, bevor er nach Ams­terdam gewech­selt ist. Er ist heute ein ganz anderer Mensch als damals. Er hat sich sehr ver­än­dert, auch was seine Intel­li­genz angeht. Manche mögen seine Men­ta­lität nicht, aber ich mag ihn sehr. Er ist ein sehr guter Fuß­baller und ein sehr cle­verer junger Mann geworden.

Viele halten ihn für einen der größten Ego­isten des Fuß­balls.
Okay, man muss auch ein biss­chen ein Egoist sein, das bringt seine Posi­tion auch mit sich.

In Kai­sers­lau­tern und der Pfalz werden Sie immer noch überall erkannt. Wie ist das in Schweden?
Ganz anders. Obwohl: Auf dem Land und in den kleinen Städten werde ich oft ange­spro­chen. Dann heißt es: Oh, was machst du denn hier, gibt’s heute Abend ein Fuß­ball­spiel?“ Aber in den Groß­städten taucht man unter.

Geht man mit den Alt­stars in Schweden anders um?
Die Hel­den­ver­eh­rung ist hier nicht so groß. Es heißt dann, nur weil du früher ein guter Fuß­baller warst, brauchst du uns ja heute nicht damit zu kommen. Man spielt 20 Jahre für einen Verein und bekommt trotzdem keine Tickets, weil jetzt andere Leute am Ruder sind. Ich habe damit kein großes Pro­blem, aber ich spreche auch für meine Mann­schafts­ka­me­raden von damals, denen es genauso ergeht. In Deutsch­land ist das ganz anders, die guten Spieler von früher werden immer ein­ge­laden. In Kai­sers­lau­tern haben sie sogar einen Bereich in einer Loge nach mir benannt. Ich bin min­des­tens zweimal im Jahr da.

Sie haben mit 21 Jahren Ihre erste WM gespielt, 1970 in Mexiko. Wie war das für den jungen Mann vom kleinen Stock­holmer Klub Hamm­arby?
Das war natür­lich ein großes Ding. Leider habe ich gleich im ersten Spiel gegen Ita­lien einen großen Fehler gemacht. Ich hatte erst 24 Stunden vorher erfahren, dass ich spiele, weil sich unser Trainer nicht fest­legen wollte. Das war nicht optimal für einen jungen Tor­wart. Ich war nervös, dann kam ein ein­fa­cher Ball auf mich zu, und ich habe ihn rein­ge­lassen. Die Medien haben dann natür­lich alle Schuld auf mir abge­laden. Wie konnte er den über­haupt auf­stellen?“, hieß es. Die letzten beiden Spiele saß ich nur auf der Tri­büne – nicht mal auf der Bank, die dop­pelte Bestra­fung! Ich wollte aber nicht der Idiot sein und habe mich zurück­ge­kämpft. Nach ein paar U21-Spielen war ich schon ein paar Monate später wieder zurück. Viel­leicht war diese erste Erfah­rung gut. Man muss Stärke nach der Nie­der­lage zeigen.

Die Zeiten haben sich geän­dert: Sie hatten als Natio­nal­spieler mit Ihren Kol­legen noch die Zeit, einen Kin­der­film abzu­drehen: Fimpen, der Knirps“.
Ja, unvor­stellbar. Einige Szenen haben wir vor rich­tigen Qua­li­fi­ka­ti­ons­spielen im Sta­dion gedreht, in der Sowjet­union und gegen Öster­reich. Da gab es einen rich­tigen Anstoß, sogar die geg­ne­ri­sche Mann­schaft hat ein biss­chen mit­ge­macht. Aus heu­tiger Sicht unglaub­lich, dass die Uefa das zuge­lassen hat. Viel­leicht ist das des­halb auch heute so ein Kult­film.

Erin­nern Sie sich an die skur­rilste Geschichte bei den Dreh­ar­beiten?
Der Regis­seur Bo Wider­berg war ein biss­chen ver­rückt. Im Trai­nings­lager auf Madeira drehten wir eine Szene in der Kabine, dafür hat er alles demon­tiert, die ganzen Bänke und die Ein­rich­tung. Plötz­lich kam die Polizei und hat ihn wegen Sach­be­schä­di­gung ein­ge­sperrt, einen Tag hat er gesessen dafür. (lacht)

Das Spiel am Dienstag in Berlin weckt Erin­ne­rungen an die WM 2006, als es in der Vor­runde eine gelb-blaue Inva­sion gab.
Ja, und ich war auch dabei! Das war super. Wir sind auf dem Fluss hin- und her­ge­fahren, wie heißt der noch…?

Spree?
Ja, genau. Auf der Spree. Wir waren auf dem Boot und haben schwe­di­sche Lieder gesungen. Ich war mit einer ganzen Rei­se­gruppe unter­wegs, die Leute am Reichstag haben viel­leicht geguckt! Überall hieß es, Oh, da kommen die Schweden!“ Und im Sta­dion war es wie ein Heim­spiel für uns. Und hin­terher haben wir noch auf der Fan­meile gefeiert. Gut, da haben mich natür­lich alle gekannt. Ich hatte gar keine Chance, mir mal selbst ein Bier zu kaufen…

Die EM in diesem Jahr war dagegen eine Ent­täu­schung.
Die EM lief nicht gut, wir haben gegen die Ukraine und auch gegen Eng­land ver­loren, das war fast schon ein biss­chen pein­lich. Frank­reich war dann ohnehin schon weiter. Nein, wenn man schon mal dabei ist, muss man doch gute Leis­tungen bringen.

Was machen Ihre Erben? Seit Thomas Ravelli hatten die Schweden keinen her­aus­ra­genden Tor­wart mehr.
Nach Ravelli kam schon Andreas Isaakson, der heute noch im Tor steht. Jetzt haben wir ein paar gute Keeper in der U21, hinter Isaakson in der Natio­nalelf gibt es Johan Wiland vom FC Kopen­hagen und Pär Hansson von Hel­sing­borg. Hansson hat viel Talent, aber er hat Pro­bleme mit den Füßen, mit dem Spiel­aufbau. Das kannst du dir heute nicht mehr erlauben.

Wie stehen die Chancen der Schweden am Dienstag?
Die Abwehr ist neu, sie muss gut spielen, auch Isaakson, das ist mal das wich­tigste. Aus­wärts hatten wir es immer schwer. Damals haben wir nur in Schweden zweimal gegen die Deut­schen gewonnen, aus­wärts haben wir immer ver­loren. Ein Unent­schieden wäre schon bombig für uns, aber die Deut­schen werden ver­su­chen, alle Heim­spiele zu gewinnen, und nor­ma­ler­weise schaffen die das auch.