Seite 2: Heimat der Halbstarken und Abenteuerlustigen

Selbst Alko­hol­kon­trollen waren im Park­sta­dion Fehl­an­zeige. Auch an Kinder wurde wie selbst­ver­ständ­lich Bier oder Tee mit Rum ver­kauft. Wer bei den Ein­lass­kon­trollen mit Hoch­pro­zen­tigem erwischt wurde, hatte die Wahl: weg­werfen oder aus­trinken. Das wirkte sich oft fatal auf die min­der­jäh­rigen Schnaps­schmuggler aus, die sich natür­lich vor den Augen der laut­hals joh­lenden Freunde fürs Trinken ent­schieden. Was wie­derum für Harn­drang sorgte, der ein echtes Pro­blem war. Denn wäh­rend man heut­zu­tage beim Toi­let­ten­gang schon mal darauf ange­spro­chen wird, ob man sich die Hände gewa­schen hat, konnte man sich im Park­sta­dion gar nicht erst auf die Sani­tär­an­lagen der Nord­kurve trauen – es war dort schlicht und ergrei­fend zu gefähr­lich. 

Ganz zu schweigen davon, dass die Kera­miken ohnehin nur selten benutzbar waren, da sie ständig von irgend­wel­chen Van­dalen demo­liert wurden. Gepin­kelt wurde also an Bäumen oder auch schon mal direkt im Block. Die wenigen weib­li­chen Sta­di­on­be­su­cher erleich­terten sich oft auf den bepflanzten Hügeln hinter der Gegen­ge­rade. Überall im Sta­dion herrschte eine Art ver­we­gener Frei­heit, die man sich nahm und die akzep­tiert war.

Maso­chis­ti­sche Züge

So wurde das Park­sta­dion inner­halb eines Jahr­zehnts statt zur erhofften Pil­ger­stätte für erfolgs­ver­wöhnte Fuß­ball­an­hänger zur Heimat der Halb­starken und Aben­teu­er­lus­tigen. Doch für Schalke waren diese Fans in den Jahren der Zweit­klas­sig­keit ein wich­tiger Rück­halt. Sie fanden auch dann den Weg in die trost­lose und über 70 000 Zuschauer fas­sende Beton­schüssel, wenn sich sonst kaum jemand dorthin ver­irrte. 

Wenn Wind und Regen den Besuch zur Her­aus­for­de­rung werden ließen, sangen und schrien sich die Treu­esten der Treuen in der Nord­kurve immer noch die Kehle heiser. Was zwi­schen Oktober und April schon maso­chis­ti­sche Züge hatte, denn Schutz vor der Wit­te­rung gab es nur auf der Haupt­tri­büne. Oskar mach die Tore auf“, schallte es bei Dauer- oder Schnee­regen von den Stehrängen rüber zur Ehren­tri­büne, wo Prä­si­dent Günter Oskar“ Sie­bert saß. Doch geöffnet haben sich die Tore zum über­dachten Bereich so gut wie nie.

Kano­nen­böller in der Kapuze

Man kann es den Tri­bü­nen­be­su­chern nicht ver­denken, dass sie die Fans aus der Nord­kurve lieber auf Abstand hielten. So gehörten Faust­kämpfe bis Ende der Acht­ziger zum nor­malen Spiel­tags­er­lebnis. Wilde Jagden auf geg­ne­ri­sche Fans, Mas­sen­schlä­ge­reien auf dem Spiel­feld und Block­stürme des Gäs­te­be­rei­ches inklu­sive Rake­ten­be­schuss machten das Park­sta­dion zu einem der gefürch­tetsten Fuß­ball­orte. Die Spiel­tage nach den Jah­res­wenden waren geprägt von Feu­er­werks­kör­pern, die in alle Rich­tungen geworfen oder abge­schossen wurden und mitten im Block explo­dierten. Jeder wusste, dass Hoo­dies im Januar eine schlechte Idee waren, denn Kano­nen­böller wurden nur knapp über die Köpfe hinweg nach unten geworfen – wenn sie in einer Kapuze lan­deten, hatte deren Träger ein echtes Pro­blem. 

Wie selbst­ver­ständ­lich wurden auch kleine Feuer in den Blö­cken ent­facht, zum Bei­spiel um erbeu­tete geg­ne­ri­sche Fan­utensilien zu ver­brennen. Wenn dann die hoch­gif­tigen, bren­nenden Schals von den Laut­spre­cher­masten tropften, war höchste Vor­sicht geboten. Ein Ver­gleich mit dem heut­zu­tage geord­neten Abbrennen von Pyro­technik erüb­rigt sich da.