Am Mitt­woch stieg am Trai­nings­ge­lände von New­castle United ein Mann mit Maske und Cap aus einem schwarzen Mer­cedes. Kieran Trip­pier winkte einmal kurz, bevor er im Ver­eins­ge­bäude ver­schwand. Dort absol­vierte er den obli­ga­to­ri­schen Medi­zin­check, um dann bei seinem neuen Arbeit­geber aus Nord­eng­land einen Ver­trag bis 2024 zu unter­zeichnen. Ich kämpfe immer, jetzt kämpfe ich für New­castle“, ver­kün­dete Trip­pier zwei Tage später in einem Vor­stel­lungs­video auf dem offi­zi­ellen Insta­gram-Kanal des Klubs. Ich weiß, in wel­cher Posi­tion sie sich befinden, aber ich will da sein und ihnen auf und neben dem Platz helfen, um in der Tabelle zu klet­tern.“ Nach über­ein­stim­menden Medi­en­be­richten über­weist New­castle rund 14,5 Mil­lionen Euro für den eng­li­schen Natio­nal­spieler an Atlé­tico Madrid. Der Transfer soll im St. James’ Park eine neuen Ära ein­läuten.

Seit der Über­nahme durch ein Kon­sor­tium um Saudi-Ara­biens Staats­fonds im Oktober 2021 ist New­castle United in aller Munde. Fans und Experten spe­ku­lieren über mög­liche Neu­zu­gänge und inwie­weit der Klub den euro­päi­schen Spit­zen­fuß­ball in den kom­menden Jahren prägen könnte. Namen wie Eden Hazard, Dele Alli, Nabil Fekir oder Ous­mane Dem­bélé wurden in den Raum geworfen, sie alle ent­puppten sich aber bis­lang als Nebel­kerzen.

Und das hat einen guten Grund. Denn so rosig die ferne Zukunft in New­castle auch aus­sehen mag, so sehr holt die Gegen­wart den Verein in den letzten Monaten gna­denlos auf den Boden der Tat­sa­chen. In der Pre­mier League stehen die Mag­pies mit mageren zehn Punkten auf dem vor­letzten Tabel­len­platz. Erst einmal in dieser Saison ging das Team als Sieger vom Spiel­feld. Auf­grund dieser Lage ergibt der Transfer von Kieran Trip­pier durchaus Sinn und zeigt, dass den Ver­ant­wort­li­chen bewusst ist, wo der Schuh drückt.

Ein defen­sives Tier

Kieran Trip­pier gehört zu der Sorte Spieler, die in New­castle im Abstiegs­kampf hän­de­rin­gend gesucht werden. Dabei hat sich der eng­li­sche Natio­nal­spieler in den letzten Jahren nicht mit den unteren Tabel­len­re­gionen aus­ein­an­der­setzen müssen. Mit Atlé­tico Madrid fei­erte Trip­pier im ver­gangen Jahr den Gewinn der spa­ni­schen Meis­ter­schaft, mit Tot­tenham Hot­spur stand er 2019 im Finale der Cham­pions League und auch in Eng­lands Natio­nalelf ist der Außen­ver­tei­diger eine feste Größe.

Was Kieran hat, ist wei­test­ge­hend unter­schätzt“, betonte Natio­nal­trainer Gareth Sou­th­gate ver­gan­genen Juni nach Eng­lands Auf­takt­spiel gegen Kroa­tien bei der Euro­pa­meis­ter­schaft 2021. Die Leute sehen in ihm immer noch den Jungen, der er vor einigen Jahren bei Tot­tenham war und nicht das defen­sive Tier, dem bei Atlé­tico Madrid einer der besten und erfolg­reichsten Trainer der Welt ver­traut.“ Trip­pier sei stark in der Deckung und im Eins gegen Eins, wenn es darum gehe, geg­ne­ri­sche Flanken zu ver­hin­dern. Auch seine Kom­mu­ni­ka­tion auf dem Platz sei laut Sou­th­gate her­vor­ra­gend.

Es geht ums nackte Über­leben

Dass Trip­piers Qua­li­täten in New­castle drin­gend benö­tigt werden, zeigt ein Blick auf das Tor­ver­hältnis der Mag­pies. Kein Team hat in dieser Saison mehr Gegen­tore kas­siert. Nur ein ein­ziges Mal stand nach 90 Minuten die Null. Das war Anfang Dezember beim ersten und bis dato letzten Sai­son­sieg gegen den FC Burnley. Es wun­dert also nicht, dass der Verein zunächst in der Defen­sive nach­bes­sern muss, bevor er Geld für die Abtei­lung Offen­sive in die Hand nimmt.

Gleich­zeitig zeigt dieses Vor­gehen auch, dass für New­castle in dieser Spiel­zeit nicht Glanz und Gla­mour auf dem Platz zählen. Es geht einzig und allein ums nackte Über­leben. Trainer Eddie Howe und das Prä­si­dium scheinen erkannt zu haben, dass die Mag­pies sich noch nicht mit Schwer­ge­wichten wie dem FC Liver­pool oder Man­chester City messen sollten. Dre­ckige 1:0‑Siege gegen Mann­schaften wie Burnley, Nor­wich City oder den FC Wat­ford sind für den neu­rei­chen Klub aktuell mehr wert. Für dieses Vor­haben ist die Defen­sive der Schlüssel.

Mit Kieran Trip­pier gelingt der Ver­ant­wort­li­chen den­noch ein außer­ge­wöhn­li­cher Coup. Denn die Stärken des Außen­ver­tei­di­gers liegen zwar grund­sätz­lich in der Abwehr­ar­beit, doch auch im Angriffs­drittel besitzt der Natio­nal­spieler Fähig­keiten, die New­castle beson­ders im Abstiegs­kampf zugute kommen dürften. Trip­pier ist bekannt für seine Stan­dard­stärke. In Eng­land ist sein Frei­stoßtor im WM-Halb­fi­nale 2018 bis heute unver­gessen.

Zusätz­lich besticht Trip­pier als Vor­la­gen­geber. Sechs Treffer konnte er in der letzten Spiel­zeit für Madrid in der Liga auf­legen. Atlé­tico-Legende Kiko nannte Trip­pier einmal einen Außen­ver­tei­diger mit dem Fuß eines Spiel­ma­chers“. In New­castle dürfen sie sich also auf einen Spieler freuen, der die Defensiv- und Offen­siv­reihen der Gegner glei­cher­maßen zur Ver­zweif­lung bringt. Er ist genau das, was sie brau­chen“, sagte Eng­lands Ex-Natio­nal­spieler Darren Bent bei talk­SPORT noch kurz vor dem Wechsel.

Keine Chance bei Digne, Botman in der Schwebe

Mit Kieran Trip­pier ist die Arbeit in Nord­eng­land für das Winter-Trans­fer­fenster aber noch nicht abge­schlossen. Für die Defen­sive sucht New­castle wei­tere Ver­stär­kungen. Als gefes­tigter Pre­mier League-Spieler gehört Ever­tons Links­ver­tei­diger Lucas Digne in eine ähn­liche Kate­gorie wie Trip­pier. Der Fran­zose habe aber laut Trans­fer­ex­perte Fabrizio Romano kein Inter­esse an einem Wechsel in den St. James‘ Park.

Der Blick rich­tetet sich des­halb auch nach Frank­reich. Für den 21-jäh­rigen Sven Botman vom OSC Lille soll New­castle ein Angebot abge­geben haben. Fabrizio Romano will von einer 35-Mil­lionen-Euro-Offerte für den Innen­ver­tei­diger wissen, die die Fran­zosen aber vor­erst abge­lehnt haben. Botman, aktuell der zweit­teu­erste U21-Ver­tei­diger der Welt, könnte im Laufe des Januars aber doch noch nach New­castle wech­seln. Laut Romano würden die Mag­pies bald einen erneuten Vor­stoß wagen. Die bri­ti­sche Zei­tung The Guar­dian hatte zudem berichtet, dass der OSC Lille ab einer Summe von 40 Mil­lionen Pfund (knapp 48 Mil­lionen Euro) schwach werden könnte.

In New­castle hätte ein mög­li­cher Transfer von Botman gleich zwei Funk­tionen. Einer­seits könnte der Nie­der­länder gemeinsam mit Trip­pier die Defen­sive in der anste­henden Rück­runde stärken, um das pri­märe Ziel Klas­sen­er­halt zu errei­chen. Ande­rer­seits wäre der Ver­tei­diger auch eine Inves­ti­tion in die Zukunft, um ab der kom­menden Saison in der Pre­mier League wirk­lich oben anzu­greifen. Denn der eigent­liche Umbruch bei New­castle United beginnt noch gar nicht jetzt, son­dern erst im nächsten Sommer. Dann werden die Mag­pies aller Vor­aus­sicht nach auf dem Trans­fer­markt eine noch grö­ßere Shop­ping­tour starten als in diesem Winter und sicher­lich auch ihre Offen­sive mit Hoch­ka­rä­tern bestü­cken. Vor­aus­set­zung dafür ist natür­lich der Liga­ver­bleib. Und den soll vor allem einer sichern: Kieran Trip­pier.