Er ist groß und kantig. Seine Bewe­gungen mit den langen Glied­maßen wirken höl­zern und irgendwie träge. Er sieht gut aus, fast zu gut für einen Fuß­baller. Viele Fans mögen keine gut­aus­se­henden Fuß­baller, sie trauen ihnen den nötigen Ein­satz nicht zu. Er ist ein Spät­be­ru­fener, der es erst im hohen Alter zu den großen Ver­einen und in die Natio­nalelf geschafft hat. Und doch wird er Tor­schüt­zen­könig der Serie A, der defen­siv­stärksten Liga der Welt. Sein Name: Oliver Bier­hoff.



Der Fall Bier­hoff hilft, das Phä­nomen Luca Toni zu begreifen. Beide Kar­rieren star­teten zu einer Zeit richtig durch, zu der andere schon ihren Zenit über­schritten haben. Zwar schaffte Toni mit 23 erst­mals den Sprung in die Serie A, doch er agierte jen­seits des Gla­mours und spielte mit Vicenza und Bre­scia jeweils gegen den Abstieg. Als er bei Bre­scia seinen Stamm­platz verlor, ging er frei­willig in die 2. Liga – und das auch noch tief in den Süden, zu US Palermo. Die, die ihn kannten (das waren nicht allzu viele), schüt­telten dar­über den Kopf. Doch dann ging die Post ab: Mit 30 Tref­fern schoss Toni die Sizi­lianer prak­tisch im Allein­gang zum Auf­stieg, legte in der fol­genden Saison 20 Tore nach, wech­selte nach Flo­renz und gewann mit 31 Toren den »Gol­denen Schuh« als bester Tor­jäger Europas. Die erstaun­liche Par­al­lele: Auch Bier­hoff krebste lange in der 2. ita­lie­ni­schen Liga herum, bis er vom FC Udi­nese ver­pflichtet und fast aus dem Nichts als 30-Jäh­riger zum Tor­schüt­zen­könig der Serie A wurde.

»Man kann es kaum glauben, obwohl man es selbst notiert hat«


Ein Schieds­richter, der Toni schon als Nach­wuchs­spieler gepfiffen hat, erzählt: »Man schaut ihm 90 Minuten lang zu und denkt sich, aus dem wird nie was. Und am Ende steht er im Spiel­be­richt mit drei Toren. Man kann es kaum glauben, obwohl man es selbst notiert hat.« In ita­lie­ni­schen Mann­schaften wirkt Toni mit seinen 1,94 Metern noch wuch­tiger. Sein Spitz­name lautet: »L’armadio« – der Schrank.

Doch Luca Toni hat alles, was ein Stürmer braucht. Sport­wis­sen­schaftler spre­chen von Anti­zi­pa­tion; er weiß, wo der Ball sein wird. Das hat ein wenig mit Intel­li­genz, ein wenig mit Übung und sehr viel mit uner­klär­li­cher Genia­lität zu tun. Trai­nieren lässt sich das kaum. Selten war ein Angreifer auch so viel­seitig wie Toni. Bier­hoff war derart kopf­ball­stark, dass noch heute jeder Ita­liener, der eini­ger­maßen köpfen kann, von seinen Mit­spie­lern »Birroff« gerufen wird. Luca Toni aber macht dazu Tore glei­cher­maßen mit links und rechts. Außerdem ist er ein Nim­mer­satt. Selbst nach drei Tref­fern in einem Spiel schimpft er, wenn ihn in der 88. Minute ein schlam­piger Pass nicht erreicht. Und wenn er wegen einer Ver­let­zung oder Sperre mal auf der Tri­büne sitzen muss, zap­pelt er so sehr auf dem Scha­len­sitz, dass man ahnt: Der würde sich am liebsten selbst ein­wech­seln.

In Ita­lien, wo man stolz ist auf Tonis Tor­reigen (die »Gaz­zetta dello Sport« berichtet von Bayern Monaco neu­er­dings gerne auf der Titel­seite), gibt es Ärger wegen des Mannes aus Modena. Die Fans werfen Milan-Manager Adriano Gal­liani vor, nicht zuge­schlagen zu haben, als man ihn noch kaufen konnte. Doch so simpel funk­tio­niert der ita­lie­ni­sche Fuß­ball nicht. Dort prä­sen­tiert man nun mal lieber einen 17-jäh­rigen bra­si­lia­ni­schen Wun­der­stürmer aus den Favelas und feiert ihn noch vor dem ersten Spieltag als Mes­sias, statt einen grund­so­liden 30-Jäh­rigen ein­zu­kaufen. Die Fans wollen eine Story. Luca Toni garan­tiert nur Tore.

Phä­no­mene lassen sich schwer erklären. Warum ist Luca Toni erst mit 28 Welt­klasse geworden und nicht schon mit 18? Drogen, Ver­let­zungen, eine geheim­nis­volle Krank­heit? Nichts davon, die Wahr­heit ist schnöder: Er war halt nie ein Über­flieger. Kein Ronald­inho, kein Messi, er musste sich seine spie­le­ri­schen Fähig­keiten erar­beiten. Die Grund­vor­aus­set­zungen, Physis und ein gewisses Talent, waren da – und Toni selbst gab den Willen dazu. Dass man ihm, wie neu­lich ein Pre­miere-Reporter im Inter­view, »Trai­nings­faul­heit« unter­stellt, liegt wohl eher am ewigen Kli­schee des träge im Schatten dösenden Ita­lie­ners, das da im Hirn des Fern­seh­mannes her­um­spukte. Luca Toni hat das Best­mög­liche aus sich gemacht. Ein Adriano, der seit seinem 15. Lebens­jahr gesagt bekommt, er sei der Größte der Welt, muss ja irgend­wann durch­drehen. Ein Toni, der sich jeden Schritt nach vorne hart erkämpfen musste, ver­gisst nicht, woher er kommt. Und er weiß, was er tun muss, um dort zu bleiben, wo er ange­langt ist, auf seinem langen Weg aus Vicenza, Bre­scia und Palermo. Luca Toni hat Biss. Das soll helfen, übri­gens auch im Straf­raum.