Otto Reh­hagel wusste schon immer alles besser. Bei mir zählen nur glatte Brüche“, gab der König von Bremen einst kernig zu Pro­to­koll, als ihn Jour­na­listen zum Gesund­heits­zu­stand seines Kaders befragten. Und in der Tat: Reh­ha­gels Getreue an der Weser erar­bei­teten sich schnell den Ruf, nicht nur eine erfolg­reiche, son­dern auch knüp­pel­harte Truppe zu sein. Hart zum Gegner, hart zu sich selbst. Ehe­ma­lige Spieler berichten davon, wie sie Bän­der­risse mit Tape­ver­band und Spritzen zu igno­rieren ver­suchten, um im nächsten Moment mit dem ver­letzten Gelenk in des Geg­ners Beine zu springen. Waren ja auch keine glatten Brüche. In Bremen wird die Genera­tion Bratseth, Otten, Borowka und Neu­barth bis heute dafür ver­ehrt. Harte Hunde ver­gisst man nicht eben.

Der Bel­gier Vin­cent Kom­pany stand bis­lang eben­falls nicht unter Ver­dacht, ein weh­lei­diges Weichei des Welt­fuß­balls zu sein. 1,91 Meter groß, 83 Kilo schwer, die Statur eines Gara­gen­tors. Einer von diesen Abwehr­spie­lern, die eher zart besai­teten Stür­mern in ihren Alp­träumen erscheinen. Doch nun hat sich Kom­pany die Ehren­nadel aus Stahl­beton ver­dient, er ist inof­fi­zi­elles Mit­glied der leider noch immer inof­fi­zi­ellen Hall of Fame der harten Hunde. Im WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel seiner Bel­gier gegen Ser­bien prallte der Ver­tei­diger so unglück­lich mit dem geg­ne­ri­schen Tor­wart zusammen, dass sein Gesicht anschlie­ßend aussah, als habe ihn ein Traktor ange­fahren. Die Schre­ckens­bi­lanz: gebro­chene Nase, Brüche in der Augen­re­gion, schwere Prel­lungen im Gesicht, eine leichte Gehirn­er­schüt­te­rung. Mit sol­chen Ver­let­zungen gehen Boxer k.o., Fuß­baller vom Platz und wir in die Not­auf­nahme. Vin­cent Kom­pany stand irgend­wann wieder auf, ließ sich das Blut weg­wi­schen, die Nase zukorken und spielte weiter. Eine Stunde lang. Und wir? Finden das ganz groß­artig.

Auch wir dürfen uns dann als Eisenfuß bezeichnen

Woher kommt die Fas­zi­na­tion für diese harten Kerle? Weil (Herren)Fußball nun mal ein Kerle-Sport ist? Weil wir unser über­schüs­siges Tes­to­steron auf die Jungs auf dem Rasen pro­ji­zieren, und uns irgendwie auch ein Stück weit als Eisenfuß, Eisen­nase oder Axt bezeichnen können, wenn einer unserer“ Spieler sich die Kno­chen bricht oder Kno­chen bre­chen lässt? Weil die kör­per­liche Aus­ein­an­der­set­zung mit all ihren Risiken und Folgen nun einmal zum Fuß­ball dazu­ge­hört und wir, wenn uns der Anblick einer gebro­chenen Nase ohn­mächtig werden ließe, doch sonst dem ört­li­chen Vol­ley­ball­team die (gesunden) Daumen drü­cken würden? Es ist wie beim Fress­sack am kalten Buffet: Von allem ein biss­chen.

Vor allem aber bieten uns solch schmerz­hafte Aus­nah­me­si­tua­tionen die Mög­lich­keit, zur Abwechs­lung einmal unver­nünftig und unver­hält­nis­mäßig sein zu dürfen. Gerne würde man die Oma an der Super­markt­schlange zusam­men­scheißen, weil sie schild­krötig nach Klein­geld sucht. Aber man ist ja ver­nünftig und lächelt geduldig. Gerne würde man seinen Wagen in das Heck des Vor­der­mannes rammen, wenn der mit Tempo 35 durch die 50-Zone gon­delt. Aber man will ja nicht unver­hält­nis­mäßig reagieren. Wenn man sich auch im Sta­dion so ver­nünftig ver­halten würde wie im Alltag, dann hätte man Uli Borowka für seine Grät­schen bei der Polizei anzeigen müssen, statt noch heute davon zu schwärmen. Dann hätte man Wolf­gang Weber in einem empörten Brief fragen müssen, ob er zur Abwechs­lung auch einmal an die Kinder gedacht hatte, als er das Euro­pa­pokal-Vier­tel­fi­nale 1965 gegen den FC Liver­pool mit einem gebro­chenen Waden­bein been­dete. Dann hätte man sich beim Anblick des zer­hauenen Gesichts von Vin­cent Kom­pany ange­wi­dert abwenden und sich ernst­haft fragen müssen, ob das ört­liche Vol­ley­ball­team nicht doch die bes­sere Alter­na­tive zum Fuß­ball gewesen wäre.

Machen wir aber nicht. Wir schreiben und lesen sogar noch ein Lob­lied auf die harten Hunde. Wir bleiben unver­nünftig. Zumin­dest für 90 Minuten.