Seite 2: Die unterschiedlichsten Trinkertypen

Wobei nicht ver­gessen werden sollte, dass die weitaus grö­ßeren Alko­hol­mengen ohnehin schon vor dem Sta­di­on­be­such ein­ge­nommen werden. In den Rei­se­bussen der Aus­wärts­fans wird ab ZOB geli­tert, was das Zeug hält, schon um die Que­rung depri­mie­render Land­striche wie Ost­west­falen-Lippe, Rhei­ni­sche Bucht oder Huns­rück ohne see­li­schen Schaden zu ertragen. Um dem wilden Gebe­cher einen gesel­ligen Anstrich zu geben, werden in den Bussen gerne Trink­spiele ver­an­staltet. Womög­lich ist auch noch jenes Spiel en vogue, das sich Anfang der neun­ziger Jahre großer Beliebt­heit erfreute und Stille Bier-Post“ genannt wurde. Einer in den vor­deren Reihen nahm osten­tativ einen großen Schluck Bier, der dann von Mund zu Mund durch die Reihen wei­ter­ge­geben wurde. Ein kuli­na­ri­sches Ver­gnügen ins­be­son­dere dann, wenn die Hälfte der Bus­be­sat­zung zuvor beim Halt auf dem Rast­platz kräftig an der Fisch­theke zuge­griffen hatte. Vom Pfand der in den Bussen vor den Sta­dien zurück­ge­las­senen Bier­fla­schen ließe sich jeden­falls auf einen Schlag der Bun­des­haus­halt sanieren.

Unter­dessen sorgen auch die Heim­fans schon vor Betreten des Sta­dions für die alko­ho­li­sche Grund­ver­sor­gung. Was vor allem daran liegt, dass in vielen Sta­dien das Bier in der denkbar depri­mie­rendsten Form gereicht wird. Als habe man einen Tank­de­ckel geöffnet, wird der Gers­ten­saft mit einer schnöden Zapf­pis­tole in einen Plas­tik­be­cher geschossen. Ein gutes Pils braucht sieben Minuten, sagt der West­fale. Ein schales Pils braucht sieben Sekunden, sagt Ara­mark. Besser schmeckt das Bier auch nicht dadurch, dass der Plas­tik­humpen in der Regel mit einem längst an einen Zweit­li­gisten aus­ge­lie­henen Ersatz­spieler bedruckt ist und dass bis zur Rück­gabe Pfand in Höhe eines halben Monats­lohns ein­be­halten wird. Dann doch lieber die Bier­büchse von der Bude, die den Fan sowohl die Anfahrt in der völlig über­füllten U‑Bahn gemeinsam mit einer Horde strammer Rechts­aus­leger als auch die Lei­bes­vi­si­ta­tion am Sta­di­on­ein­gang über­stehen lässt, an deren Ende stets mit tri­um­phie­rendem Blick ein Feu­er­zeug aus der Jacken­ta­sche gezogen und stolz den Kol­legen gezeigt wird.

Voll­trunken durch Alko­hol­freies

Im Sta­dion gibt es natür­lich ganz unter­schied­liche Trin­ker­typen. Und nicht wenige davon haben den Ruf der Spe­zies ziem­lich rui­niert. Rät­sel­haft etwa jene Anhänger, die eine halbe Stunde vor Spiel­be­ginn ein Bier erwerben, um sich dann bis zum Abpfiff krampf­haft daran fest­zu­halten. Im Zehn-Minuten-Takt nehmen sie ganz vor­sichtig kleine Schlück­chen, zuver­lässig ist dabei jedes Mal hin­terher mehr im Becher als vorher. Am Ende ist das Getränk nur noch für Ein­ge­weihte als Bier zu erkennen. Min­des­tens ebenso ver­stö­rend sind jene, die drei alko­hol­freie Biere zu sich genommen haben und sich trotzdem ab der 70. Minute wie ein Voll­trun­kener am Wel­len­bre­cher fest­halten. Ein Ver­halten, das stark an die Zeit­ge­nossen erin­nert, denen früher auf Abi-Partys ein aus frisch gezupften Arsch­haaren und her­kömm­li­chem Tabak gedrehter Joint über­reicht wurde und die den­noch nach drei tiefen Zügen mit gla­sigem Blick behaup­teten, oh Mann, es wirke schon. Ein eher hap­ti­sches Ärgernis sind schließ­lich all die­je­nigen, die an der Theke direkt zwei Bier­be­cher erwerben. Der eine Becher wird gleich beim ersten Tor im all­ge­meinen Getümmel mit rou­ti­nierter Aus­hol­be­we­gung durch den Block geworfen. Wenn dann bier­trie­fende Anhänger wut­be­bend die Stufen hin­auf­stapfen, um den Werfer zu bergen und fach­ge­recht auf­zu­bre­chen, hält der als schla­genden Beweis seiner Unschuld bereits den zweiten Bier­be­cher in der Hand.

Nein, wirk­lich sym­pa­thisch ist allein der gedie­gene Nor­mal­ver­brau­cher, der wie wir an einem Spieltag zwei bis maximal fünf Por­tionen Bier zu sich nimmt und damit jenen höheren Bewusst­seins­zu­stand erreicht, der uns gleich auf den ersten Blick abkip­pende Sechser, fal­sche Neuner und fluide Fünfer erkennen lässt. Aller­dings erst am nächsten Morgen, wenn wir ver­ka­tert die Wie­der­ho­lung schauen und dann doch ziem­lich über­rascht über den Spiel­aus­gang sind. Echt, wir haben gewonnen?