Seite 3: „Ich explodiere erst, wenn jemand gegen unsere Werte verstößt"

Beim VfB gibt es gerade einen sehr scharf geführten Macht­kampf zwi­schen Thomas Hitzl­sperger und Ver­eins­prä­si­dent Claus Vogt. Inwie­fern beein­flusst das direkt oder indi­rekt Ihre Arbeit?
Für uns geht es darum, uns auf das zu fokus­sieren, was wir beein­flussen können. Und das ist die Arbeit auf dem Platz. Ich habe das Thema mit der Mann­schaft bespro­chen. Wir blenden aus, was uns nicht unmit­telbar betrifft. Das ist uns in der Ver­gan­gen­heit gut gelungen und ich bin davon über­zeugt, dass uns das auch in diesem Fall gelingt.

Sie behaupten von sich: In mir bro­delt ein Vulkan.“ Aber wer Ihnen zuhört oder Sie beob­achtet, fragt sich, ob der Vulkan auch mal aus­bricht.
Ich kann hitzig streiten, aber das geht nicht über eine bestimmte Grenze hinaus. Ich explo­diere erst, wenn jemand gegen unsere Werte ver­stößt. Es ist kein Pro­blem, einen Fehler zu machen. Die Frage ist aber: Wie ist der Fehler ent­standen und wie ist die Reak­tion darauf? Jeder kann mal zu spät kommen, aber pas­siert das, weil einer gerade nur etwas ver­peilt ist, oder drückt sich da-rin eine Respekt­lo­sig­keit gegen­über den anderen aus? Ist jemand bereit, alles für unsere Sache zu inves­tieren, oder inter­es­siert ihn das nicht? Wenn jemand gegen unsere Sache arbeitet oder andere nicht respek­tiert, flippe ich aus.

Was ist die wich­tigste Fähig­keit eines Trai­ners im Pro­fi­fuß­ball?
Das ist nicht auf eine Fähig­keit zu redu­zieren. Nur tak­tisch gut zu sein oder nur auf mensch­li­cher Ebene eine Ver­bin­dung her­zu­stellen, reicht nicht. Man muss beides können. Ich habe zudem den Anspruch, den Spie­lern per­sön­lich zu helfen und ihnen Raum zur Ent­fal­tung zu geben. Des­halb ver­suche ich auch immer, Ver­bin­dungen her­zu­stellen zwi­schen dem, was auf dem Platz und im Leben pas­siert.

Wie können wir uns das kon­kret vor­stellen?
Wir haben heute im Trai­ning eine Übung gemacht, die an der Ober­grenze der Kom­ple­xität war. Die Spieler haben damit geha­dert, sie sind ins Schwimmen geraten, aber es gab unter­schied­liche Reak­tionen darauf. Die einen haben sich durch­ge­bissen, andere haben das inner­lich abge­hakt, eine nega­tive Aus­strah­lung ent­wi­ckelt und dadurch andere blo­ckiert. Nach dem Trai­ning habe ich das mit den Spie­lern nach­be­reitet, denn dass man in sol­chen Situa­tionen dran­bleibt und nicht resi­gniert, ist auch im Leben wichtig

Matrazzo 2020 12 11 Freunde Matarazzo 30 WEB
Ramon Haindl

Sie waren zwei Jahre lang der Assis­tent von Julian Nagels­mann, der im Trai­ning viel mit gezielter Über­for­de­rung arbeitet, so dass das eigent­liche Spiel letzt­lich als ein­fa­cher erfahren wird. Haben Sie das von ihm über­nommen?
Es ist sicher ein Teil meines Trai­nings­kon­zepts. Wenn man an die Grenzen geht oder dar­über hinaus, muss man auch wieder Sta­bi­lität geben. Über­for­dern, durch­wühlen, wachsen, Sicher­heit geben, in dieser Abfolge kann man Energie schaffen. Zu viel Über­for­de­rung wäre gerade für eine junge Mann­schaft wie unsere letzt­lich nicht gut.

Nagels­mann folgt 31 Spiel­prin­zi­pien und einem Cur­ri­culum, nach dem er das lehrt. Folgen Sie dem auch?
Mit Julian zu arbeiten, war sehr berei­chernd, und ich habe einige Punkte mit­ge­nommen. Für mich ver­läuft das Cur­ri­culum eher spi­ral­förmig. Schon in der Vor­be­rei­tung will ich alle Inhalte schon mal ange­spro­chen haben, um sie dann im Laufe der Saison zu wie­der­holen und immer detail­lierter zu ver­tiefen. Sonst ver­gessen die Spieler das. Es ist auch teil­weise abhängig vom Gegner, was ich im Laufe einer Woche wie­der­hole. Ver­tei­digt ein Gegner tief, sind andere Inhalte gefragt, als wenn wir gegen eine hoch pres­sende Mann­schaft spielen.

Wie planbar sind Fuß­ball­spiele?
Warum sollten sie nicht planbar sein?

Weil beim Fuß­ball der Zufall eine so große Rolle spielt.
Ergeb­nisse sind natür­lich nicht zu planen, aber das Gesicht eines Spiels, wie wir angreifen wollen oder wo wir Bälle erobern wollen, das ist durchaus planbar.

Gibt es Trainer, die Sie beson­ders inspi­riert haben?
Viele. In Nürn­berg habe ich von vielen Chef­trai­nern etwas mit­nehmen können, von Gert-Jan Ver­beek, Dieter Hecking oder René Weiler. Oder Pep Guar­diola, bei dem ich beim FC Bayern im Rahmen meiner Fuß­ball­leh­rer­aus­bil­dung ein sie­ben­wö­chiges Prak­tikum gemacht habe. Es war sehr inter­es­sant, mit seinem Assis­tenten Domenec Tor­rent über Taktik zu dis­ku­tieren, in einem Mix aus Spa­nisch und Ita­lie­nisch. Jürgen Klopp oder Chris­tian Streich in ihrer authen­ti­schen Art haben mich beein­flusst. Aber für mich geht die Reise nach innen. Wenn ich dem Publikum etwas anzu­bieten ver­suche, das nicht zu mir passt, werde ich nicht erfolg­reich sein. Ich werde nie Klopp oder Guar­diola sein können, son­dern immer nur Pel­le­grino Mata­razzo.

Wenn Stutt­gart spielt, sitzt die ganze Familie im VfB-Trikot bei meinem Bruder in der Garage und schaut das Spiel“

Thomas Hitzl­sperger sagt, dass Sie keinen Wert darauf legen, bekannt zu werden. Stimmt das?
Das ist sicher­lich nicht meine erste Prio­rität.

Son­dern?
Mit einem Team ein Ziel errei­chen zu wollen und dabei Men­schen zu bewegen. Es ist ein schönes Gefühl, Teil von etwas Grö­ßerem zu sein.

Siege sind die Beloh­nungen?
Nicht nur Siege, auch Fort­schritte können Erfolge sein. Also wenn ein Spieler etwas beherrscht, was er vorher nicht umsetzen konnte. Oder wenn ein Mit­ar­beiter im Trai­ner­stab sich auf neue Weise ent­faltet.

Früher haben Sie mit Ihrem Vater die Spiele des SSC Neapel ange­sehen – wird in New Jersey inzwi­schen der VfB Stutt­gart geschaut?
Na klar. Die ganze Familie sitzt im VfB-Trikot bei meinem Bruder in der Garage, da hängt eine rie­sige Stutt­gart-Fahne an der Wand. Mein Bruder schickt mir ab und zu einen Zusam­men­schnitt, wie alle unsere Tore beju­beln. Das sind sehr emo­tio­nale Momente.

Und Ihr Vater muss seine Liebe zu Napoli mit der zum VfB Stutt­gart unter einen Hut bringen?
Gerade ist die zum VfB sehr intensiv. Jedes Mal, wenn ich ihn nach einem Sieg anrufe, kann er gar nicht auf­hören, mir zu erzählen, wie toll dies und jenes gewesen ist.

Träumt er ins­ge­heim davon, dass Sie irgend­wann mal Trainer in Neapel werden?
Dazu hat er noch nichts gesagt, aber viele meiner Ver­wandten in Ita­lien fragen, wann ich denn end­lich Napoli trai­niere. (Lacht.)