Vor ein paar Tagen hat Nina Hagen dem Tages­spiegel eine E‑Mail geschickt. Warum, dar­über wird später noch zu reden sein, jeden­falls geht es in der E‑Mail um Fuß­ball und Sta­di­onhymnen und so, in dieser Hin­sicht ist Berlin noch immer geteilt. Frank Zander, Neu­kölln, besingt den Fuß­ball im Westen. Nina Hagen, Prenz­lauer Berg, besingt den Fuß­ball im Osten. Und das im Jahr 21 der Ein­heit, da die Zeit doch reif sein sollte für gemein­sames Liedgut.



Dazu nun mailt Nina Hagen: Oh das ist ein super-span­nendes Pro­jekt! So ein song – all-mann­schafts-über­grei­fend – an so einem song würde ick sehr gerne mit­ar­beiten … so einen song gibt’s noch nicht, der sich auch mit den dunklen Seiten des Fuß­balls aus­ein­an­der­setzt .

.. ich denke an Robert Enke und an Mensch­lich­keit, sanf­tere Töne … und Frank Zander wär genau der rich­tige Meister für so eine Taskforce VER­EINTE BER­LINER FUSS­BALL­HYMNE …“

Und wer wäre Frank Zander eine bes­sere Part­nerin als Nina Hagen?

Der Tages­spiegel als ein­heits­stif­tendes Organ für Fuß­ball­ge­sang hat es sich zur Auf­gabe gemacht, die beiden an einen Tisch zu bringen. Recht­zeitig zum Derby Hertha gegen Union. Zander ist von der Idee so angetan, dass er dafür sogar in den Osten kommen will, Haupt­sache, ihr findet eine gute Eck­kneipe“.

Zander hat extra ein rie­siges Jackett ange­zogen

Kein Pro­blem, sagt Nina Hagens Manager, sie wird da sein“, aber 51 Minuten vor dem Termin ruft er noch mal an. Blöde Sache, die Nina leide leider an Bron­chitis. Das sei die Wahr­heit, großes Manager-Ehren­wort, und ob wir bitte bei Frank Zander absagen könnten.

An Zan­ders Telefon meldet sich seine Frau Evy: Wie jetzt, absagen? Also, so ein Ding hat Nina schon mal mit uns gedreht, aber jetzt ist Schluss, unser Sohn Marcus hat auch Bron­chitis, der sitzt im Büro und arbeitet, warten Sie, ich geb’ Ihnen mal den Frank.“ Der Frank sagt, dass er sich gerade das rie­sige Jackett ange­zogen habe, Son­der­an­fer­ti­gung, ich will doch neben der Nina nicht wie ne graue Maus aus­sehen“. Außerdem habe er Hunger und Durst, wir kommen jetzt trotzdem, dann treffen wir uns eben ohne die Nina“.

Das Metzer Eck in Prenz­lauer Berg ist am späten Nach­mittag noch über­sicht­lich gefüllt. Am Neben­tisch sitzt eine Runde älterer Herren, wahr­schein­lich ein Kegel­verein. Die Herren heben kurz die Köpfe, als die Ehe­leute Zander durch die Tür kommen. Frank bleibt gleich an der Theke, auf ein erstes Bier, das musste immer vorne trinken, genau da, wo die Leute durch wollen, Musiker stehen immer im Weg“.

Frank Zander bestellt Wodka und Bra­the­ring mit Brat­kar­tof­feln

Zander hat gute Laune, der Laden gefällt ihm. Ist nicht so groß wie die Stän­dige Ver­tre­tung am Bahnhof Fried­rich­straße, ne rich­tige Eck­kneipe, fin­deste nicht mehr so oft.“ Zander beschließt, der schrillen Kol­legin eine letzte Chance zu geben. Das mit Nina sei ein biss­chen blöd gelaufen, sie ist eben etwas chao­tisch, aber im Dezember hat sie bei meiner Weih­nachts­feier für Obdach­lose gesungen“, das müsse hono­riert werden.

Immer an Weih­nachten bewirtet Zander die Bedürf­tigen der Stadt mit Gän­se­braten, von Hertha war übri­gens noch nie jemand zur Unter­stüt­zung da, ich weiß schon, die haben da Win­ter­pause“, aber eine sym­bo­li­sche Geste wär schon schön. Zander winkt hin­über zum Kegel­klub, er bestellt eine Runde Wodka und Bra­the­ring mit Brat­kar­tof­feln.

Als Hertha und Union sich noch lieb hatten »

Fuß­ball war ja eigent­lich nie so sein Ding. Keine Zeit, Musiker stehen am Wochen­ende auf der Bühne, und das mit seiner Hertha-Hymne ist eher zufällig pas­siert. Anfang der Neun­ziger am Strand von Ibiza, mit ein paar Freunden und einer Gitarre, alle zusammen haben sie Sai­ling“ von Rod Ste­wart gesungen. Abend­sonne, gekühlte Getränke, groß­ar­tige Stim­mung, und das Letzte, was wir wollten, war, nach Hause zu gehen. Den Rest könnt ihr euch denken.“

Im nächsten Jahr wird Zander 70, aber das blonde Haar fällt ihm so locker über die Schul­tern wie in den Sieb­zi­gern, als er noch der Urur­enkel von Fran­ken­stein war. Vor ein paar Wochen, bei der Beer­di­gung von Her­thas Alt-Prä­si­dent Wolf­gang Holst, haben Strei­cher die Hymne into­niert, und er selbst fühlt sich im Sta­dion wie in der Kirche: Bei meinem Lied raschelt keiner, manchmal singt sogar der Feind mit!“ Zander sollte dann auch was für die Frauen-WM schreiben, die Eis­bären haben mal ange­fragt und sogar die ideo­lo­gi­sche Kon­kur­renz vom 1. FC Union, da kam ein Fax von der Geschäfts­stelle“. Frank Zander hat abge­sagt, Ost oder West, da kannste nur auf einer Hoch­zeit tanzen“.

Den Hym­nenjob in Köpe­nick hat dann Nina Hagen bekommen. Eisern Union!“, brüllen hier die Fans mit. Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union!“ Ist das Ost-Trotz? So ernst will Nina Hagen dann doch nicht genommen werden. Wenn man sie fragt, was sie an Ost-Berlin ver­misst, ant­wortet sie nur: Die preis­werten Mieten.“

Frank Zander rollt mit den Augen – Frauen!“

Frank Zander findet das Union-Lied ein biss­chen ostig“, na ja, die haben ihr halt was geschrieben, und sie hat Geld dafür bekommen“. Pünkt­lich zur nächsten Wod­karunde ruft Ninas Manager an und sagt noch mal, wie leid ihm das alles tue, er habe schon mit­tags bei Zan­ders Sohn Marcus auf die Mailbox gespro­chen, und wie wäre es mit einem neuen Termin kom­mende Woche? Evy Zander ist aber noch nicht ver­söhnt und hat außerdem den Ter­min­ka­lender zu Hause ver­gessen.

Frank Zander rollt mit den Augen, Frauen!“, da redet er doch lieber über Hertha. Als es Mitte der Neun­ziger los­ging mit der neuen Erfolgs­ge­schichte, ist er noch öfter im Olym­pia­sta­dion gewesen, die Karten kamen erst per Kurier, später mit der Post, heute muss ich sie mir an der Kasse abholen“. Vor ein paar Monaten wollte er nach einem Spiel zur Mann­schaft, aber der Ordner hat gesagt: Sie haben nicht das rich­tige Vip-Bänd­chen.“ Zander kam sich ein biss­chen blöd vor und hat nie wieder gefragt.

Die Zweite Liga hat Zander ein biss­chen ver­söhnt mit Hertha


Gibt’s gar keinen per­sön­li­chen Kon­takt zu dem Verein, dem er jede Woche seine Stimme leiht? Doch, doch, sagt Zander, und dass Trainer Markus Babbel ihn mal ange­spro­chen habe, und dann sei da noch der Stand-by- Profi Andreas Neu­en­dorf, genannt Zecke, Supertyp!“. Von Neu­en­dorf kommt die Idee, im Olym­pia­sta­dion eine Sitz­reihe für ver­diente Her­thaner ein­zu­richten, für Leute wie Ete Beer, Hanne Weiner oder mich“, und wenn ein anderer dort sitzen will, muss er für meine Obdach­losen spenden“.

Die Zweite Liga hat Zander ein biss­chen ver­söhnt mit Hertha. Ist ja wieder mehr Berlin und Fuß­ball geworden, vorher hab ich mich im Sta­dion öfter gefragt, ob das jetzt nur noch Spon­so­ren­ge­döns ist.“ Sein Handy klin­gelt. Marcus Zander meldet sich und erzählt, er habe gerade seine Mailbox abge­hört und darauf eine Absage von Nina Hagens Manager gefunden. Jetzt ist auch Evy Zander bereit, über einen neuen Termin zu reden: Nächste Woche bei der Cur­ry­wurst­bude am Kudamm, da stellen wir Franks neue CD vor.“

Ein letztes Bier noch, natür­lich vorn an der Theke. Zander greift sich ein Exem­plar der Super-Illu“, er hält es nach oben und zeigt einen Artikel, in dem er für sein soziales Enga­ge­ment geehrt wird. Ange­wi­dert schauen die Herren vom Neben­tisch her­über, sie kommen übri­gens gar nicht vom Kegel­klub, son­dern von der frü­heren DDR-Nach­rich­ten­agentur ADN, sozu­sagen Kol­legen von Ihnen“, sagt die Wirtin.

Ob die Runde wohl der einst repu­blik­flüch­tigen Nina Hagen zuge­prostet hätte? Höchs­tens, wenn sie den Herren erzählt hätte, was sie später in ihrer E‑Mail an den Tages­spiegel schreibt – über ihre ersten Ein­drücke vom Westen: Alles war voll­ge­stopft mit Waren. Kon­sum­gü­tern, Kla­mot­ten­areale, Schuh­pa­läste, über­quill over­kill … und alles war bunt ver­packt … und weil ich so ein fet­ziger Ost-Hippie und Lebens­lover war, haben mich die West­men­schen ange­me­ckert, unter dem Motto —> iii, wo kommt die denn her, so was brau­chen wir hier nicht, geh bloß wieder zurück von wo du her­kommst …“

Seeed waren im Gespräch für die neue Hertha-Hymne


Frank Zander prostet hin­über zum ent­tarnten Kegel­klub und erzählt nun von Dieter Hoeneß und Chris­tian Ulmen. Der frü­here Hertha-Manager Hoeneß und der Schau­spieler Ulmen hatten vor ein paar Jahren mal laut nach­ge­dacht über eine neue Hertha-Hymne und dafür die mul­ti­kul­tu­relle Ber­liner Band Seeed ins Gespräch gebracht. Das passte zur bla­sierten Hertha der späten Dieter-Hoeneß-Jahre, als dem Verein das Frank-Zander-Berlin zu piefig war und Giu­seppe Verdis Gefan­ge­nen­chor“ zur neuen Hymne machen wollte oder wenigs­tens irgendwas von Seeed. Zander war erst belei­digt, hat sich dann aber mit dem Seeed-Front­mann Pierre Bai­gorry alias Peter Fox zusam­men­ge­setzt. Und was die grenz­über­grei­fende Hymne betrifft: Eigent­lich habe Peter Fox die ja geschrieben, Guten Morgen Berlin, du kannst so häss­lich sein, so dre­ckig und grau – toller Text, super­cooler Rap, Berlin ist ja auch irgendwie wie eine zickige Frau, aber du kriegst im Sta­dion keinen dazu, so was mit­zu­singen. Und eine Hymne kannste nicht ein­fach kom­po­nieren, die suchen sich die Leute selbst.“

Zeit zum Auf­bruch, sagt Zander, obwohl… Was haltet ihr noch von einem Bier in der Stän­digen Ver­tre­tung?“ Schon klar, nur nach Hause geh’n wir nicht.

Wann Nina Hagen wohl so nach Hause geht? Nach­mit­tags um fünf, zum nächsten Termin bei Zan­ders Lieb­lings-Grie­chen am Kudamm, muss sie leider wieder passen, weil dum­mer­weise eine Kon­zert­probe dazwi­schen­kommt. Diesmal ruft ihr Manager immerhin zwei Stunden vorher an, manchmal fällt mir das auch alles nicht leicht, schi­cken Sie ihr mal ein paar Fragen, so was macht sie dann meis­tens doch“. Womit wir bei der ein­gangs erwähnten E‑Mail wären. Was folgt, ist elek­tro­ni­scher Ori­gi­nalton.

Nina Hagen: „ Ich hoffe doch, wir sind alle ein­fache Leute“

Nina Hagen über ihre Union-Hymne: Gött­liche Fügung … das war ne Kombi aus dies­seits und jen­seits, das war ne Abseg­nung und Fügung von GANZ OBEN!! Mein Papi Hans Hagen hat Zeit seines Lebens die EISERN UNIONER unter­stützt und war FAN der ersten Stunde … also ehr­lich, das war abso­lute FÜGUNG, dass ICH diese Hymne rocken durfte!“

Nina Hagen auf die Frage, ob Fuß­ball noch das Spiel der ein­fa­chen Leute ist: Woher soll ich denn das wissen? Ich hoffe doch, wir sind alle ein­fache Leute … was sind denn un-ein­fache Leute bit­te­scheen?“

Nina Hagen über Frank Zander: Frank Zander ist für mich ein abso­lutes GENIE! Er ist ein knall­harter ROCKER, seine songs sind der geilste SCHLA­GER­PUNK, den es je gegeben hat! Ick LIEBE Frank Zander!“

Dass Frank Zander im Umkehr­schluss auch Nina Hagen liebt, erscheint nach den Absagen der ver­gan­genen Tage eher unwahr­schein­lich. Wird sie wenigs­tens zum nächsten Gän­se­bra­ten­essen mit den Obdach­losen ein­ge­laden? Evy Zander sagt: Wir denken jetzt erst mal über eine Aus­la­dung nach.“

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