Seite 3: Die Faszination des Verruchten

Die Männ­lich­keits­ri­tuale, die unan­tast­bare Hier­ar­chie, die harten Typen, der direkte Sound – für Wein­mann ging von der Nord­kurve eine Fas­zi­na­tion des Ver­ruchten“ aus. Ich hab sie ja geliebt“, sagt auch Theo Weiss. Die Enge, die Nähe zum Spiel­feld, das Wilde, Laute und Bunte. 

Es war eine fremde Welt, in der ein Typ wie Borussen-Leo eine große Nummer werden konnte. Borussen-Leo war eher berüch­tigt als berühmt und trotzdem so etwas wie das erste Gesicht der Nord­kurve, von dem heute kaum noch jemand weiß, wie es eigent­lich aussah. Mit bür­ger­li­chem Namen soll er Leo Schneider heißen. So steht es in einem Buch, das Borussia zum Abschied vom Bökel­berg vor 15 Jahren her­aus­ge­geben hat. Einen Voll­bart habe er gehabt und meis­tens einen blauen Trai­nings­anzug getragen. Aus Borussen-Leo ist längst ein Phantom geworden. Die Erin­ne­rung an ihn ist ver­blasst. Vor einigen Jahren hat ein Glad­ba­cher Autor den Roman Borussen-Leo kehrt zurück“ ver­öf­fent­licht. Aber Borussen-Leo ist nicht mehr zurück­ge­kehrt. Irgend­wann war er weg. Wann genau, kann nie­mand sagen. Ob er noch lebt, auch nicht. Dass es ihm gut geht, dürften die bezwei­feln, die ihn in den Sieb­zi­gern erlebt haben.

Ver­klärte Ver­gan­gen­heit

Borussen-Leo war kein lie­bens­wertes Ori­ginal. Er war ein Asi, zu dem man besser auf Distanz blieb. Im Nach­hinein wird vieles ver­klärt“, sagt Tower Wein­mann. Auch der Bökel­berg, diese angeb­liche Kult­stätte des deut­schen Fuß­balls. Oder die Nord­kurve, das Epi­zen­trum guter Stim­mung. In den Acht­zi­gern gab es auf dem Bökel­berg Bun­des­li­ga­spiele mit vier­stel­liger Zuschau­er­zahl, und schon damals wurde über die miese Atmo­sphäre im Sta­dion gemo­sert.

Ver­mut­lich war es bis Mitte der Sieb­ziger noch gespens­ti­scher. Die Anfeue­rungen bestanden vor allem aus dem stak­ka­to­haften Vau! Eff! Ell!“ Dazu wurden Schlager oder Volks­lieder not­dürftig umge­dichtet: Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Borussia nicht“ oder Den VfL-Walzer tanzen wir“. Ori­gi­nell ist anders. 

Als eine Art Erwe­ckungs­er­lebnis für die Nord­kurve gilt das Finale im Lan­des­meis­ter­pokal im Mai 1977. In Rom traf Glad­bach auf den FC Liver­pool, dessen Fans in der Stadt und im Olym­pia­sta­dion den Borussen nicht nur zah­len­mäßig, son­dern auch akus­tisch über­legen waren. Den Glad­ba­cher Anhän­gern gingen vor Staunen die Augen auf. Oder besser: die Ohren.

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Zwei rechts, zwei links: Ein junger Fohlen-Fan kuschelt 1977 mit einer Borussia-Puppe, für die seine Oma sehr lange stri­cken musste.

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In jene Zeit fällt auch der erste Besuch des tür­ki­schen Gast­ar­bei­ters Ethem Özen­renler auf dem Bökel­berg. Weil er von der Atmo­sphäre ziem­lich ent­täuscht gewesen sein soll, brachte er beim nächsten Mal eine Trommel mit. Aus Ethem Özen­renler, der von Montag bis Freitag in einer Spin­nerei arbei­tete, wurde an jedem zweiten Wochen­ende Manolo, der Trommler. Ihn kennt man heute noch, obwohl er 2008 gestorben ist. Dabei stand noch Ende der Acht­ziger im Fohlen-Echo“, Borus­sias Sta­di­on­zeit­schrift, Manolo heiße mit bür­ger­li­chem Namen Adam. Erst das Pri­vat­fern­sehen machte Manolo berühmt. Plötz­lich stand er pars pro toto für die Nord­kurve, obwohl er nie Teil der Szene war, son­dern immer ein Ein­zel­gänger blieb.

Irgend­wann bekam er am Zaun vor Block 16 seinen eigenen Sitz. Er war der erste Fan, der legal auf dem Zaun stehen oder sitzen durfte. Alle Vor­sänger in Deutsch­land sind gewis­ser­maßen seine Nach­folger“, sagt Tower Wein­mann. Manolo thronte über den Dingen, und er genoss seine expo­nierte Stel­lung. Auch des­halb ist er in der Szene nie unein­ge­schränkt positiv gesehen worden. Einer­seits ver­fügte Manolo über ein wenig aus­ge­prägtes Rhyth­mus­ge­fühl, ande­rer­seits legte er sich mit den Jahren eine gewisse Arro­ganz zu. Und dass er nach Borus­sias Abstieg 1999 kundtat, er habe keinen Bock auf zweite Liga, war seinem Ruf nicht gerade zuträg­lich. 

Es gibt nur einen Manolo

Aber wehe, beim Aus­wärts­spiel wollten ihn die Ordner daran hin­dern, auf den Zaun zu klet­tern, so wie er es vom Bökel­berg gewohnt war. Dann probte der Glad­ba­cher Fan­block den Auf­stand.

Manolo gehört zur Geschichte der Nord­kurve“, sagt Tower Wein­mann. Als Özen­renler schwer erkrankte und schließ­lich klar war, dass Manolo nicht mehr zurück­kommen würde, mon­tierte das Fan­pro­jekt kur­zer­hand seinen Sitz vor der Nord­kurve ab. Es gibt nur einen Manolo“, sagt Tower Wein­mann. Fertig.“