Er stirbt! Er stirbt!“ Schreie hallen aus Zimmer 290 im Hotel Cha­teau de Grande Romaine“ in Lesigny, einer kleinen Gemeinde nord­öst­lich vor den Toren von Paris. Er stirbt!“ Bra­si­liens Natio­nal­spieler Roberto Carlos brüllt um Hilfe. Vor ihm auf dem Bett liegt sein Mit­spieler, der 21-jäh­rige Wun­der­junge Ronaldo, seine Augen sind ver­dreht, sein Körper zuckt, er hat Schaum vor dem Mund. César Sam­paio stürzt in den Raum, er steckt Ronaldo einen Finger in den Hals, um zu ver­hin­dern, dass der Stürmer an seiner Zunge erstickt. End­lich errei­chen die Mann­schafts­ärzte das Zimmer, Ronaldo wird ins Kran­ken­haus gebracht.

In fünf Stunden beginnt das Finale der Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft 1998.

Wäh­rend einer der Stars dieses Tur­niers in der Cli­nique des Lilas“ unter­sucht wird, bittet Aimé Jac­quet, Frank­reichs Natio­nal­trainer, seine Spieler zu einer letzten tak­ti­schen Bespre­chung. Ein­dring­lich erin­nert Jac­quet an die große Schwäche des bra­si­lia­ni­schen Geg­ners bei hohen Flanken und Stan­dard­si­tua­tionen. Ob Spiel­ma­cher Zine­dine Zidane in diesem Moment wirk­lich bei der Sache ist? Im zweiten Vor­run­den­spiel gegen Saudi-Ara­bien war er nach 70 Minuten wegen einer Tät­lich­keit vom Platz gestellt worden. Sie haben uns das Herz her­aus­ge­rissen!“, jam­merte danach eine fran­zö­si­sche Zei­tung. Aber das Herz hatte ein­fach falsch getickt und beim Stand von 2:0 einem am Boden lie­genden Gegen­spieler die Stollen in die Hüfte gerammt. Zwei Spiele Sperre gab es dafür, erst im Vier­tel­fi­nale gegen Ita­lien durfte der ele­gante Mit­tel­feld­mann wieder sein Können unter Beweis stellen.

Jetzt also das Finale. Im eigenen Land. Gegen den amtie­renden Welt­meister Bra­si­lien. Der offenbar eine Schwäche bei hohen Bällen hat.

Der Mann­schaftsbus von Bra­si­lien setzt sich in Bewe­gung. Ronaldo ist im Kran­ken­haus. Was wirk­lich mit ihm pas­siert ist, weiß nie­mand. Die Stim­mung ist am Boden. Ricardo Setyon, 1998 Pres­se­chef der bra­si­lia­ni­schen Dele­ga­tion, wird sich später an diese Fahrt erin­nern: Zum ersten Mal seit bestimmt 30 Jahren fuhr eine bra­si­lia­ni­sche Elf ohne Samba-Musik zum Sta­dion.“ Auf jedem Platz in der Kabine liegt ein Foto des vier Jahre zuvor tra­gisch ver­un­glückten Renn­fah­rers und Sport­idols Ayrton Senna. Darauf eine Wid­mung post mortem für seine Lands­leute: Wir Bra­si­lianer akzep­tieren es nicht, Zweiter zu sein!“ Team­p­sy­cho­loge Evandro Motta hat sie dorthin gelegt. Er ist sich selbst nicht ganz sicher, ob der psy­cho­lo­gi­sche Taschen­spie­ler­trick in dieser Situa­tion seine Wir­kung ent­faltet.

Ronaldo sagte: ›Ich werde spielen, Kahl­kopf!‹“

Die Fran­zosen streifen sich ihr Trikot über. Bar­thez. Lize­razu. Thuram. Deschamps. Heute können sie zu Helden werden. Ein bit­terer Moment für Abwehr­chef Lau­rent Blanc. Im Halb­fi­nale ließ er sich vom Kroaten Slaven Bilic im Zwei­kampf zu einem Wischer gegen des Geg­ners Kinn hin­reißen – weil Bilic zu Boden ging, als habe ihm jemand gegen den Kopf getreten, wurde Blanc des Feldes ver­wiesen. Zum ersten Mal in seiner Län­der­spiel­kar­riere. Für das Finale ist er gesperrt.

Noch 60 Minuten bis zum Anstoß. Vor dem Ein­gang für Spieler und Offi­zi­elle im Stade de France hält ein Taxi. Ronaldo steigt aus. Er war weiß wie ein Stück Papier“, zitiert das Rund“-Magazin Pres­se­chef Ricardo Setyon in einem Bericht von 2009. Er sagte: ›Ich werde spielen, Kahl­kopf.‹ Ich sagte: ›Du bist ver­rückt.‹ Er ant­wor­tete: Du bist ver­rückt, weil du nicht glaubst, dass ich spielen werde.‹“ Mit einer kleinen Tasche unter dem Arm kommt Ronaldo in die Kabine. Seine Mit­spieler erstarren. Als sie ihm von dem Vor­fall in Zimmer 290 erzählen, kann er sich an nichts erin­nern.

Auf den Pres­se­plätzen machen es sich die ersten Jour­na­listen bequem. Auf den aus­ge­teilten Spiel­be­richt­bögen fehlt Ronaldo in der Start­for­ma­tion. Hinter dem Namen des Stür­mers steht ledig­lich das Kürzel n.a.“ – not avail­able, nicht ver­fügbar. Rat­lose Gesichter, wohin man auch blickt. Für Ronaldo soll Edmundo auf­laufen.

Ronaldo will spielen. Unbe­dingt. Der Arzt gibt seinen Segen

Die ersten Spieler sind zum Auf­wärmen auf dem Platz. Tosender Bei­fall, als Zine­dine Zidane und Kol­legen die ersten Pässe ver­teilen. In den Kata­komben sucht Ronaldo das Gespräch mit Mann­schafts­arzt Dr. Lidio Toledo. Er will spielen. Unbe­dingt. Ob die fran­zö­si­schen Ärzte etwas gefunden hätten, fragt der Doktor. Nein, alles in Ord­nung. Natio­nal­trainer Mario Zagallo berät sich mit Toledo und bittet dann Spieler und Offi­zi­elle in die Kabine. Ronaldo wird auf­laufen, ver­kündet der 66-Jäh­rige. Ich habe keine Pro­bleme. Ich möchte spielen, und ich werde spielen!“, bestä­tigt Ronaldo seine über­ra­schende Rück­kehr in die Startelf.