Mir wurde das Ein­trachtgen“ auf eine sehr unge­wöhn­liche Weise ein­ge­impft. Mein Vater war ein US-Soldat, sta­tio­niert in einer Klein­stadt im Norden von Baden-Würt­tem­berg, etwa eine Stunde süd­lich von Frank­furt. Für ihn gab es, bevor er nach Deutsch­land kam, nur eine Reli­gion, das waren die Crimson Tide“, ein pres­ti­getraech­tiges Foot­ball­team aus Ala­bama. Ich weiß immer noch nicht, wie er eigent­lich zur Ein­tracht gekommen ist, aber er hat sein Wohn­zimmer in einer Vor­stadt von Atlanta heute immer noch voll mit Tetra-Pak-Tri­kots und allerlei SGE-Fan-Uten­si­lien. 

Ich erzähle das, weil mein Vater mich zu meinen ersten Ein­tracht­spielen mit­ge­nommen hat. Heute fragt er mich immer noch: You remember, Wald­sta­dion, the G‑Block?“. Zu jener zeit gab es noch den Fuss­ball 2000 in Frank­furt zu bewun­dern. Mit Mau­rizio Gaud­inho, Uwe Bein, Anthony Yeboah und eben Jay-Jay Okocha. Als Kind glaubte ich, dass die Ein­tracht die beste Mann­schaft der Welt war.

Jay-Jay half mir auf die Beine

Doch in der Saison 1995/1996 stieg die Ein­tracht ab und gab anschlie­ßend ein Freund­schafts­spiel auf dem Platz meines dama­ligen Hei­mat­ver­eins SV Wert­heim. Mein Vater nahm mich natür­lich mit zum Sport­platz an der Tauber, was dort pas­sierte, werde ich nie ver­gessen. Groß und Klein waren alle sofort nach dem Abpfiff auf Auto­gramm­jagd, erstes Opfer war der völlig abge­nervte Andy Köpke, der mir eine Pfütze auf meine Auto­gramm­karte malte. Gut, meine F‑Ju­gend-Freunde haben mich aus­ge­lacht, das wir mir aller­dings egal, schließ­lich war eigent­li­ches Ziel­ob­jekt er: Jay-Jay Okocha.

Er stand vor dem Mann­schaftbus, ein rie­siger Men­schenmob rannte auf ihn zu, ich in meiner kind­li­chen Nai­vität natu­er­lich vorne weg. Ich rannte, soweit mich meine kurzen Beine tragen konnten, dann wurde ich vom Mob hinter mir kurz vor JJ“ nie­der­ge­rissen, die älteren Fans rannten mich ein­fach über den Haufen.

Wie die Szene aus Slumdog Mil­lion­aire

Jay-Jay sah das und griff ein, schubste die anderen Fans weg, half mir auf und gab mir ein Auto­gramm. Die Szene ist in etwa mit der ver­gleichbar, in der der Junge von Slumdog Mil­lion­aire mit Kot über­deckt seinem Lieb­lings-Film­star begeg­nete.

Seitdem habe ich keine Folge von Euro­Goals auf Euro­sport ver­passt. Mario Jardel war zwar toll, aber Okocha war für mich der eigent­liche Star der Sen­dung, ich habe es sogar geschafft, meine Mutter trotz Fern­seh­ver­bots mehr­fach zu über­reden, wenigs­tens am Dienstag Euro­Goals zu sehen. Es gab für mich nichts Schö­neres, als mit zehn Jahren im lokalen Schwimmbad die JJ-Hacken­schleuder“ nach­zu­ahnen…

Jay-Jays Kar­riere ging weiter. Er wech­selte Ver­eine, gewann und verlor und zau­bert, wäh­rend ich langsam erwachsen wurde. Inzwi­schen wohne ich in Texas und spiele mit Süd­ame­ri­ka­nern und Nige­ria­nern Fuß­ball. Nach erfolg­rei­chen Tricks fragen sie mich: Where do you got those mad moves?“ Ich ant­worte nur: Jay-Jay Okocha“ und alle nicken und sagen: Of course, Frank­furt!“.

Heute sitze ich mit meinem Vater neben einer Crimson Tide-Flagge und Ein­tracht-Trikot auf seiner Ter­rasse in Georgia und wir schwärmen jeden Abend von Oka Nikolov, Anthony Yeboah. Und meinem lebens­langem Vor­bild, Jay Jay Okocha.