Bernd Geschwind, wie­viel Kraft hatte Manolo in den Armen?

Eine Menge. Kleiner Mann, große Wir­kung. Die Back­pfeife, die er mir damals gegeben hat, war nicht von schlechten Eltern. Danach musste ich mich erstmal ori­en­tieren.

Keine Chance, dem Schlag aus­zu­wei­chen?

Nein, Manolo kam von hinten. Er stieg vom Zaun, ging in der West­kurve raus, kam zur Nord­kurve wieder rein und dann bis Block 15, zu mir. Ich hatte nichts mit­be­kommen und spähte zum Spiel­feld. Plötz­lich tippt mir jemand auf die Schulter, ich drehe mich um und habe eine sitzen. Keine Chance.

Geohr­feigt von Manolo, der Glad­ba­cher Fani­kone. Sie gaben kein Backen­futter retour?

Ich war völlig per­plex und tau­melte zurück. Manolo bellte wütend: Hier nur ich trom­meln!“ Dann schoben uns bei­ste­hende Fans aus­ein­ander. Hätte ich zurück­ge­watscht, wäre es sehr unge­müt­lich geworden. Hinter Manolo hatten sich ein paar kräf­tige Jungs auf­ge­baut.

Wir rollen die Geschichte von vorne auf: Sie waren damals 18 Jahre alt und hatten gerade erst ange­fangen, auch am Bökel­berg zu trom­meln. In Block 15, schräg hinter dem Zaun­sitz von Manolo. Eigent­lich ein Affront.

Anfangs drehten sich die Fans ver­wun­dert um. Wie jetzt, noch einer mit Trommel? Einige fanden das scheiße, immerhin gab es Manolo seit den Sieb­zi­gern. Aber die meisten Anhänger haben mich schnell auf­ge­nommen. Du kannst wenigs­tens trom­meln“, haben sie mir gesagt. Und sie hatten Recht. Manolo – Gott habe ihn selig! – hat ja eher sein eigenes Ding gemacht. Bumm-Bumm, immer wieder Bumm-Bumm. Ich habe auf die Gesänge gewartet und bin dann in den Rhythmus ein­ge­stiegen. Das kam an.

Nur nicht bei Manolo.

Ich habe ihn doch bewun­dert! Er war der Grund, warum ich mir eine Trommel zuge­legt habe. Manolo war ein­zig­artig in der Bun­des­liga, ein Ori­ginal! Ein Türke, den die Fans nach einem Spa­nier riefen! Aber damals war er plötz­lich ein biss­chen außen vor, oben auf seinem Zaun. Ich stand im Herzen der Chöre und durfte der Puls­schlag sein. Das hat ihn geär­gert.

Nach der Back­pfeife ging der Trommel-Streit sogar zum Fan­pro­jekt.

Das Fan­pro­jekt steckte noch in den Kin­der­schuhen. Der Fan­be­auf­tragte Holger Spiecker musste zwi­schen mir und Manolo ver­mit­teln. Der Kom­pro­miss: Ich sollte vor allem aus­wärts trom­meln und Manolo am Bökel­berg. Man konnte und wollte Manolo, dieser Ikone, natür­lich nicht ein­fach das Trom­meln ver­bieten.

Waren Sie ver­feindet?

Ach, nein. Irgend­wann hat sich Manolo an meine Prä­senz gewöhnt, erst aus­wärts, und dann hat er auch nichts mehr gesagt, als ich am Bökel­berg mit Trommel auf­tauchte. Wir haben zwar nie Seite an Seite getrom­melt, aber eines Tages mit einem kalten Bier ange­stoßen.

Sie sind seit Ihrer Kind­heit glü­hender Borussia-Fan. Warum?

Das ging gar nicht anders. Mein älterer Bruder Fried­rich hat die glor­rei­chen Sieb­ziger mit­er­lebt, die Fohlen-Elf von Hennes Weis­weiler. Er gab diese Begeis­te­rung an mich weiter. 1985 schenkte mir mein anderer Bruder Chris­toph den ersten Sta­di­on­be­such zum 16. Geburtstag. Gegen Bayern Mün­chen, und Lothar Mat­thäus noch in Weiß-Grün. Ab da pil­gerte ich regel­mäßig ins Sta­dion.

Welche Erin­ne­rungen weckt der alte Bökel­berg?

Die steilen Ränge! Man fühlte sich dem Rasen ganz nahe. Noch näher kam man ihm nur, wenn ein Tor fiel. Da lag man plötz­lich, ein­ge­wi­ckelt in Lametta und Luft­schlangen, vier Meter weiter unten. Der Bökel­berg war ein Sta­dion, das durch und durch auf Fuß­ball aus­ge­richtet war. Keine Distanz, keine Tar­tan­bahn.

Sie wollten Teil der Stim­mung werden – und kauften Ihre Trommel aus­ge­rechnet in Köln.

Zuerst kam die Kutte. Ich schnitt von einer alten Motor­rad­jacke die Ärmel ab und schmückte das Leder. Wann immer ich sechs Auf­näher bei­sammen hatte, lief ich zu unserem Dorf­schuster in der Eifel und ließ die Sti­cker gegen kleines Geld auf­tragen. Als die Kutte nicht mehr reichte, habe ich in einem Musik­laden am Kölner Bar­ba­ros­sa­platz die Trommel gekauft. Eine ein­fache Masch­trommel, von mir umge­mo­delt, neu gestri­chen und mit anderem Fell bezogen, um die Laut­stärke zu oben zu treiben. Ich kaufte auch zwei neue Stöcke und schlug fortan von beiden Seiten drauf.

In der Kurve kannte man Sie schnell als Flower“…

Meine Eltern hatten in der Eifel ein Blu­men­ge­schäft. Der Name blieb haften. Seit den späten Neun­zi­gern trommle ich aller­dings nicht mehr. Ich bin Koch und fuhr viel zur See. Ich musste die Trommel damals berufs­be­dingt an den Nagel hängen.

Rück­bli­ckend: Das legen­därste Spiel als Trommler?

Aus­wärts, Mün­chen, 14. Oktober 1995. Das 2:1 war der erste Glad­ba­cher Sieg bei den Bayern nach 30 Jahren. Nach dem Schluss­pfiff leerte sich das Olym­pia­sta­dion schnell, nur unser Block blieb noch lange stehen und for­derte die Mann­schaft. Das Team trat in Unter­hosen vor der Kurve an, Stefan Effen­berg machte im halb­nackte Lie­ge­stütze zum Takt meiner Trommel.

Erin­nern Sie sich an den Tag, als Monolo starb?

Na klar. Ein Freund aus der Fan­szene rief mich an und berich­tete mir von Manolos Tod. Die Borussia-Home­page hatte eine Kon­do­lenz ein­ge­richtet. Ich war natür­lich bestürzt. Manolo war noch nicht so so alt, er starb viel zu früh. Am 30. April 2008 hat Borussia Mön­chen­glad­bach ohne Zweifel seinen größten Fan ver­loren.

Sie wurden bei den Fohlen nicht nur als jugend­li­cher Trommler, son­dern auch ander­weitig bekannt: Angeb­lich haben Sie den ersten Glad­bach-Fan­club auf Kölner Boden gegründet.

Das geschah einer­seits aus purer Prag­matik, ande­rer­seits aus Selbst­schutz. Ich kannte Glad­ba­cher in Köln, aber alle waren sie ver­streut und unor­ga­ni­siert. Außerdem war es damals so, dass man sich im Zwei­fels­fall def­tige Sprüche gefallen lassen musste, wenn man im Borussia-Outfit durch Köln ging. Beides wollten wir ändern. Je größer unsere Gruppe, desto kleiner die Wahr­schein­lich­keit, ange­griffen zu werden, dachten wir. Und die Gemein­schaft sollte ein schöner Bonus sein.

Beschwipster Sie­ges­taumel oder trau­rige Trotz­re­ak­tion nach einer bit­teren Nie­der­lage: Welche Situa­tion war Mutter des Gedanken?

Die Idee reifte im Moment des Tri­umphs. Glad­bach hatte 1995 in Berlin den DFB-Pokal gewonnen, ich war mit meinem Bruder in die Haupt­stadt gefahren, natür­lich samt Trommel, und wäh­rend der Rück­fahrt im Son­derzug beschlossen wir sowie ein befreun­deter Fan die his­to­ri­sche Grün­dung. Fei­er­lich begangen wurde sie wenig später mit fünf Leuten in einer Kölner Kneipe. Die Kölner Borussen“ wuchsen ziem­lich schnell, ins­be­son­dere die Aus­wärts­fahrten brachten uns immer neue Mit­glieder in den Fan­club. Zu besten Zeiten haben wir 25 Leute gezählt.

Sie trafen sich in der Höhle des Löwen, wenn man so will. Musste alles top secret bleiben?

Nein, wir haben Flagge gezeigt. Pulli, Schal, Fahne. Damals war die Riva­lität aber auch noch nicht so ins Dra­ma­ti­sche über­stei­gert, wie das heute der Fall ist. Wie wurden zwar bei­zeiten ange­griffen, waren aber nicht auf Ran­dale aus. Heute trauen sich das viele Glad­ba­cher das offene Bekenntnis zu ihrem Verein nicht mehr zu, wenn sie durch Köln gehen. Ich kann das nach­voll­ziehen. Die Stim­mung hat sich gewan­delt.

Wie lebt es sich denn 2012 als Glad­bachfan in der Dom­stadt?

Ich weiß heute, an wel­chen Stellen ich auf­passen muss und welche Straßen mit Schal zu meiden sind. Wenn die Tram am Spieltag über den Haupt­bahnhof fahre, steige ich lieber eine Sta­tion vorher aus und fahre den Restweg bis zur City im Taxi. Das ist und bleibt ein heißes Pflaster.

Trotzdem exis­tieren mitt­ler­weile meh­rere Borussia-Fan­clubs in Köln.

Die Ent­wick­lung ist klasse und freut mich sehr. Auch wenn es unseren Fan­club, die Kölner Borussen, längst nicht mehr gibt, ist die Signal­wir­kung, die von ihm aus­ging, nicht zu unter­schätzen. Wir haben damals ein Zei­chen gesetzt. Wenn unsere Gruppe am Bökel­berg auf­schlug, hieß es immer: Ah, da kommen unsere Kölner! Die fanden die Aktion ziem­lich feist.

Bernd Geschwind, sind Sie ver­hei­ratet?

Oh ja (lacht). Meine Frau kommt aus Köln und ist FC-Fan.

Doch, wirk­lich. Wir haben uns aber nicht beim Spiel ken­nen­ge­lernt, son­dern im Kar­neval. Weil Sie ein FC-Trikot trug, musste ich gleich gestehen, dass ich Borusse bin. Hat trotzdem funk­tio­niert. Liebe ist stärker als Ver­eins­bande.

Sie streiten nie über Fuß­ball?

Einmal – Köln emp­fing Glad­bach, Der­by­zeit – liefen wir Hand in Hand zum Sta­dion. Sie in ihrem FC-Trikot, ich in meinem Glad­bach-Hemd. Natür­lich war großes Poli­zei­auf­gebot vor Ort, das die Fan­gruppen von­ein­ander trennen sollte. Ein Poli­zist öff­nete die Tür seines Ein­satz­wa­gens, starrte ungläubig zu uns und brüllte dann über zwanzig Meter: Das darf ja wohl nicht wahr sein. Aber genau so muss es sein!

Sie gehen nur noch selten ins Sta­dion, gucken die meisten Spiele daheim oder in einer Glad­bach-Kneipe in Köln. Ver­missen Sie manchmal die wilden, alten Zeiten in der Kurve, unter­malt vom Sound der Trommel? 

Die Jungs! Der Bökel­berg! Die Trom­melei! Natür­lich blicke ich mit Wehmut auf diese Epoche zurück. Wenn ich heute zur Arena fahre, hat sich doch so man­ches ent­fremdet. Ich weiß: Ein neues, modernes Sta­dion ist wichtig, um wirt­schaft­lich kon­kur­rieren zu können. Fami­liär wie einst auf dem Bökel­berg wird es aber nie wieder sein.