Hin­weis: Dieser Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #207. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich. 

Der letzte ver­blie­bene Flut­licht­mast des einst stolzen Park­sta­dions ist so etwas wie das Wahr­zei­chen des Berger Feldes im Norden von Gel­sen­kir­chen geworden. Wie ein Wach­turm ragt er weit über das Areal hinaus und erin­nert die Besu­cher der benach­barten modernen Arena an die Zeit, als noch eine kalte, häss­liche Beton­schüssel die Heim­spiel­stätte des FC Schalke 04 war. Meist sind es ver­klärte, roman­ti­sche Erin­ne­rungen an eine Ära, in der Spiel­tage gänz­lich anders abliefen als heute. Mit Romantik hatte das Park­sta­dion zwar wenig zu tun, trotzdem scheint die Sehn­sucht nach dieser Zeit so groß zu sein wie selten zuvor – Nost­algie hat Hoch­kon­junktur.

Des­halb haben auch viele der alten Park­sta­di­on­lieder den Weg zurück auf die moderne Fan­tri­büne gefunden, die immer noch Nord­kurve heißt, obwohl sie eigent­lich keine Kurve ist, jeden­falls nicht so wie im Park­sta­dion, wo die Tar­tan­bahn die Form der Tri­büne bestimmte. Die Fans singen: Wir sind Schalker, aso­ziale Schalker, wir schlafen unter Brü­cken oder in der Bahn­hofs­mis­sion!“ Was früher von geg­ne­ri­schen Anhän­gern hämisch über die blau-weißen Fans gesungen wurde, into­nieren also heute zehn­tau­sende Schalker voller Stolz. Dabei ist das Publikum inzwi­schen ein ganz anderes. Solch gesit­tete Zuschauer, wie sie in der Arena beim Pre­mi­um­pro­dukt Bun­des­liga anzu­treffen sind, sah man im Park­sta­dion allen­falls ver­ein­zelt auf der Haupt­tri­büne. In der Nord­kurve, allen voran im berüch­tigten Block 5, wehte ein ganz anderer Wind.

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Gesittet und geordnet: In der Nord­kurve der modernen Arena erin-nert nur noch wenig an die Anar­chie des alten Park­sta­dions.

Chris­toph Buck­stegen

Schon vor dem Umzug in das Park­sta­dion 1973, in den letzten Spiel­jahren in der Glückauf-Kampf­bahn, fielen Zuschauer des Ruhr­ge­biets­ver­eins immer öfter durch ihr rüdes Ver­halten auf. Die anschlie­ßenden knapp zwei Jahr­zehnte im Park­sta­dion waren durchweg geprägt von Gewalt­aus­brü­chen. Ende der Sieb­ziger bis Anfang der Neun­ziger war das Park­sta­dion kein wirk­lich sicherer Ort. Hier for­mierte sich die einst berüch­tigtste Hoo­li­gan­gruppe der Bun­des­liga, die Gel­sen­szene. Hier gab es an einem ein­zigen Spieltag mehr Schlä­ge­reien als heute in einer ganzen Saison. Warum also wird ein sol­cher Ort offenbar ver­misst?

Sinn­bild für Erfolg­lo­sig­keit und Skan­dale

Geliebt wurde das WM-Sta­dion von 1974 sei­ner­zeit für seine Größe, für die leis­tungs­starke Flut­licht­an­lage und für die damals hoch­mo­derne, rie­sige Anzei­ge­tafel. (Auf deren schmaler Ober­kante so man­ches Mal ver­we­gene Fans einen Platz suchten, um das Spiel in luf­tiger Höhe zu ver­folgen.) Ursprüng­lich war das Sta­dion sogar als Vor­zei­ge­ob­jekt für eine ganze Region und für über 100 000 Men­schen geplant worden. Eine kom­plette Über­da­chung war auch nach der Eröff­nung noch jah­re­lang im Gespräch.

Das Sta­dion war als Symbol für eine neue ruhm­reiche Ära der Schalker Knappen gedacht, es sollte der Stolz der Berg­ar­bei­ter­re­gion sein und den Erfolg der Vor­kriegs­jahre zurück­bringen. Es wurde – bis auf Aus­nahmen wie den Gewinn des UEFA-Pokals 1997 – allen­falls ein Sinn­bild für Erfolg­lo­sig­keit und Skan­dale. Jenen Gewinn des euro­päi­schen Titels für die heu­tige Nost­al­gie­welle ver­ant­wort­lich zu machen, wäre daher zu kurz gedacht.

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Schon in der alten Kampf­bahn Glückauf standen die jüngsten und lau­testen Fans des FC Schalke im Norden, wie hier im Herbst 1971.

Werner Otto | United Archives

Als das Park­sta­dion gebaut wurde, hatte der Fuß­ball wegen des Bun­des­li­ga­skan­dals mit großem Zuschau­er­schwund und einem schlechten Image zu kämpfen. Im Ruhr­ge­biet kamen noch Struk­tur­wandel und stei­gende Arbeits­lo­sig­keit hinzu, die viele Pro­bleme in die Sta­dien trugen. So wurden die Spiel­tage für viele Jugend­liche zur besten Gele­gen­heit, den ange­stauten Frust abzu­bauen und sich selten gewor­dene Aner­ken­nung zu ver­schaffen. Es herrschte eine Art Anar­chie in den Sta­dien. 

An den Bier- und Wurst­ständen galt das Gesetz des Stär­keren oder Lau­teren. Wer dort im wahrsten Sinne des Wortes um sein Bier gekämpft hat, war nur wenige Jahre später ver­blüfft, wie geordnet sich Sta­di­on­be­su­cher anstellen können, um an Ver­pfle­gung zu kommen. Auch ansonsten hatte der Imbiss­stand im Park­sta­dion übri­gens aben­teu­er­li­chen Cha­rakter. Da schwamm schon mal ein Heft­pflaster in der Erb­sen­suppe, die umso dünner aus­fiel, je mehr Zuschauer kamen. Auch das gerne ver­ar­bei­tete Gam­mel­fleisch würde heute bun­des­weit für Schlag­zeilen sorgen, war damals aber nicht mehr als eine gern erzählte Anek­dote.