Markus Feld­hoff, es heißt, Sie seien das klas­si­sche One Hit Wonder“. Sind Sie das wirk­lich?

Markus Feld­hoff: Ich denke nicht. Natür­lich war das Spiel gegen den FC Bayern, in dem ich drei Tore schoss, ein abso­lutes High­light und ich hätte gerne ein paar mehr sol­cher Spiele gehabt. Aber es ist ja nicht so, dass ich nur dieses eine Spiel gemacht habe. Als wir gegen den FC Bayern 5:2 gewannen, war ich gerade mal 22 Jahre alt und hatte schon 129 Bun­des­li­ga­spiele auf dem Buckel. Und es gab dabei schon das eine oder andere in dem ich gut oder auch sehr gut gespielt habe.

Fühlen Sie sich falsch bewertet?

Markus Feld­hoff: Es ist mir eigent­lich relativ egal, wie man mich von außen bewertet. Ich wusste meine Leis­tung immer recht gut selbst ein­zu­schätzen. Es ist sicher­lich richtig, dass ich mehr Poten­zial gehabt hätte, aber es oft nicht abge­rufen habe oder auf­grund von Ver­let­zungen nicht abrufen konnte. Übri­gens: Ich habe letz­tens einen Bericht gesehen, in dem gesagt wurde, dass es nur 89 Spieler in der Bun­des­li­ga­ge­schichte gibt, die es geschafft haben, drei Tore in einem Spiel zu schießen. Ist doch schön, in dieser Liste auf­zu­tau­chen.

Schauen Sie sich die drei Tore heute noch an?

Markus Feld­hoff: Ich würde gerne, aber irgend­je­mand hat die Video­kas­sette, auf der das ganze Spiel drauf war, über­spielt. Ich ver­mute meine Kinder – die sind beide Bayern-Fans (lacht). Aber glück­li­cher­weise laufen ja in regel­mä­ßigen Abständen die Bun­des­liga-Clas­sics auf dem DSF. Meine Freunde rufen mich immer recht­zeitig an, wenn die Saison 1996/97 gezeigt wird.

Vor dem Spiel gegen den FC Bayern waren Sie der klas­si­sche Joker. In den zehn Par­tien zuvor kamen Sie immer von der Bank. Wieso gab Chris­toph Daum Ihnen in diesem wich­tigen Spiel den Vorzug vor Ulf Kirsten?

Markus Feld­hoff: Nor­ma­ler­weise haben Kirsten und Meijer zusammen gespielt, das ist richtig. Kirsten war etwas ange­schlagen, gab Daum aber zu ver­stehen, dass er spielen könnte. Eigent­lich lässt du als Trainer einen sol­chen Tor­jäger ja nicht draußen, auch, wenn er leicht ver­letzt ist. Daum aber ent­schied sich anders. Wenn wir ver­loren hätten, wäre der Auf­schrei ver­mut­lich sehr groß gewesen. Wir gewannen aber, ich machte die Tore und Daum hatte alles richtig gemacht. (lacht)

Wie war eigent­lich Ihr Ver­hältnis zu Chris­toph Daum?

Markus Feld­hoff: Distan­ziert. Aber im Grunde war ihm nie­mand richtig nahe. Er ist ein super Trainer, zwei­fels­ohne, er ist einer, der genaue Anwei­sungen gibt und der genau weiß, was er will. Mit dem Co-Trainer Roland Koch gab es aber immer eine Art Bin­de­glied zwi­schen ihm und der Mann­schaft.

Sah Daum Sie als Kirs­tens Nach­folger?

Markus Feld­hoff: Chris­toph Daum war immer absolut kor­rekt. Er hat mir nie fal­sche Hoff­nungen gemacht, so dass ich hätte ent­täuscht sein können, wenn ich nicht spielte. Er sagte mir klipp und klar, dass Kirsten und Meijer gesetzt sind. Trotzdem hat er mir auch gesagt, dass er auf mich zählt, wenn einer von den beiden nicht fit ist. Ob er mich als Kirs­tens Nach­folger sah, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass er gewisse Hoff­nungen in mich hatte.

Für Chris­toph Daum waren Spiele gegen den FC Bayern immer von beson­derer Bedeu­tung. Man konnte glauben, dass alle Spiele in der Saison hätten ver­loren gehen können, nur die Bayern, die musste man schlagen.

Markus Feld­hoff: Den Ein­druck hatten viele. Und es stimmt, für Daum war es immer sehr wichtig, sich gegen die Bayern sich zu behaupten. Aber es war auch für die Spieler wichtig. Es ist auch heute noch so, dass ein Sieg gegen die Bayern der schönste und viel­leicht auch wich­tigste Sieg ist, den man in der Bun­des­liga erringen kann. Selbst für eine Mann­schaft wie Bayer Lever­kusen, die sich damals sport­lich ja fast auf Augen­höhe mit den Bayern bewegte, war ein Sieg gegen den FC Bayern das abso­lute High­light. Denn wir waren trotzdem Außen­seiter.

Sie waren in diesem Spiel der einzig nomi­nelle Stürmer. Sergio hat hän­gende Spitze gespielt, Meijer saß wie auch Kirsten nur auf der Bank. Begriffen Sie dies als Vor­teil?

Markus Feld­hoff: In diesem Spiel war es durchaus vor­teil­haft, denn ich war die Anspiel­sta­tion Nummer eins. Für einen jungen Stürmer ist das eine per­fekte Situa­tion. Wenn man neben einem erfah­renen Welt­klas­se­stürmer spielt, muss man sich als Jung­spund immer nach diesem richten, muss immer auf­passen, dass man dem nicht im Weg steht.

Wie kam Sie denn abseits des Platzes mit Ulf Kirsten aus?

Markus Feld­hoff: Im Grunde gut. Er war immer so ein biss­chen launig. Aber ich respek­tierte ihn auf­grund seiner Leis­tung. Und letzt­end­lich war es so ein kleiner Traum von mir, dahin zu kommen, wo er war. Ich habe mir trotzdem nie ange­maßt, mich mit ihm zu ver­glei­chen.

War er auch eine Art Mentor für Sie?

Markus Feld­hoff: Nein, er war jeden­falls nicht so einer, der ständig Tipps gibt. Er war viel mit sich selbst beschäf­tigt. Und den Stamm­platz hatte er eh sicher, er schoss damals ja jede Saison um die 20 Tore. Ich habe ihn auch nicht als Kon­kur­renten ange­sehen.

Ihr Kon­kur­rent war Erik Meijer?

Markus Feld­hoff: Richtig. Der hat in der Saison sogar weniger Tore gemacht als ich. Daum meinte aber, dass Meijer mit seinem Tem­pe­ra­ment und seiner mit­rei­ßenden Art für die Mann­schaft wichtig sei, zudem war er ja auch ein guter Vor­be­reiter. Die Ent­schei­dung, Meijer mir vor­zu­ziehen, konnte ich damals viel­leicht nicht so sehr nach­voll­ziehen, ver­stehe sie heute aber durchaus.

Wer war den ersten Jahren Ihr Ansprech­partner bei Sorgen und Zwei­feln? Gab es einen Spieler, der Sie an die Mann­schaft her­an­ge­führt hat?

Markus Feld­hoff: Ich spielte in der Saison 1995/96 noch mit Rudi Völler und Bernd Schuster zusammen – große Namen und noch grö­ßere Per­sön­lich­keiten. Trotzdem waren die immer sehr hilf­reich. Rudi Völler etwa ist auf alle Spieler glei­cher­maßen zuge­gangen. Egal wie jung sie waren oder wie gut sie spielten. Und da habe ich gemerkt: Der ist wirk­lich auch auf dem Platz, im Trai­ning und privat genauso wie vor der Kamera – ein­fach ein netter Typ.

In dem Spiel gegen den FC Bayern ging es noch um den Titel. Und Daum schickte eine ver­gleichs­weise defen­sive Mann­schaft aufs Feld. War das nicht unge­wöhn­lich?

Markus Feld­hoff: Viel­leicht. Aber es war auch ein tak­ti­scher Kniff. Die Bayern waren total über­rascht, dass sie nur gegen einen Stürmer spielen mussten. Auch waren sie von unserem Fore­che­cking über­rascht. Ich hatte etwa die Auf­gabe, Mat­thäus zu atta­ckieren, sobald er den Ball annahm. So wollten wir die prä­zisen langen Pässe, mit denen er für gewöhn­lich das Spiel der Bayern eröffnet, schon im Ansatz unter­binden. Und ich glaube, Mat­thäus hat in dem Spiel wirk­lich keinen ein­zigen langen Pass schlagen können. Ich lief dafür unglaub­lich viel – ich war im Grunde schon kaputt, als das 3:2 für die Bayern fiel.

Daum ließ Sie aber wei­ter­spielen.

Markus Feld­hoff: Ich signa­li­sierte Daum, dass ich raus wollte. Doch der schrie nur: Weiter, weiter!“

Waren Sie eigent­lich über­rascht ob der behä­bigen Spiel­weise der Bayern? Oder konnten sich die Gegen­spieler auf­grund des aggres­siven Bayer-Fore­che­ckings gar nicht ent­falten?

Markus Feld­hoff: Wir spielten unglaub­lich guten Fuß­ball. So ein­fach ist das. Die erste halbe Stunde war wie im Rausch. Als wir die ersten beiden Tore machten, war eine Wahn­sinns­stim­mung im Sta­dion – auch wenn viele das in dem Sta­dion gar nicht für mög­lich halten. Und die Bayern waren wie gelähmt. Bei denen ist es ja oft so: Wenn die auf ihrem Top­ni­veau spielen und mit 100% Ein­satz auf den Platz gehen, dann hat gegen die keine Bun­des­li­ga­mann­schaft eine Chance. Man muss im Grunde immer darauf hoffen, dass sie schludrig spielen. Und wenn man das eis­kalt aus­nutzt, dann stehen die oft neben sich. Wir hatten ein­fach das Glück, die Tore zum rich­tigen Zeit­punkt gemacht zu haben.

Schon zur Halb­zeit führte Bayer mit 3:0. Das dritte Tor machten Sie. Erin­nern Sie sich, was Chris­toph Daum Ihnen in der Pause sagte?

Markus Feld­hoff: Er blieb in der Kabine relativ ruhig – er kann durchaus vari­ieren, es ist nicht so, dass er immer nur der Ein­peit­scher ist. Er mahnte ledig­lich, weiter dran zu bleiben. Gegen die Bayern kann alles pas­sieren, ein 3:0 bedeutet gar nichts.

Der FC Bayern kam dann tat­säch­lich durch Ner­linger und Basler noch einmal auf 3:2 heran. Fühlten Sie sich zu sicher?

Markus Feld­hoff: Viel­leicht. Das Spiel stand auf jeden Fall auf der Kippe. Wir hatten zuvor wirk­lich viel inves­tiert, waren um jeden Ball gerannt, unglaub­liche Wege gegangen. Und irgend­wann machte sich das bemerkbar, die Beine wurden müde. Den­noch: Wir mobi­li­sierten alle Kräfte, die wir noch hatten.

Und Sie machten zwei wei­tere Tore. Wie schießt man denn so kurz vor der völ­ligen Erschöp­fung ein Tor gegen Oliver Kahn?

Markus Feld­hoff: Da fragen Sie den rich­tigen (lacht). Ich hatte im Hin­spiel ja auch schon ein Tor gegen Kahn gemacht. Kahn war damals und ist heute für mich der beste Tor­wart Deutsch­lands. Aber natür­lich gibt es Bälle, die auch ein Oliver Kahn nicht halten kann. Viel­leicht hatte ich auch ein­fach etwas Glück.

Wel­ches Tor schauen Sie sich denn heute am liebsten an?

Markus Feld­hoff: Die Tore waren alle nicht so beson­ders spek­ta­kulär. Das waren ja keine Traum­tore, da war kein Tor des Monats“ dabei. Aber das 5:2 schaue ich mir heute immer noch gerne an. Das run­dete alles ab.

Sie umspielten Oliver Kahn, als ob Sie nie was anderes getan hätten.

Markus Feld­hoff: (lacht) Ja, stimmt. Zé Elias hatte sich in unserer Hälfte den Ball fan­tas­tisch erkämpft und schlug einen langen Pass nach vorne. Thomas Helmer wollte auf Abseits spielen, doch er kam zu spät raus. Plötz­lich stand ich ganz alleine vor Olli Kahn. Ich ging links vorbei und schob den Ball mit der linken Innen­seite ins Tor. Ich traf den Ball gar nicht richtig, denn Thomas Helmer hatte wieder Boden gut gemacht und atta­ckierte mich von hinten. Der Ball tru­delte aber bereits ins Tor – wie in Zeit­lupe.

Es zeugt von großem Selbst­be­wusst­sein, so an Olli Kahn vor­bei­zu­gehen und nicht sofort zu schießen.

Markus Feld­hoff: Olli Kahn war etwas irri­tiert. Er dachte, dass ich den Ball mit der Hand mit­ge­nommen hätte – der Ball sprang aber an meinen Ober­körper. Er signa­li­sierte dem Lini­en­richter ein Hand­spiel, doch der reagierte nicht. Viel­leicht wäre Kahn andern­falls ein biss­chen ener­gi­scher aus seinem Tor gekommen. Es passte halt in diesem Moment für mich.

Sie spre­chen nun so nüch­tern über dieses Spiel. Nach den Toren jubelten sie aber wie der kleine Junge auf dem Bolz­platz. Begriffen Sie über­haupt, was da gerade pas­siert war?

Markus Feld­hoff: Nicht wirk­lich. Aber das ist ja das Schöne im Sport. Plötz­lich machst du Dinge, die nie­mand von dir erwartet hätte. Plötz­lich platzt da ein Knoten. In dem Moment, in dem er platzt, weißt du gar nicht, wie das pas­siert ist. Ich habe zwar noch den Moment vor Augen, wie ich das 5:2 mache, wie ich in der 90. Minute aus­ge­wech­selt werde und 20.000 Fans auf­stehen und applau­dieren. Doch ich ver­ließ das Spiel­feld wie im Traum. Ich wurde förm­lich hinaus getragen.

Was machten Sie eigent­lich nach dem Spiel?

Markus Feld­hoff: Sat.1 hatte damals ein kleines Studio im Sta­dion ein­ge­richtet. Lothar Mat­thäus und ich waren die Gäste. Für mich war so eine Situa­tion total unge­wohnt. So sehr im Ram­pen­licht stand ich ja vorher noch nie. Mat­thäus hat mich dann auch herz­lich beglück­wünscht – eine große Geste.

Sie bekamen für das Spiel vom Kicker“ die Note 2. Das ist doch bei drei Toren eigent­lich eine son­der­bare Note. Ärgert einen Spieler so etwas eigent­lich? Schauten Sie nach sol­chen Spielen auf die Noten?

Markus Feld­hoff: Ich habe das nicht gemacht. Es gibt aber Spieler, die mon­tags immer mit ganzen Sta­peln voll Zei­tungen in der Kabine stehen und die nach Noten und ihren Namen durch­forsten. Mir war das immer relativ egal. Aber die Note 2? Ist ja eigent­lich kaum zu glauben (lacht). Doch darum geht’s ja nicht. Und einen ein­zelnen Spieler her­aus­zu­heben, ist meist eh falsch. Ich habe das Spiel ja nicht alleine gewonnen – es war ein Mann­schafts­er­folg. Ich fühlte mich jeden­falls nicht als Super­held.

Im nächsten Spiel bei 1860 Mün­chen durften Sie von Beginn an ran. Danach hatten Sie aber wieder den Stamm­platz auf der Bank sicher. Lernten Sie in dieser Woche die Schnell­le­big­keit des Geschäfts kennen: Eben noch gefei­erter Drei-Tore-Mann, nun schon wieder Bank­drü­cker?

Markus Feld­hoff: Gegen 1860 hatte ich ein paar Pro­bleme mit meinem Gegen­spieler Marco Walker. Ich wurde aus­ge­wech­selt, denn ich sah keinen Stich gegen den. Und dann saß ich wieder auf der Bank. Wir spielten eine eng­li­sche Woche, das heißt am nächsten Samstag war schon wieder alles wie vorher. So schnell kann es gehen im Fuß­ball, das stimmt.

Frus­triert das nicht?

Markus Feld­hoff: Natür­lich bricht man nicht in Jubel­stürme aus. Aber ich habe die Situa­tion auch nicht so stark über­be­wertet. Du kannst als Trainer ja nicht plötz­lich so eine Tor­ma­schine wie den Ulf Kirsten draußen lassen. Ich hatte also damit gerechnet. Ich war bis dahin mit meiner Gesamt­si­tua­tion auf jeden Fall zufrieden. Von den 22 Spielen, die ich bis dato auf dem Platz stand, machte ich neun von Beginn an. Es war ein Schritt nach vorne im Ver­gleich zum Vor­jahr, wo ich aus­schließ­lich ein­ge­wech­selt wurde.

Im über­nächsten Spiel rissen Sie sich das Kreuz­band…

Markus Feld­hoff: …und danach kam ich nie wieder richtig in Fahrt.

War dies trotzdem die beste Saison Ihrer Kar­riere?

Markus Feld­hoff: In der Bun­des­liga war das auf jeden Fall meine auf­re­gendste Saison. Ich habe ja auch als Zuschauer noch bis zuletzt mit­ge­zit­tert. Wir hätten am 33. Spieltag noch Meister werden können. Und ich konnte sagen, dass ich mit meinen acht Toren und ein paar guten Spielen auch meinen Teil dazu bei­getragen hatte.