Seite 2: Ein eigener Kosmos mit eigenen Codes

Nach heu­tigen Kate­go­rien würde der harte Kern der Nord­kurve aus den sieb­ziger und acht­ziger Jahren ver­mut­lich kom­plett als gewalt­be­reit ein­ge­stuft werden. Das waren harte Jungs aus der Unter­schicht, denen eher selten der Sinn nach aus­gie­bigen Dis­kus­sionen stand. Out­laws mit eigenen Regeln. Es kam schon vor, dass sich die Nord­kurve mitten im Spiel plötz­lich leerte, weil sich die Kunde ver­brei­tete, geg­ne­ri­sche Fans seien im Anmarsch. Und dann gab es – auf neu­tralem Ter­rain hinter der Ost­ge­rade – eine hand­feste Kei­lerei.

Damals konnte man sich auf dem Bökel­berg noch frei bewegen. Zäune zwi­schen Nord, Ost, Süd, West gab es nicht, auch keine Block­tren­nung. Die wurde erst 1985, nach der Kata­strophe von Heysel ein­ge­führt. Die Stif­tung Waren­test“ unter­suchte damals sämt­liche Bun­des­li­ga­sta­dien, ihr Urteil über den Bökel­berg fiel ver­hee­rend aus. Als eines von zwei Sta­dien in Deutsch­land wurde dessen Zustand als sehr bedenk­lich“ ein­ge­stuft. 

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Pyro­technik ist kein Ver­bre­chen: Nord­kurven-Anhänger ent­zünden Wun­der­kerzen beim Abend­spiel im Dezember 1980.

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Der Klub reagierte empört – und griff massiv in die Frei­heiten der Sta­di­on­be­su­cher ein. Vor allem in die der Fans in der Nord­kurve. Plötz­lich waren keine Papier­schnitzel mehr erlaubt, die beim Ein­laufen der Mann­schaften durch die Luft flogen und das Bild von der Nord­kurve geprägt hatten. Neue Wel­len­bre­cher wurden instal­liert und Zäune zwi­schen den Blö­cken hoch­ge­zogen. Die Fans pro­tes­tierten, weil sie nicht wie Tiere im Zoo gehalten werden wollten. 

Eine Demo als Initi­al­zün­dung für orga­ni­sierte Fan­ar­beit

Theo Weiss, später Borus­sias erster Fan­be­auf­tragter, hat vor kurzem beim Auf­räumen ein hand­ge­schrie­benes Flug­blatt gefunden, mit dem die Fans zum ver­mut­lich ersten Mal über­haupt geschlossen demons­trierten: Heute werden wir uns wehren“, steht da. Und: Weg mit dem Affen­käfig! Weg mit den unmensch­li­chen Poli­zei­kon­trollen! Weg mit der fan­feind­li­chen Block­ein­tei­lung!“ Der Block 16, die Heimat der Hard­core-Fans, wurde für ein Spiel bestreikt, nur ein Anhänger im Affen­kostüm turnte über die Ränge.

Diese Aktion war für Theo Weiss die Initi­al­zün­dung in die Fan­szene hinein“ und der Beginn der orga­ni­sierten Fan­ar­beit, aus der Ende der Acht­ziger das Fan­pro­jekt ent­stand. Von Fans für Fans“, so lautet das Motto bis heute. Unter­stützt wurde das Pro­jekt von Borus­sias Manager Helmut Gras­hoff. Er hat das total geför­dert“, erin­nert sich Weiss. Bei Pro­blemen mit Gewalt waren die Klubs schnell dabei, sich von ihrem Anhang zu distan­zieren. Gras­hoff hat die soziale Ver­ant­wor­tung des Ver­eins begriffen und ver­in­ner­licht“, sagt Weiss.

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Size does matter: Borus-sia-Fans mit ihren boden­langen Strick­schals auf dem Weg zum Bökel­berg in der Saison 1975/76.

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Wer Ende der Sieb­ziger als Gym­na­siast oder Stu­dent zum Bökel­berg ging, sah sich einem latenten Recht­fer­ti­gungs­druck aus­ge­setzt. Fuß­ball, das war was für Pro­leten und ganz sicher kein Frei­zeit­ver­gnügen für die ganze Familie. Für mich hat gerade das den Reiz aus­ge­macht“, sagt Tower Wein­mann, der damals als Stu­dent zum Bökel­berg fuhr. Aus einer heilen Welt in eine Welt rein­zu­kommen, in der andere Regeln gelten.“

Die Nord­kurve war ein eigener Kosmos mit eigenen Codes. Nur auf den ersten Blick war die Kurve ein herr­schafts­freier Raum, in der theo­re­tisch jeder die glei­chen Rechte hatte und jeder jeder­zeit ein Lied anstimmen konnte. Nur scheinbar waren alle gleich. In Wirk­lich­keit waren einige glei­cher. Das fing schon bei der Wahl des Platzes an. Der Bökel­berg war bekannt dafür, dass die Ränge beson­ders steil in die Höhe wuchsen. Die Stufen waren schmal und meis­tens lange vor dem Anpfiff besetzt. So musste man sich als Otto-Normal-Fan von oben durch die Massen zwängen, sich an den Wel­len­bre­chern vor­bei­sch­län­geln, einer­seits auf der Suche nach einer Lücke, in die man sich noch quet­schen konnte, ande­rer­seits pein­lich darauf bedacht, nie­mandem auf die Füße zu treten, weil das einen bösen Spruch geben würde. Im güns­tigsten Fall.

Schnulli teilte die Massen wie Moses das Rote Meer

Wer in der Szene bekannt war und was zu sagen hatte, kannte solche Pro­bleme natür­lich nicht. Die wich­tigsten Fan­klubs wie Loreley 78, Cus­todes, Falken, Schwarze Adler, Wup­per­mönche, Bram­bauer oder Eifel­power Polch konnten auch erst kurz vor Anpfiff kommen. Meis­tens wurde Schnulli von den Falken vor­ge­schickt, an die zwei Meter groß, gefühlt 150 Kilo­gramm schwer. Der pur­zelte die Ränge runter und teilte die Masse wie Moses das Rote Meer. Der Rest stürzte dann, gewis­ser­maßen tro­ckenen Fußes, hin­terher.

Die wich­tigsten Fan­klubs gaben in der Nord­kurve den Ton an, und das war wört­lich zu ver­stehen. Die Lau­testen stimmten die Lieder an, die dann von allen mit­ge­sungen wurden. Ver­suchte sich irgendein Nie­mand als Vor­sänger, blieb die Kurve stumm. Es gab eine unaus­ge­spro­chene Hack­ord­nung, über die nicht dis­ku­tiert wurde“, sagt Tower Wein­mann.