Ich trage die rich­tigen Schuhe. Viel­leicht auch die rich­tigen Narben. Allein, der Junge mit der grün-weißen Trai­nings­jacke weiß nicht, dass ich mir die Ver­let­zung an der Stirn zuzog, als ich einmal vom Schreib­tisch meines Vaters auf die Lehne eines Holz­stuhls fiel. Ich war damals vier Jahre alt.

Du bist doch auch Fuß­ball“, sagt der Junge, der vom Alter her mein Sohn sein könnte und vor dem Ber­liner Post­sta­dion her­um­streunt. An der Back­stein­fas­sade steht seine Gruppe, grün-weiße Schals, noch mehr Trai­nings­ja­cken, Ultras, Anhänger, Fans, was auch immer. Daneben ein paar Poli­zisten. Heute spielt hier der Ber­liner AK gegen den VfB Lübeck, Vierte Liga. Ich warte am Kas­sen­häus­chen. Bin ich also Fuß­ball? Ich bin HSV-Fan“, sage ich.

Stellt euch nicht in unseren Block, könnte böse enden“

Hab ich gleich erkannt“, sagt er. Fuß­ball. Casual. Adidas-Sneaker.“ Dann grinst er und ich denke, dass er mit Fuß­ball nicht Fuß­ball, son­dern Fuß­ball“ meint, und dass ich Glück habe, nicht Fan von Hol­stein Kiel zu sein. Wie wär’s: Kleines 10 gegen 10?“, fragt er dann. Ich sage, es käme nur noch ein Freund, und dass ein 10 gegen 10 so nicht mög­lich sei. Ein Freund? Auch Ham­burger?“ – Nein, Eng­länder. London.“ – Stellt euch nicht in unseren Block, könnte böse enden. Wie das letzte Mal mit den Typen aus Neu­münster.“

Sein Kumpel, der sich unmerk­lich neben uns gestellt hat, trägt auch grün-weiß. Trai­nings­jacke. Er tut nichts weiter, als mich zu mus­tern. Ich trinke Limo­nade, er Bier. 1:0 für ihn. Schließ­lich blickt er einem aus­ge­mer­gelten Senioren hin­terher, der mit seinem sehr ros­tigen Hol­landrad über das Kopf­stein­pflaster durch das Sta­di­ontor fährt, Schult­heiss-Fahne, tiefe Augen­höhlen. Bekannt aus jeder x‑beliebigen Eck­kneipe und doch irgendwie aus der Zeit gefallen. Der Junge ruft: Zum KZ geht’s in die andere Rich­tung!“ Gelächter. Der Junge, bekannt aus jedem x‑beliebigen Sta­dion, ist viel­leicht 18, 19. Er sieht kas­ten­förmig aus, kom­pakt.

Die neue Kam­pagne: RUN BAK!

Das Post­sta­dion liegt im Ber­liner Stadt­teil Moabit, hier fanden in den drei­ßiger Jahren End­spiele um die Deut­sche Meis­ter­schaft statt. Damals hatten 45.000 Zuschauer Platz. Heute passen 10.000 hinein. Bis vor vier Jahren koope­rierte der BAK mit dem tür­ki­schen Verein Anka­raspor, zwi­schen 2006 und 2011 hieß der Klub des­wegen Berlin Anka­raspor Kulübü. Vor ein­ein­halb Jahren erreichte die Mann­schaft die erste Runde des DFB-Pokals, das Spiel gegen Mainz 05 ging knapp mit 1:2 ver­loren. Damals, im August 2010, stand der Tehe­raner Bahman Foroutan an der Sei­ten­linie. Ein Star-Coach. Er hatte in den acht­ziger Jahren mal die ira­ni­sche Natio­nal­mann­schaft trai­niert.

Seit April 2011 steht BAK wieder für Ber­liner Ath­letik Klub. Die Mann­schaft hält sich wacker im Mit­tel­feld der Regio­nal­liga-Nord, zu den Spielen kommen selten mehr als 100 Fans. Heute sind es immerhin 350. Es ist gutes Wetter, der Gegner hat einen attrak­tiven Namen. Auf der Haupt­tri­büne stehen Männer mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, mit Schnurr­bärten, mit Bäu­chen, daneben Kinder, Mütter, ein paar Tou­risten, eine Hand­voll Fans.

Der Kaffee ist okay, die Wurst ledrig. Die Kar­ten­ver­käu­ferin steht eine Minute nach dem Anpfiff an der Bude und drückt die Senf­tube. Daneben ein Stand, an dem sie die neue Mer­chan­dise-Kol­lek­tion des Klubs feil­bieten. Es gibt T‑Shirts, auf denen RUN BAK“ zu lesen ist, nach­emp­funden dem Schriftzug der HipHop-Band RUN DMC. Ein etwa vier­jäh­riger Knirps streift sich das kleinste Shirt über, es sieht aus wie ein Nacht­hemd.

Die ver­letzten Spieler, die heute auf der Sitz­platz­tri­büne Platz nehmen, tragen ähn­liche Fri­suren wie Marco Reus, ihre Spie­ler­frauen ähn­liche Kla­motten wie Vic­toria Beckham. Nur die Autos sind kleiner und die Frauen balan­cieren auf ihren hohen Absätzen eher, als dass sie ele­gant den Weg zum VIP-Raum ent­lang stö­ckeln. Irgendwo da hinten auf der anderen Seite, hinter einem Zaun zwi­schen Gegen­ge­rade und Kurve, stehen die Ultras vom VfB Lübeck. Der Eng­länder sagt: Fuß­ball­fans! Jugend­liche! Ach!“ Wir gucken das Spiel. Ein wen­diger Mit­tel­feld­mann trifft mit einem Fern­schuss die Latte. Applaus.

Kein Ärger, können Sie mir sagen, wo ich Gurken im Glas finde?“

Zur Halb­zeit steht es 0:0. Drüben bei den VfB-Ultras wei­terhin Gesänge. Fahnen, Trans­pa­rente. Aber auch: Lan­ge­weile. Viert­liga-Tris­tesse. Der Blonde und der Kas­ten­för­mige stehen auf einmal wieder neben uns. Kein Ärger! Ist das dein Kumpel aus Eng­land?“, sagt der Blonde. Ob er sich auch im Super­markt so erkun­digt: Kein Ärger! Aber können Sie mir sagen, wo ich Gurken im Glas finde?“

Er guckt nun etwas ent­täuscht. Denn der Eng­länder ist kein 120-Kilo-Bush­wa­cker-Hool aus London-Mill­wall, nicht mal Hool, nicht mal dick. Er ist mit dem Moun­tain­bike nach Moabit gekommen und trägt eine Rad­ler­hose. Die unru­higen Jungs ziehen von dannen, stromern vorbei an den Kin­dern, Rent­nern und Müt­tern. Sie sind zu dritt. Das Bier fest umklam­mert. Sie sind auf dem Weg. Auf der Suche nach dem Aben­teuer. Nach Leuten, die ihre Männ­lich­keits­ri­tuale gou­tieren. Doch es ist wenig los hier im Post­sta­dion. Es ist nichts los. Es ist ein Regio­nall­li­ga­kick im Norden Ber­lins. Es ist, ja, es ist Fuß­ball, und das ist für so einen Sonn­tag­nach­mittag im Grunde genommen völlig aus­rei­chend. 

Das Wort Pisser“ fällt

Die Drei entern mit einem Satz die Sitz­platz­tri­büne. Dort, wo eine Gruppe von Kin­dern sitzt, dort, wo drei Vic­toria Beck­hams ihre Nägel ver­glei­chen. Am Fuße der Tri­büne ver­sam­meln sich prompt ver­schie­dene Sicher­heits­kräfte. Sie for­dern die drei Aus­reißer auf, zurück auf die Steh­plätze zu gehen, zurück in ihren Block. Mit einem Mal stehen dort drei Ordner, sieben Poli­zisten und die drei Jungs. Sie dis­ku­tieren. Etwa dar­über, wer wen ange­fasst hat und wer wen nicht hätte anfassen sollen. Oder dar­über, wer denn nun eine feuchte Aus­sprache hätte und dass man doch von Anfang an gesagt habe: Kein Ärger!“ Und dann stellt jemand die Frage, ob die Drei abge­führt werden sollen, weil sie keine Sitz­platz­karten gekauft hätten. Da werden sie wütend. Das wäre ja schließ­lich ein Sta­di­on­verbot. Das Wort Pisser“ fällt.

Nun wird der Fan­be­auf­tragte des VfB Lübeck um Hilfe gebeten. Er tritt väter­lich auf. Beru­hi­gend. Pisser“, sagt er zu den Jugend­li­chen. Pisser sind das schon mal gar nicht!“ Dann schiebt er den Kas­ten­mann, den Blonden und einen dritten Jungen zurück in ihren Block. Der Eng­länder trinkt Kaffee und unter­hält sich mit einem Anti­qui­tä­ten­händler über Holz­ma­se­rung. Dann fragt er: Kehren die Jugend­li­chen nun als Helden heim?“ 

Der Kas­ten­mann täuscht einen Schlag an – in die Luft

Das Spiel endet 0:0. Die Mann­schaften werden beklatscht. Die VfB-Spieler bedanken sich beim mit­ge­reisten Anhang. Ich gehe auf Toi­lette in der angren­zenden Turn­halle. Die ver­letzten Spieler drü­cken sich in ihre Autos und die Vic­toria Beck­hams achten darauf, dass sie mit ihren Absätzen nicht im ris­sigen Asphalt hän­gen­bleiben. Am Ein­gang steht wieder Polizei, sie begleitet die VfB-Ultra­gruppe zum Haupt­bahnhof. Die Fans singen Blau-Weiß Berlin!“, Blau-Weiß Berlin spielte in der Saison 1986/87 in der Bun­des­liga. Danach ging es bergab, der Klub löste sich auf. Ein Nach­fol­ge­verein spielt heute in der Bezirks­liga. Noch einmal: Blau-Weiß Berlin!“ 

Der Kas­ten­mann taucht mit einem Mal zehn Meter von uns ent­fernt auf. Er tau­melt. Er ver­sucht, seinen Bier­be­cher zum Mund zu führen. Er ruft: Und nun? Und nun?“ Wir sagen nichts. Dafür spricht er. Mit einem Mal fallen die Worte aus seinem Mund. Er schreit: Mach dich mal gerade!“ Und dann täuscht er einen Schlag an. Seine Schulter zuckt dabei so langsam, dass man das Gefühl hat, er habe sich selbst in Super­zeit­lupe abge­spielt. Wir schließen die Fahr­räder auf. Dann flüs­tert der Eng­länder: Kein Ärger.“