Nummer Fünf lebt nicht mehr. Klamm­heim­lich hat sie sich aus dem modernen Fuß­ball­kosmos ver­ab­schiedet und ist in ein bedeu­tungs­loses Meer aus Zahlen gefallen. Dabei war die Fünf einst Aus­sage, Revo­lu­tion, Frei­heit. Für eine Genera­tion von Fuß­ball­fans trans­por­tiere sie in den sieb­ziger und acht­ziger Jahren ein Lebens­ge­fühl. Für alle jene jungen Männer, die aus­sehen wollten wie Mat­thias Herget oder Franz Becken­bauer. Ein biss­chen ele­gant und erhaben. Ein biss­chen welt­män­nisch.

Wie der Fünf erging es auch der Zwei, der Acht, der Neun. Fast allen Tri­kot­num­mern, die einst Insi­gnien des Fuß­balls waren und die für Tor­ge­fähr­lich­keit, Bru­ta­lität, Lauf­be­reit­schaft oder Genia­lität standen. Die Zehn etwa erzählte epo­chale Geschichten von Über­stei­gern auf engstem Raum, Frei­stoß­toren oder töd­li­chen Pässen. Die Neun berich­tete von Fall­rück­zie­hern in Mexiko und Toren in der Nach­spiel­zeit. Die Vier stand für Grät­schen an der Sei­ten­aus­linie, Schien­beine aus Eisen und den Geruch von nassem Rasen.

Die Nummer schenkt dem Sen­si­blen Selbst­ver­trauen

An jeder ein­zelnen Nummer, von der 1 bis zur 11, hingen die großen Erzäh­lungen und Namen der Fuß­ball­ge­schichte. An der 10 Pele oder Diego Mara­dona. An der 6 Horst Höttges oder Guido Buch­wald. Es waren bild­hafte Num­mern, die den Fuß­ball erklärten und die Welt bedeu­teten. Um die Schön­heit dieser Num­mern zu erfahren, brauchte man nicht mal Profi sein. Denn auch in der E‑Jugend war der Tag für immer erleuchtet, an dem der Trainer einem das Trikot mit der 9 über­reichte. Die Süd­deut­sche Zei­tung schrieb einmal: Die Nummer schafft Ansehen und schenkt dem Sen­si­blen Selbst­ver­trauen.“

Den Trai­nern und Fans schenkte sie die Ord­nung. Es reichte allein ein kurzer Blick auf den Spiel­bogen, um zu wissen: Das Gesicht des Spie­lers mit der Nummer Zwei wird kantig sein, er wird buschigen Ober­lip­pen­bart tragen und die Statur eines 50-jäh­rigen Berg­ar­bei­ters haben. Spiel­stil: Axt-artig. Das war ziem­lich groß­artig, denn eine genaue Geg­ner­ana­lyse erüb­rigte sich.

69, 77, 99 – der Zah­len­salat der Profis

Irgend­wann wurde es den Profis erlaubt, feste Rücken­num­mern zu tragen. Schließ­lich waren diese mit ihren auf dem Trikot gedruckten Namen ver­bunden. Und so liefen plötz­lich Fuß­baller mit der 69 (Bixente Liz­a­razu), der 77 (Andreas Gör­litz) oder der 99 (Antonio Cassano) auf. Man sprach zwar wei­terhin von den Posi­tionen Sechs“ oder Zehn“, in dem post­mo­dernen Zah­len­salat waren die gleich­na­migen Num­mern aller­dings gewöhn­lich geworden, sie erzählten keine Geschichten mehr, son­dern allen­falls vom Geburts­jahr, vom Aber­glauben oder mathe­ma­ti­schen Spiel­chen der Profis. Maik Franz etwa errech­nete sich seine Nummer 33 so: Drei mal drei ist sechs. Eigent­lich wollte ich die Nummer 6 haben, aber die war schon besetzt.“

Die heile alte Num­mern­ord­nung wurde so im Vor­bei­gehen zer­stört. Selbst Zine­dine Zidane trug bei seinen Ver­einen die 21 oder der 5, Rafael van der Vaart die 23, Michael Bal­lack die 13. In der ver­gan­genen Saison trug Las­sana Diarra bei Real Madrid das Trikot mit der 10. Er ist ein defen­siver Mit­tel­feld­spieler und sitzt meist auf der Bank. Viel­leicht war es ein Fehler des Zeug­warts, viel­leicht aber auch ein stiller Pro­test gegen dieses Zah­len­wirr­warr, als der bel­gi­sche Natio­nal­spieler Steven Defour vor einiger Zeit mit der Rücken­nummer 14 auf­lief, vorne aller­dings die 15 prä­sen­tierte.

Wieso lässt man den Profis denn nicht ihre kleinen Spiel­chen?

Eigent­lich müssten die Fuß­ball-Nost­al­giker nun jubeln, denn die DFL will zu hohe Rücken­num­mern ver­bieten. Die Ver­eine sollen ihre Kader wieder strikt bis zur Nummer 40 durch­num­me­rieren. Doch die Fans nör­geln, schließ­lich sollten sich die Damen und Herren im Liga­ver­band um andere, wich­ti­gere Dinge küm­mern. Sowieso: Wieso lässt man den Profis denn nicht ihre kleinen Spiel­chen? Borussia Dort­munds Neu­zu­gang Ivan Perisic würde jetzt schon miese Laune haben – seine Lieb­lings­nummer ist die 44. Andere Fans glauben, bei Magaths Teams mit seinem auf­ge­blähten Kader würde es Pro­bleme mit der neuen Rege­lung geben. Müssten der 41. Spieler dann die Nummer 40a tragen?“, fragt ein User in einem Internet-Forum.

Maik Franz stört das alles nicht, er trägt wieder ein­stellig. Zwar hat es zur neuen Saison erneut nicht für die 6 gereicht, bei Hertha BSC trägt er die Nummer 7. Das ist aller­dings kein Grund zur Sorge – ein­fach in Gedanken zwei abziehen, schon steht da wieder seine Lieb­lings­nummer.