Seite 3: Eine sonderbare Aufbruchstimmung

Konnte es in der Nord­kurve schon unge­müt­lich werden, so begab man sich als Aus­wärtsfan im Gäs­te­be­reich erst recht in Gefahr, denn Schutz durch die Polizei gab es kaum. Hoo­li­gans und Mit­läufer spielten mit der unzu­rei­chend aus­ge­rüs­teten und oft über­for­derten Staats­macht Katz und Maus. Die Schirm­mützen der Poli­zisten waren hoch­an­ge­se­hene, aber nicht rare Beu­te­stücke. In den berüch­tigten Block 5 der Nord­kurve trauten sich Ordner gar nicht und Poli­zisten nur in grö­ßeren Gruppen. Es kam sogar vor, dass Poli­zei­wagen hinter diesem anrü­chigen Ort von der halt­losen Meute umge­worfen wurden.

Dafür war das Ganze aber sehr billig – trotz ohnehin mode­rater Ein­tritts­preise gab es Schü­ler­karten für nur 1,50 DM. Trotzdem lau­erten viele jugend­liche Anhänger darauf, noch güns­tiger ins Sta­dion zu kommen. Da schnappte sich jemand in einem unbe­ob­ach­teten Moment eine ganze Ticke­trolle aus einem Kas­sen­häus­chen und ver­teilte die Karten, bevor die Polizei ein­greifen konnte. Es gab zwar num­me­rierte Sitz­plätze, aber ob auf den Bänken nun 20 oder 40 Fans hockten, konnte und wollte nie­mand kon­trol­lieren. So gab es Spiele, zu denen das Park­sta­dion völlig über­füllt war. Rudi Assauer sagte mal, dass er für den legen­dären Pokal­krimi gegen Bayern Mün­chen 1984 über 80 000 Karten dru­cken ließ. Hinzu kamen noch Zuschauer, die kopierte Tickets hatten oder ein­fach alle Kon­trollen umgingen. So wurden vor einem UEFA-Cup-Spiel Fans beim Tun­nelbau erwischt.

Als Fan­ge­sänge noch Schlacht­rufe hießen

Fan­ge­sänge hießen zur Zeit des Park­sta­dions noch Schlacht­rufe und waren in aller Regel mar­tia­lisch. Kommt doch mal rüber zum Ess Null Vier!“, schallte es von der Nord- zur Süd­kurve hin­über, was nichts anderes als die Auf­for­de­rung zu einer Schlä­gerei war. Da sich aber nie jemand traute, machten sich viele Nord­kur­ven­an­hänger selbst auf den Weg. Auf Höhe der Gegen­ge­rade kam es Spieltag für Spieltag zu Prü­ge­leien, bis ein Metall­zaun errichtet wurde, der wenigs­tens wäh­rend der 90 Minuten für Ruhe sorgte. Dass sich unter den Hauern auch viel rechts­ex­tremes Gedan­kengut fand, muss nicht extra erwähnt werden, denn das war damals leider in fast allen Sta­dien der Repu­blik durchaus kon­sens­fähig. Warum also sollten sich Fans fast sehn­süchtig an diese Zeiten erin­nern?

Zum Bei­spiel wegen Cat­weazle. Einer der ange­se­hensten Leader der Nord­kurve ver­dankte seinen Spitz­namen der Ähn­lich­keit mit dem gleich­na­migen Star einer Fern­seh­serie. Auf einem der Wel­len­bre­cher an einem Laut­spre­cher­mast ste­hend, gab das spitz­bär­tige Unikum mit seiner Trommel der Kurve den Takt vor. Auf sein Kom­mando hin wurde rhyth­misch geklatscht und ange­feuert, was die Stimme hergab. Denn um die Mann­schaft zu errei­chen, musste die Schall­welle noch die Lauf­bahn und den großen Hin­ter­tor­be­reich über­winden. Daher war es selbst­ver­ständ­lich, dass man nach Spiel­tagen voll­kommen heiser war. Heute erreicht man wegen der Archi­tektur der Arena mit halber Stimm­kraft die x‑fache Wir­kung, früher besetzten viele Grup­pie­rungen schon Stunden vor Spiel­be­ginn ihre Stamm­plätze, um sich ein­zu­singen.

Den Schal strickte die Oma

Bei sich trugen sie blau-weiße Fanu­ten­si­lien, die zu 90 Pro­zent in Hand­ar­beit ent­standen waren, etwa meter­lange, von der Oma gestrickte Schals oder mit Nieten und großen Rücken­auf­nä­hern bestückte Kutten sowie rie­sige, an Bam­bus­stö­cken befes­tigte Fahnen aus Baum­woll­stoffen, die an Regen­tagen kaum noch zu schwenken waren. Das für solche Flaggen auch schon mal die aus der Gemeinde sti­bitzten Fron­leich­nam­banner her­halten mussten, wusste die Näherin Gott sei Dank nicht.

Anfang der Neun­ziger ent­spannte sich die Lage zuneh­mend. Prä­si­dent Günter Eich­berg ver­mochte eine son­der­bare Auf­bruch­stim­mung zu erzeugen und schaffte es durch gezielte, pfif­fige Mar­ke­ting­maß­nahmen wieder, die Massen ins Park­sta­dion zu locken. Dabei wurde er nicht müde, zusammen mit Charly Neu­mann den Anhän­gern ins Gewissen zu reden. Dass sie ihn zum Auf­stieg bis auf die Unter­hose aus­zogen, ver­zieh Eich­berg den Fans ebenso wie den Tritt eines Zuschauers in den Aller­wer­testen des Schieds­rich­ters. (Wäh­rend des Spiels, wohl­ge­merkt.)

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Blick zurück, doch nicht im Zorn: Viele Schalker ver­missen den herben Charme ihrer weiten, oft kalten Beton­schüssel.

Chris­toph Buck­stegen

Ansonsten wurde es ruhiger. Plötz­lich war Schalke wieder hip, auf der Tar­tan­bahn sang Ruhr­pott­barde Erwin Weiss, und das neue Mas­kott­chen, der Maul­wurf Wühli“, tanzte zu den Lie­dern der Schalker Haus­band The Flo­rians oder des Schla­ger­sän­gers Ibo, die auf einer Bühne vor der Nord­kurve auf­traten. Die Fanin­itia­tive arbei­tete der­weil uner­müd­lich gegen rechte Ten­denzen, und als Schalke sich 1996 end­lich wieder für einen euro­päi­schen Wett­be­werb qua­li­fi­zieren konnte, waren die rauen Zeiten fast Geschichte. Ein neues Wir-Gefühl ließ die Kurve Ruhr­pott, Ruhr­pott“ skan­dieren, und statt Schwarz­pulver fand bei strö­mendem Regen der schäu­mende Inhalt von Dusch­gel­proben seinen Weg in des Vor­der­manns Haar­pracht. Nebenan auf der Groß­bau­stelle wuchs die Arena in die Höhe, wäh­rend die einst so schwie­rige Kund­schaft mitt­ler­weile auf der Haupt­tri­büne hockte und dort laut­hals Stim­mungs­hits von DJ Ötzi grölte.

Doch all das, selbst die letzten schönen Jahre im Park­sta­dion, kann die Sehn­sucht nach der alten Schüssel und der ursprüng­li­chen Nord­kurve nicht wirk­lich erklären. Also was ist es? Es scheint an der Ver­än­de­rung des Fuß­balls an sich zu liegen. Am inzwi­schen kom­plett durch­kom­mer­zia­li­sierten Hoch­glanz­pro­dukt Bun­des­liga. An über­trie­benen Ein­tritts­preisen, der Zer­stü­cke­lung der Spiel­tage, dem Video­be­weis oder an der Über­macht der super­rei­chen Groß­klubs. Es sind unzäh­lige kleine Dinge, die den modernen Fuß­ball für viele immer unin­ter­es­santer werden lassen, wodurch die Ver­gan­gen­heit attrak­tiver wirkt. Ja, damals war wirk­lich man­ches besser. Doch es gab auch zahl­reiche unschöne Aus­wüchse. Des­wegen darf man Orte wie das Park­sta­dion durchaus ver­missen, aber man sollte sie nicht ver­klären.