Carlos Babington, wie um alles in der Welt hat es Sie als argen­ti­ni­schen Natio­nal­spieler nach der WM 74 eigent­lich zu Wat­ten­scheid 09 in die Zweite Liga Nord ver­schlagen?
Ich war jung und wollte unbe­dingt nach Europa. 1973 hatten wir mit Huracán unter César Menotti die Meis­ter­schaft gewonnen, und anschlie­ßend sollte ich zu Stoke City wech­seln. Aber weil ich die Geburts­ur­kunde meines eng­li­schen Groß­va­ters nicht auf­treiben konnte, klappte das nicht. Inter wollte mich auch haben, aber damals durften in Ita­lien nur Aus­länder mit ita­lie­ni­schen Vor­fahren spielen.

Also: Wat­ten­scheid statt Mai­land!
Ja, eines Tages tauchte ein spa­ni­scher Spie­ler­ver­mittler mit einem Koffer voll Geld auf und erklärte mir, dass es sich bei Wat­ten­scheid um einen ambi­tio­nierten Zweit­li­gisten han­delte. In sport­li­cher Hin­sicht war es wohl die fal­sche Ent­schei­dung, denn ich war bei der Welt­meis­ter­schaft zum neunt­besten Spieler gewählt worden. Aber Klaus Steil­mann hatte mich dort spielen gesehen und wollte mich unbe­dingt. So läuft das halt bei Mil­li­ar­dären.

Steil­mann war Tex­til­un­ter­nehmer und Mäzen bei Wat­ten­scheid 09. Wie haben Sie ihn erlebt?
Er hatte zwar eine Schwäche für mich, aber wir haben uns auch oft gestritten. Er war der Mei­nung, dass ich wie die anderen Spieler in seiner Firma arbeiten sollte. Des­halb konnten wir immer erst nach Fei­er­abend trai­nieren, was ich etwas unpro­fes­sio­nell fand.

Waren Sie der ein­zige Voll­profi im Team?
Ja, denn es war bei­nahe obli­ga­to­risch: Wer für den Klub spielen wollte, musste auch im Unter­nehmen arbeiten. Die Leier musste ich mir in meinen vier Jahren im Verein immer wieder anhören!

Wie sind Ihre deut­schen Team­kol­legen mit Ihnen als Natio­nal­spieler und ein­zigem Voll­profi umge­gangen?
Wir Argen­ti­nier sind ein sehr arg­wöh­ni­sches Volk und erwarten eigent­lich immer, dass man uns in den Rücken fällt. Also erschienen mir ange­sichts meiner bes­seren Bezüge Span­nungen vor­pro­gram­miert. Aber weit gefehlt! Ich wurde von allen unge­mein freund­lich und respekt­voll behan­delt. Nach und nach lud mich jeder meiner Mann­schafts­ka­me­raden zu sich nach Hause ein. Aber nur einmal, so war es Sitte.

Sind Sie mit den Kol­legen oder auch mit Steil­mann mal einen trinken gegangen?
Ja, wir hatten sogar eine Ver­eins­kneipe, in der wir abends eine Stunde trinken durften. Ich trinke aber sowieso nicht viel und wenn, dann muss das Bier auch richtig kalt sein. In Deutsch­land fand ich es immer lau­warm. Wenn Klaus Steil­mann da war und etwas getrunken hatte, erzählte er übri­gens oft Geschichten aus dem Zweiten Welt­krieg. Er hatte als Soldat an der Ost­front gedient und war in einem Zug zurück­ge­kommen, wo auf der Fahrt 80 Pro­zent der Sol­daten umkamen. Nur die Zähesten über­lebten“, sagte er immer.

War die Mann­schaft gut im Feiern?
Ich war erstaunt, wie sehr sich meine Kol­legen ver­än­derten, wenn sie ein paar Gläser intus hatten. Ansonsten waren sie sehr zurück­hal­tend, aber nach ein paar Bieren gingen sie aus sich raus und riefen Carlos! Vamos Argen­tina!“ Am nächsten Tag jedoch waren sie dann wieder so distan­ziert wie eh und je. Das zeigte sich auch beim Küssen.

Beim Küssen?
Ja, das ist ein Pro­blem. Bei uns ist es üblich, sich auf die Wange zu küssen und sich zu umarmen, aber in Deutsch­land gibt es nur einen festen Hän­de­druck. Die halten dich für nicht ganz normal, wenn du ver­suchst, sie zu küssen. Und das gilt nicht nur für die Spieler. Eines Tages kam ich nach Hause und mein Sohn Mar­celo spielte mit einem Freund im Wohn­zimmer. Ich küsste meine Frau, dann küsste ich Mar­celo, und als ich seinen Freund küssen wollte, drehte er sich ein­fach weg. Und das als Zwei­jäh­riger, unglaub­lich.