Seite 2: „Ich lächelte einen Fan freundlich an, er spuckte mir ins Gesicht"

Sie hatten eine der besten Uni­ver­si­täten des Landes mit sehr guter Note abge­schlossen, die Berufs­welt stand Ihnen offen, wollten aber unbe­dingt in Europa Fuß­ball spielen. Es ging aber nicht zum SSC Neapel oder FC Bayern, son­dern zu Ein­tracht Bad Kreuz­nach, wo Sie Ihr erstes Spiel in der Ober­liga Süd­west vor 1200 Zuschauern gegen den SC Idar-Ober­stein machten – und auch noch mit 0:1 ver­loren.
Noch besser wurde es drei Tage später in Worms. Als wir nach Abpfiff zur Kabine gingen, stand da ein Fan hinter dem Zaun, der uns wild beschimpfte. Ich habe natür­lich kein Wort ver­standen und habe ihn freund­lich ange­lä­chelt, da hat er mir ins Gesicht gespuckt. Da dachte ich: Okay, will­kommen im euro­päi­schen Fuß­ball!

Was war Ihr Traum?
Die Bun­des­liga. Aber wohin irgendwas führt, dar­über habe ich mir nie Gedanken gemacht, auch heute nicht. Ich schaue nur, ob sich etwas richtig anfühlt, und gebe dann alles dafür.

Sie haben es bei Wehen Wies­baden, Preußen Münster, Wat­ten­scheid und Nürn­bergs zweiter Mann­schaft aber letzt­lich nie über die Dritte Liga hinaus geschafft.
Es sah zwi­schen­durch mal so aus, als könnte es wei­ter­gehen. In Wat­ten­scheid 2005/06 hatte ich den Beschluss gefasst: Ent­weder schaffe ich es bis zum Sai­son­ende in die zweite Liga oder ich kehre wieder nach Hause zurück, um was mit dem anzu­fangen, das ich im Stu­dium gelernt habe.

Und dann kam alles ganz anders.
Ja, ich hatte schon ange­fangen, Erin­ne­rungs­stücke in die USA zu bringen, die heute übri­gens immer noch bei meinen Eltern zu Hause liegen. Doch dann wollten Dieter Nüs­sing und Rainer Zietsch, dass ich als erfah­rener Spieler die zweite Mann­schaft des 1. FC Nürn­berg führe. Das Inter­es­sante daran war, dass ich par­allel Trai­ner­li­zenzen machen konnte.

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Ramon Haindl

Stimmt es, dass Sie auch aus­ge­bil­deter Ath­letik- und Reha­trainer sind sowie im NLZ des 1. FC Nürn­berg für die psy­cho­lo­gi­sche Betreuung der Spieler zuständig waren?
Ich bin kein aus­ge­bil­deter Trainer, was Ath­letik und Reha angeht, ich war aber inter­es­siert an allem, habe auch eine Aus­bil­dung als Trainer für Life Kinetik gemacht und die sport­liche Koor­di­na­tion mit den Eli­te­schulen des Fuß­balls in Nürn­berg über­nommen. In Bereich Sport­psy­cho­logie haben wir mit der Uni Erlangen zusam­men­ge­ar­beitet. Ich habe Jugend­mann­schaften beim Club trai­niert, außerdem war ich Über­gangs­ko­or­di­nator und habe ein Kon­zept ent­wi­ckelt, um die Top­ta­lente in die erste Mann­schaft zu inte­grieren. Mein Plan war, sobald ich auf der Leiter nach oben ste­cken­bleiben würde, mit all den Erfah­rungen in die USA zurück­zu­kehren.

Nur, dass es immer weiter nach oben ging.
Ja, bis­lang war das glück­li­cher­weise so.

Sie haben den VfB Stutt­gart im Dezember 2019 über­nommen und ein ziem­lich tur­bu­lentes Jahr erlebt. Mitte Juni ging in der zweiten Liga noch das Derby in Karls­ruhe ver­loren. Genau sechs Monate später hat Ihre Mann­schaft als Auf­steiger mit 5:1 in Dort­mund gewonnen. Wie ist das zu erklären?
Ich glaube, ent­schei­dend war, dass wir inhalt­lich geblieben sind.

Was wäre der Gegen­satz dazu gewesen?
Sich nur auf die Resul­tate zu fokus­sieren. Der Weg zum Erfolg ist mir wich­tiger als der Erfolg. Denn Erfolge kommen auto­ma­tisch, wenn der Weg stimmt.

Das mag seltsam klingen, aber ich war von meiner Ver­trags­ver­län­ge­rung nicht über­rascht“

Die Nie­der­lage in Karls­ruhe gehörte zu einer Serie, in der Ihre Mann­schaft aus vier Par­tien nur einen Punkt holte, der Auf­stieg war akut gefährdet. Waren Sie über­rascht, dass genau in diesem Moment Ihr Ver­trag ver­län­gert wurde?
Das mag jetzt seltsam klingen, aber ich war des­halb nicht über­rascht, weil ich die Logik dahinter ver­standen habe. Und ich hätte es an der Stelle des Vor­stands­vor­sit­zenden Thomas Hitzl­sperger und des Sport­vor­stands Sven Mis­lintat ver­mut­lich auch so gemacht.

Weil es eines sym­bo­li­schen Aktes bedurfte?
Um kein Miss­ver­ständnis auf­kommen zu lassen: Ihre Unter­stüt­zung habe ich auch ohne Ver­trags­ver­län­ge­rung immer gespürt, aber es ging darum, den Trainer nach außen zu stützen und nach innen der Mann­schaft mög­liche Alibis zu nehmen. Und das bei einem Verein, der extrem emo­tional ist.

Sie haben gesagt, dass diese Unter­stüt­zung dazu geführt hat, die rich­tigen Bauch­ent­schei­dungen treffen zu können. Wie ist das zu ver­stehen?
Sie hat mir die Frei­heit gegeben, nach der Nie­der­lage in Karls­ruhe zu mir zurück­zu­kehren. Wir waren etwas vom Weg abge­kommen.

Inwie­fern?
Die Corona-Pause hat dazu geführt, dass wir acht Wochen kein gemein­sames Trai­ning hatten. Dadurch haben wir leider unsere Spiel­idee aus den Augen ver­loren. Das haben wir kor­ri­giert.