Die 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jede Woche machen sich Lucas Vogel­sang, Titus Chalk, Frank Will­mann und Frank Baade im Wechsel Gedanken üb er den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Wenn unser heu­tiger Kolum­nist Frank Baade nicht gerade für uns drei Kleinode zusam­men­stellt, schreibt er auf seiner Web­seite über den Fuß­ball­gott und dessen irra­tio­nales Wirken in den Bun­des­ligen und den großen Tur­nieren dieser Fuß­ball­welt.


1.
EnBe­DeGEA-ArEnA

Nicht zu ver­wech­seln, auch betrunken nicht, mit Uni­ver­si­tatea Craiova.

Es muss Schluss sein mit dieser Ver­stop­fung der Seh­nerven und vor allem des Sprach­zen­trums. Man hatte sich ja schon länger daran gewöhnt, dass Sta­dien wie Spiel­zeug heißen oder seit geraumer Zeit nach Banken benannt werden. Diese Banken und diese Spiel­zeug­marken trugen aber wenigs­tens noch in irgend­einer Form sinn­volle Wörter als Namen. Wörter gar, die schon zum aktiven Sprach­schatz gehörten, bevor Sta­di­on­na­men­pa­ten­sein in Mode kam. Wer wäre nicht mit einem Pro­dukt von play­mobil im Mund auf­ge­wachsen?

Seit jedes Erzeugnis und die dazu­ge­hö­rige Bezeich­nung auf inter­na­tio­nale Fami­li­en­taug­lich­keit und ihren Wohl­fühl­faktor getestet wird, darf ein Zechen­ver­band aber nicht mehr RAG (sprich: Rack) heißen, son­dern muss der/​die/​das Evonik“ sein, was immer er/​sie/​es damit auch sein will. Eine Ver­si­che­rung heißt nicht mehr Grün­der­nach­name-Ver­si­che­rungen“, son­dern irgend­etwas mit x vorne drin und ‑vona oder ‑sana am Ende oder Ähn­li­ches der Den­tisten-Lyrik Ent­lie­henes. Kann man am Namen Nord­häuser Dop­pel­korn“ noch sehr gut erkennen, wel­ches Pro­dukt sich dahinter ver­birgt, ist man bei Bezeich­nungen wie UPC“ (Graz) oder SGL“ (Augs­burg) oder AFAS“ (Alk­maar) völlig auf­ge­schmissen.

Wie soll man diese Buch­staben-Zoos über­haupt aus­spre­chen?

Es man­gelt aber nicht allein an der Mög­lich­keit, sich unter dem Pro­dukt­namen etwas vor­zu­stellen. Viel­mehr und viel mehr fehlt dem Durch­schnitts-Mit­tel­eu­ro­päer die Mög­lich­keit, diese Buch­staben-Zoos über­haupt aus­zu­spre­chen. Ahwehdeh-Arena. Rehe­hess-Arena. Pehtsetse-Sta­dion. Deh­kabeh-Arena.

Wer zur Hölle soll das arti­ku­lieren und sich anschlie­ßend merken können? Und wie soll ein mess­barer Mehr­wert damit gene­riert werden, wenn sich nicht mal die Welt­meister im Pi-Stellen-Hinter-dem-Komma-Aus­wen­dig­lernen die Rei­hen­folge dieser sinn-ent­leerten, zufällig mit­ein­ander kom­bi­nierten Sym­bole der latei­ni­schen Schrift ein­prägen können?

Da wird großes Schind­luder mit den Gehirnen echt lieb­ha­bender Fuß­ball­fans getrieben, wenn solche wirren Kom­bi­na­tionen die Sta­di­en­namen ihrer schönen Ver­eine ver­schan­deln. Zum Bei­spiel das Sta­dion vom DJK, des VFC oder der SpVgg — ein klarer Fall für den WFV, wenn nicht sogar DFB.

2.
Jetzt ist er ein Bayer

Jean-Marie Pfaffs kaum bekannte Single Jetzt bin ich ein Bayer“. Mit dem famosen wie hin­ter­grün­digen Text:

Ich war ein Bel­gier und jetzt bin ich ein Bayer
Ich trinke Bier und esse Leberkäs mit Eier
Und jeden Samstag steh ich froh in meinem Tor
und kein Stürmer macht dem Jean-Marie was vor

Da ist tat­säch­lich ein ganz beson­deres Texter-Talent am Werke gewesen. Hier bei den Lyrics nicht erfasst: die vier Inter­view­pas­sagen inmitten des Songs. You­tube:

Wann erscheint Manuel Neuers Platte?

3.
Warum den Wächter wür­digen?

In Deutsch­land wurde es jüngst wieder mal ein Tor­wart: Fuß­baller des Jahres. So richtig weiß man nicht, warum Manuel Neuer, der außer einem Pokal­sieg gegen hoff­nungslos über­for­dete Mei­de­ri­cher, na gut, ein biss­chen Cham­pions League, nicht viel vor­zu­weisen hat, es geworden ist. Aber sicher spielte da die natür­liche Affi­nität des deut­schen Fuß­ball­pu­bli­kums zu guten Tor­hü­tern eine Rolle. Man kann sich keine Meis­ter­mann­schaft vor­stellen ohne dazu­ge­hö­rigen Tor­wächter, der zumin­dest in dieser einen Saison unüber­windbar schien. Aber ist dem über­haupt so? Gibt es eine solche beson­dere Wert­schät­zung von Tor­hü­tern in hie­sigen Land­stri­chen?

Die Ergeb­nisse werfen eine Henne-Ei-Frage auf

Ja, die beson­dere Wert­schät­zung, die Tor­wächter in deut­schen oder deutsch­spra­chigen Landen erfahren, ist kein Mythos, wie die Jagd nach einer zu wider­le­genden Legende ergab — siehe Auf­lis­tung unten. Sie exis­tiert tat­säch­lich, nimmt man das zuge­geben nicht allein­stehen kön­nende Kri­te­rium der Wahl eines Spie­lers auf einer bestimmten Posi­tion zum Fuß­baller des Jahres“ in einem Land zur Hand.

Die Ergeb­nisse werfen durchaus eine Henne-Ei-Frage auf: Wird man in bestimmten Län­dern lieber Tor­hüter, weil man dort eine grö­ßere Wür­di­gung erfährt — oder erfahren Tor­hüter in bestimmten Län­dern eine grö­ßere Wür­di­gung, weil man es dort lieber wird — und es des­halb eine grö­ßere Anzahl guter Exem­plare davon gibt?

Keine Ahnung, auch keine Ten­denz zu einer Ver­mu­tung. Auf­fällig ist aber unbe­dingt die Häu­fig­keit der Aus­zeich­nungen zum Fuß­baller des Jahres“ in mit­tel­eu­ro­päi­schen Län­dern als da wären die BR Deutsch­land, die DDR, Öster­reich und Bel­gien auf den ersten vier Plätzen. Ange­sichts der sehr unter­schied­li­chen Zahlen an durch­ge­führten Wahlen nicht per­fekt ver­gleichbar, aber aus­sa­ge­kräftig.

Das klas­si­sche Durch­marsch­land“ und die Ver­tei­di­gung

Da man hier küchen­psy­cho­lo­gisch-his­to­ri­sche Betrach­tungen zum Fuß­ball ablehnt („Die Uru­gu­ayer sind solche Klopper, weil sie 1842 eine Schlacht am Soundso-Berg in Unter­zahl mit fiesen Methoden gegen die anrü­ckenden Argen­ti­nier gewannen — einer der Grün­dungs­my­then dieser Nation, die sich in das kol­lek­tive Gedächtnis des Volkes so sehr ein­ge­brannt hat, dass man die daraus abge­lei­tete Hand­lungs­ma­xime auch beim Fuß­ball nicht über­sehen kann, wenn 11 Uru­gu­ayer auf dem Platz stehen.“), braucht man auch nicht der Frage weiter nach­zu­gehen, ob man wegen der zen­tralen Lage in Mit­tel­eu­ropa und der dazu­ge­hö­rigen großen Zahl an umge­benden Feinden als klas­si­sches Durch­marsch­land“ mehr Wert auf Ver­tei­di­gung legt als in Län­dern, die auf­grund ihrer Lage nur sehr wenige (Spa­nien, Por­tugal) oder gar keine (Eng­land bzw. Groß­bri­tan­nien) direkten Fein­des­nach­barn haben.

Häu­fig­keit der Wahl eines Tor­hü­ters zum Fuß­baller des Jahres“:

* davon 1x ein Deut­scher, Bert Traut­mann, 1x ein Nordire, Pat Jen­nings, ohne diese beiden läge Eng­land mit 1/64 und damit weniger als 2 Pro­zent auf dem letzten Platz dieser Liste

Wobei die Frage natür­lich ebenso inter­es­sant wäre, wie häufig defen­sive Feld­spieler im Ver­gleich zu offen­siven Feld­spie­lern zu Fuß­bal­lern des Jahres“ gewählt werden. Der Tor­hüter ist nun mal auch der beson­ders her­aus­ra­gende Part, der deut­lich hero­en­hafter agieren kann, als ein schnöder linker Ver­tei­diger, der immer nur Flanken ver­hin­dert, wor­aufhin es Ein­wurf für den Gegner gibt.

Teil eins dieser Aus­sage aber, der Ein­zel­kämpfer im Tor, der alles rettet, der die Schlacht allein gewinnt, der über den anderen thront, der die ganze Ver­ant­wor­tung auf seinen Schül­tern trägt, naja, da möchte man tat­säch­lich lieber nicht weiter hin­ab­steigen in küchen­psy­cho­lo­gi­sche Deu­tungen der mit­tel­eu­ro­päi­schen Nationen und deren Bewohner sowie ihre Vor­liebe für der­ar­tige Cha­rak­tere und die dazu pas­senden Hel­den­ge­schichten.