Jupp Ten­hagen, lassen Sie uns die Pflicht­fragen für einen Bochumer Spieler der 1970er Jahre gleich zu Anfang klären: Das Spiel gegen Bayern!

Am 18. Sep­tember 1976. (lacht) Der kleine VfL führt zur Halb­zeit gegen die großen Mün­chener mit Becken­bauer, Maier, Müller, Hoeneß & Co. mit 3:0. Das hatte es noch nie gegeben, und wir waren in der Kabine völlig eupho­ri­siert. Unser Trainer Heinz Höher ver­suchte noch, zu bremsen. Er sagte alles das, was ein Trainer in solch einer Situa­tion sagen muss: Bleibt ruhig. Das Spiel dauert noch 45 Minuten und ist längst noch nicht gewonnen“ und so weiter. Aber wer wollte das hören? Wir jeden­falls nicht. Wir wollten die Bayern so richtig nass machen. Dann fiel das 4:0 durch Sammy Poch­stein. Jeder rannte nur noch nach vorne. Plötz­lich machten die Bayern inner­halb von zehn Minuten drei Tore. Wir kapierten erst gar nicht, was da pas­sierte. Der Rest ist bekannt. Bayern führte schließ­lich sogar mit 5:4, uns gelang noch der Aus­gleichs­treffer und in der letzten Minute star­tete Uli Hoe­ness einen Allein­gang von der Mit­tel­linie aus und erzielte den Sieg­treffer. Der VfL bekam ein legen­däres Spiel und die Bayern die Punkte.

Pflicht­frage Nr. 2: Die Fri­suren. Gab es einen Ein­heits­schnitt?

Einen Schnitt? (lacht) Viel geschnitten wurde nicht, nur die Spitzen. Der Fri­seur hatte eher weniger zu tun. Lange Haare und Kot­letten gehörten damals ein­fach dazu, obwohl so manche wilde Frisur heute durchaus komisch wirkt. In den 1980ern kam Wolf­gang Kleff, der mit Glad­bach mehr­fach Deut­scher Meister geworden war, zum VfL und half mit beinah 40 Jahren bei uns aus. Seine Mar­ken­zei­chen waren die Ähn­lich­keit mit Otto Waalkes, des­wegen nannten ihn alle nur Otto“, und die langen Haare. Von der Matte her sahen wir uns also relativ ähn­lich. Jeden­falls fuhren wir nach Bremen zum Aus­wärts­spiel. Ich stieg aus dem Bus aus und da kam so ein Knirps auf mich zu gerannt und sagte: Herr Kleff, können Sie mir ein Auto­gramm geben!“

Ihre Pro­fi­sta­tionen waren RW Ober­hausen, VfL Bochum und Borussia Dort­mund. Hat es Sie nie gereizt, aus dem Ruhr­ge­biet weg­zu­gehen?

Ich habe zu der Zeit, als ich im Kader der Natio­nal­mann­schaft war, viele Ange­bote bekommen. Das inter­es­san­teste kam mit Sicher­heit vom FC Bayern Mün­chen. Franz Becken­bauer wech­selte 1977 zu Cosmos New York, und ich sollte dessen Nach­folge antreten. Dettmar Cramer, damals Trainer der Bayern, wollte mich unbe­dingt haben. Mich per­sön­lich hat es sport­lich gereizt, aber meine dama­lige Frau wollte hier bleiben, und es kam für mich nicht in Frage, den Schritt ohne meine Frau und meine Kinder zu machen. Hätte sie damals ja“ gesagt, wäre ich aller­dings nach Mün­chen gegangen. So bin ich hier bei meiner Familie und beim VfL Bochum geblieben.

Denken Sie dar­über nach, was gewesen wäre wenn?

Einer­seits ist es müßig, dar­über nach­zu­denken, weil ich auch so mit meiner Kar­riere zufrieden bin. Ande­rer­seits spe­ku­liert jeder Mensch gerne. Mit Sicher­heit hätte meine Kar­riere als Spieler des FC Bayern Mün­chen einen anderen Ver­lauf genommen, gerade auch im Hin­blick auf die Natio­nal­mann­schaft. Es war und ist bis heute unbe­streitbar ein grö­ßeres Plus, Bayern Mün­chen auf seinem Spie­ler­pass stehen zu haben als VfL Bochum. Es ist toll, in Bochum von den Fans bis heute als Legende ver­ehrt zu werden. Das schmei­chelt mir und dafür bin ich auch dankbar, aber trotzdem bleibt in man­chen Momenten die Frage, ob ich nicht eine andere sport­liche Her­aus­for­de­rung hätte suchen sollen.

Vor der WM 1978 in Argen­ti­nien standen Sie im Kader der Natio­nal­mann­schaft.

Ich habe am Abschluss­lehr­gang in Malente teil­ge­nommen, und dann ist der Kader noch einmal redu­ziert worden. Rudi Seliger, Man­fred Burgsmüller und ich sind schließ­lich nicht berück­sich­tigt worden.

Viel ver­passt haben Sie nicht.

(lacht) Nein, das kann man nicht sagen. Ich war seit 1972 im Umfeld der Natio­nal­mann­schaft, erst bei den Junioren, dann in der B‑Elf und schließ­lich wurde ich 1977 erster Natio­nal­spieler des VfL Bochum. Im Sommer 1977 nahm ich an der Süd­ame­rika-Reise teil mit Spielen in Mexiko, Argen­ti­nien, Uru­guay und im Mara­canã-Sta­dion von Rio de Janeiro vor 160.000 Zuschauer. Dort wurde ich ein­ge­wech­selt und habe nur 15 Minuten auf dem Platz gestanden, aber die werde ich nie ver­gessen. Natür­lich ist man nach sol­chen Erleb­nissen auch ambi­tio­niert, und hofft, an der WM teil­zu­nehmen. Wel­cher Fuß­baller will das nicht? Davon träumen tau­sende.

Als Sie 1973 zum VfL Bochum kamen, war der Verein längst noch nicht eta­bliert.

Der Verein wurde in den Medien als graue Maus“ bezeichnet und das ist ja bis heute nicht abge­legt worden. Der VfL Bochum steht hier in der Region schon im Schatten der Tra­di­ti­ons­ver­eine Borussia Dort­mund und Schalke 04, aber des­wegen müssten die Erfolge eigent­lich umso höher bewertet werden. Für uns war es in den 1970er Jahren Saison für Saison ein Über­le­bens­kampf. Mit sehr geringen Mit­teln hielten wir uns in der höchsten Spiel­klasse. Wir hatten nur das alte Ruhr­sta­dion mit der kleinen Tri­büne und einem Fahr­rad­schuppen. Das große Plus des Ver­eins bestand darin, dass er durch die Person Ottokar Wüst ganz anders geführt wurde. Er sprach immer von der großen Familie des VfL Bochum“, und das war kein Schlag­wort, son­dern die hat es wirk­lich gegeben. Jah­re­lang war Heinz Höher unser Trainer, der bei aller Sach­kom­pe­tenz ein kum­pel­haftes Ver­hältnis zu uns pflegte. Es gab Frei­räume, Höher drückte schon mal ein Auge zu, aber jeder kannte auch die Grenzen. Er arbei­tete gerne mit der Mann­schaft, und das haben wir beim Trai­ning, beim Spiel und nach dem Spiel in der Ver­eins­kneipe auch gemerkt. Wir sind mit den Frauen und Kin­dern ins Trai­nings­lager nach Gran Canaria gefahren. So etwas gab es bei keinem anderen Bun­des­li­gisten.

Welche Rolle spielte die Person Ottokar Wüst?

Wüst war wie ein Vater für uns. Ich würde ihn nicht als Patri­ar­chen bezeichnen, da er sehr demo­kra­tisch und koope­rativ war. Er wirkte rhe­to­risch sehr geschult und strahlte nach außen ein­fach etwas aus. Als ich damals noch zu Ober­hau­sener Zeiten vor dem Wechsel stand, war mir nach dem ersten Gespräch mit ihm klar, dass ich zum VfL gehen würde. Wüst war eine Vater­figur, der man trauen konnte.

Ver­trauen und eine Art von Bestän­dig­keit spielten für Sie also eine Rolle.

Das gehört zu meinem Cha­rakter. Ich bin sehr Heimat ver­bunden und boden­ständig. Nicht umsonst war Uwe Seeler mein großes Vor­bild. Mein Vater war ein­fa­cher Post­an­ge­stellter und meine Mutter Haus­frau, wie es eben früher üblich war. Ich habe eine ältere Schwester und hatte einen älteren Bruder, der aller­dings mit 16 Jahren töd­lich ver­un­glückt ist. Mit einer Kreidler, frontal vor den Baum, dop­pelter Schä­del­ba­sis­bruch. Damals gab es noch keine Helm­pflicht. Ich war zwölf Jahre, als es pas­sierte, und habe natür­lich alles mit­be­kommen. (Pause.) Es war am Abend des 17. Juli. So etwas kann man nicht ver­gessen. (Pause.) Auch er war ein guter Fuß­baller und so man­cher in unserem Hei­mat­verein For­tuna Mil­lingen sagte: Der Her­bert hatte sogar noch mehr Talent als der Jupp.“

War der fami­liäre Cha­rakter Bochums stra­te­gi­sches Plus in der Kon­kur­renz zu anderen Ver­einen?

Mit Sicher­heit. Ata Lameck, Dieter Bast, Jochen Abel, Lothar Woelk, Walter Oswald und wie sie alle heißen. Jeder hat sich mit dem Verein hun­dert­pro­zentig iden­ti­fi­ziert. Dadurch ent­stand ein unglaub­li­cher Zusam­men­halt in der Mann­schaft. Es gab Kon­kur­renz unter­ein­ander, aber keinen Neid. Jeder wollte spielen, aber es haben auch die­je­nigen mit­ge­fie­bert, die auf der Bank gesessen haben, was im heu­tigen Pro­fi­ge­schäft nicht immer der Fall ist. Nur so und mit den Leuten und Cha­rak­teren konnte der Mythos der Unab­steig­baren“ ent­stehen – und er hat so lange gehalten, wie wir gespielt haben.

Allein die Kame­rad­schaft reichte den­noch nicht aus, um den Verein in der Bun­des­liga zu halten.

Nein, es gab auch immer wieder Not­ver­käufe, damit der VfL über­leben konnte. Es fing an mit Hans Walitza, Werner Egge­ling und schließ­lich kam auch ich dran. An die Umstände kann ich mich genau erin­nern: Es war 1981. Ich hatte gerade beim VfL Bochum ver­län­gert und fei­erte die Eröff­nung des Ladens hier in Emme­rich. Werner Alte­goer kam zu mir und sagte, dass man mich ver­kaufen müsste. Es läge ein Angebot von Borussia Dort­mund vor, und den VfL drückten mal wieder die Auf­lagen des DFB. An meinem Ver­kauf hing plötz­lich die Bun­des­li­ga­li­zenz. Um 14 Uhr musste die Bestä­ti­gung des Trans­fers beim DFB in Frank­furt sein, und fünf Minuten vor zwei, also quasi fünf vor zwölf für den VfL, unter­schrieb ich den Auf­lö­sungs­ver­trag. Mit der Mil­lion aus Dort­mund war ein wei­teres Jahr Bun­des­liga an der Cas­troper Straße gesi­chert, und ich fuhr fortan die B1 ein Stück­chen weiter bis zum Dort­munder West­fa­len­sta­dion. Ich wollte nicht wech­seln, und es war wirk­li­cher ein schwerer Schritt, den ich nur ange­sichts der großen Krise des VfL gemacht habe. Im Nach­hinein habe ich es nicht bereut, denn die drei Jahre in Dort­mund haben mir noch einmal einen Ein­blick in einen anderen Verein und andere Struk­turen gegeben. Außerdem habe ich in drei Jahre Dort­mund mehr Trainer kennen gelernt als in zwölf Jahren in Bochum.

Sie haben selbst für ein Jahr den VfL trai­niert.

Ich war zwei Jahre Co-Trainer und über­nahm 1988 den Posten des Chef­trai­ners. Wir star­teten sehr gut, aber dann bekam ich vom DFB die Auf­for­de­rung, meine Fuß­ball-Leh­rer­li­zenz zu machen. Vier Tage die Woche in Köln an der Sport­hoch­schule und die Mann­schaft nur frei­tags beim Abschluss­trai­ning, da geht irgend­etwas ver­loren, und wir gerieten sogar noch in die Abstiegs­strudel. Zum Glück konnten wir die Klasse halten. Aller­dings wurde ich danach ent­lassen.

Sind Sie heute noch mit dem Fuß­ball ver­bunden?

Natür­lich. Fuß­ball ist mein Leben. Ich bin mit Leib und Seele Fuß­baller und Trainer gewesen. Als letztes war ich sieben Jahre als Trainer und Sport­di­rektor in Bocholt enga­giert. Danach habe ich mir eine ein­jäh­rige Aus­zeit genommen, um etwas zu rege­ne­rieren. Jetzt bin ich gespannt auf neue Auf­gaben. Hier im Fuß­ball­kreis biete ich mehr­mals im Jahr eine Fuß­ball­schule für junge Spieler an und gerade plane ich ein Spiel der alten VfL-Tra­di­ti­onself zur Ein­wei­hung einer neuen Platz­an­lage.

Ein neuer Platz? Sie grät­schen doch gleich den Rasen kaputt!

Nein, das war früher.