Lieber Thomas Schaaf,

wäh­rend ich diese Zeilen schreibe, höre ich Lebens­lang Grün-Weiß“ in Dau­er­schleife und habe eine Gän­se­haut. Ich finde, das ist die ange­mes­sene Stim­mung, um Ihnen diesen Brief zu schreiben.

Sie sind ab sofort nicht mehr Trainer von Werder Bremen. Das war irgendwie abzu­sehen, aber in meinen Ohren klingt das so, als wenn meine Mutter mir sagen würde: Sohn, ich bin ab sofort nicht mehr Deine Mutter.“ Sur­real, über­ra­schend, ent­setz­lich, falsch. Seit ich denken kann, ist meine Mutter meine Mutter. Seit ich grün und weiß denke, waren Sie Trainer von Werder Bremen. Das ist jetzt vorbei.

Ich kenne die Gründe nicht, warum sie mit sofor­tiger Wir­kung Ihren Posten abge­geben haben. Ich wäre nach Nürn­berg gefahren, um Sie ange­messen zu ver­ab­schieden. Ich hätte gewunken, geklatscht, gesungen und geheult und mich anschlie­ßend eine Woche krank­schreiben lassen. Aber Sie wollten das offenbar nicht. Viel­leicht wäre Ihnen das zu viel geworden, viel­leicht hatten Sie keine Lust darauf, dass Sie die ganze Nation weinen sieht. Viel­leicht hatten Sie auch ein­fach keinen Bock mehr auf diesen SV Werder Bremen, dem Sie seit 1972 ange­hören.

Uns Fans bleibt es jetzt nur noch, Ihnen Danke“ zu sagen.

Danke für 1999, als Sie es schafften, die damals viel­leicht lang­wei­ligste Mann­schaft der Bun­des­liga zu einem auf­re­genden Pokal­sieg gegen die Cham­pions-League-Fina­listen aus Mün­chen zu führen. Ich sah das Spiel bei einem alten Freund und wäre nach dem Elf­me­ter­schießen fast vor Ekstase aus dessen Dach­fenster gefallen.

Danke für Johan Micoud, den ich, ehr­lich gesagt, vorher gar nicht kannte, der aber plötz­lich für Werder Bremen spielte und Ihrer Mann­schaft mit einem Mal eine non­cha­lante Läs­sig­keit ver­passte, die mich stolz das Werder-Trikot durch die Gegend spa­zieren ließ.

Danke für Ailton, der von einem Ihrer Vor­gänger noch auf die Tri­büne geekelt worden war und unter Ihnen zum Kugel­blitz“ explo­dierte, zu einem dick­li­chen Tor­jäger, den wir in der Ost­kurve bald ins Herz geschlossen hatten wie unseren eigenen Nach­wuchs. Weil Sie sein Trainer waren. Ein stoi­scher Wahl-Nord­deut­scher mit Ober­lip­pen­bart, der einen exzen­tri­schen Bra­si­lianer mit zu viel Kilo auf den Rippen zum besten Stürmer der Bun­des­liga formte. Wo hatte es so etwas schon mal gegeben? Nir­gendwo! Nur bei Werder. Nur bei Ihnen.

Danke für 2003/04. Sie waren schon unser Held, noch bevor das legen­däre Bremer Aus­wärts­spiel in Mün­chen ange­pfiffen wurde. Nie hatten wir es in den Jahren zuvor für mög­lich gehalten, dass Werder zu so einem Fuß­ball in Lage war, wie Sie ihn uns in diesem Jahr boten. Und dann standen sie da mit ver­schränkten Armen vor der Brust auf der Tar­tan­bahn des Olym­pia­sta­dions und blickten gemüt­lich-grimmig in die Kamera, als sei das hier nicht das wich­tigste Spiel Ihrer Kar­riere, son­dern ein sonn­täg­li­cher Aus­flug in den Hei­de­park. Als ich Tage nach der gewon­nenen Meis­ter­schaft wieder klar denken konnte, sah ich Bilder von Ihnen, wie Sie, den Ober­lip­pen­bart tropf­nass von Sieger-Bier, in die Kameras spra­chen. Zum Glück war ich nicht mehr betrunken genug, sonst hätte ich mir damals Ihr Kon­terfei auf die Wade täto­wieren lassen.

Danke für die kom­menden Cham­pions-League-Jahre. Danke für Mai­land, Bar­ce­lona, selbst Lyon. Danke für unver­ges­sene Fahrten, immer Werder Bremen, immer Ihnen hin­terher. Danke für vielen wun­der­baren Inter­views aus dieser Zeit, die bei mir jedes Mal eine herr­liche Mischung aus Stolz und Lach­krampf ver­ur­sachten. Sie wirkten dabei immer so sou­verän wie ein Hell­seher, der doch sowieso weiß, wie die Zukunft aus­sieht. Und des­halb der Gegen­wart mit so viel Gelas­sen­heit begegnet.

Danke für 2009, das Uefa-Cup-Finale von Istanbul gegen Donezk. Danke für Diego und Mesut Özil, die zwar schnell wieder gingen, aber immerhin doch für kurze Zeit ihren Glanz in Bremen ver­sprühten. Die kamen nicht nach Bremen, weil die Weser so einen hüb­schen Bogen ums Sta­dion macht, die kamen wegen Ihnen.

Ja, die ver­gan­genen beiden Jahre waren schlimm. Wir Fans wurden zu ver­zo­gene Gören, die man in den Spiel­zeiten zuvor zu sehr ver­wöhnt hatte. Sie wurden zum unge­liebten Fami­li­en­ober­haupt, das uns doch jah­re­lang Zucker in den Hin­tern geblasen, uns alle Wün­sche erfüllt hatte und nun das Taschen­geld kürzte. Werder spielte mies, die Spieler waren keine Helden mehr, son­dern Idioten. Klaus Allofs machte sich vom Acker und ließ Sie allein. Ihre Inter­views ver­ur­sachten keine Lach­krämpfe mehr, son­dern Betrof­fen­heit. Sie sahen auf einmal so alt aus. Ihre Zeit war vorbei.

Ich werde jetzt ein paar alte Kum­pels anrufen und Ihren Abschied beweinen müssen. In alten Erin­ne­rungen schwelgen ist ja noch immer das beste Schmerz­mittel.

Ihnen wün­sche ich, dass Sie sich jetzt erstmal gut erholen. Dass Sie den rie­sigen Sack mit Steinen, den Sie seit Monaten auf Ihren Schul­tern durch die Bun­des­liga schleppen, in der Weser ver­senken. Dass auch Sie in Erin­ne­rungen schwelgen, viel­leicht mit ein paar alten Kum­pels. Dass Sie sich dann sagen: War das eine fan­tas­ti­sche Zeit.“

Machen Sie es gut!

PS: Noch ein Nach­trag, lieber Thomas Schaaf. Angeb­lich sollen Sie bereits in Ver­hand­lungen mit Red Bull Salz­burg stehen. Ich bitte Sie, machen Sie das nicht. Sie sind ja nicht nur irgendein Trainer, Sie sind Thomas Schaaf! Ein Trainer, der über­re­gional für so viele schöne, fast ver­staubte, Eigen­schaften eines Fuß­ball­trai­ners steht: Treue, Tra­di­tion, Ver­eins­liebe, Beschei­den­heit. Nicht für Red Bull. Wenn Sie den Herren aus Salz­burg jetzt noch einen saf­tigen Tritt in den Hin­tern geben, dann über­lege ich mir das auch noch mal mit dem Tattoo.