QUADRAT 1 1 für Hochformate 20

Dieses Por­trät erschien erst­mals in Aus­gabe #228, hier im Shop erhält­lich.

Horst Heldt lehnt an einem par­kenden Auto vorm Geiß­bock­heim und raucht. Ziga­retten. Die kleinen Fluchten des Fuß­ball­re­vo­luz­zers. Stilles Auf­be­gehren gegen die Gesetze des art­ge­rechten Pro­fi­le­bens­wan­dels. Heldt ist drei Meter vom Trai­nings­platz zurück­ge­treten, damit ihn die Kameras beim Schwenk nicht erwi­schen. Muss ja nicht jeder mit­kriegen. Auch wenn all­ge­mein bekannt ist, dass er sich den Spaß am Quarzen schon zur aktiven Zeit nie hat nehmen lassen. Heldt nimmt einen Zug, Rauch steigt auf und ver­flüch­tigt sich in Wölk­chen Rich­tung Rasen, auf dem die Spieler des 1. FC Köln ihre Mor­gen­ein­heit absol­vieren.

Hinter ihm liegt ein tur­bu­lenter Sommer. Die Corona-Krise stellt alle Bun­des­li­gisten auf eine Bewäh­rungs­probe. Der FC ist da keine Aus­nahme. Doch Heldt hat zeitig vor Trans­fer­schluss Ent­schei­dungen getroffen. Hat etliche Leih­ge­schäfte gemacht, den Kader ver­klei­nert und die 15 Mil­lionen aus dem Ver­kauf von Jhon Cor­doba gezielt in drei gestan­dene Angreifer reinves­tiert. Zumin­dest auf dem Papier hat der Manager einen soliden Job gemacht, in einer Zeit, in der selbst abge­brühte Ver­treter seiner Zunft Pro­bleme hatten, stets den Durch­blick zu behalten.

Doch die Kölner sind schlecht in die Saison gestartet. Dazu schwelt ein Klein­krieg in der Ver­eins­füh­rung, seit der Vor­stand um Prä­si­dent Werner Wolf die Ent­las­sung des Medi­en­di­rek­tors ver­an­lasste, ohne die Geschäfts­führer Heldt und Alex­ander Wehrle adäquat über das Vor­gehen zu infor­mieren. Nach großer Ver­traut­heit klingt das nicht. Hat auch Heldt in der ihm eigenen, sub­tilen Art bei den Bossen ange­merkt. Wenn es schon beim Pres­se­spre­cher keine ein­heit­liche Linie gibt, wie soll es werden, wenn beim FC wieder mal der Baum brennt?

Heldt feu­erte zum Amts­an­tritt erst einmal Tra­pat­toni

Kein Erst­li­ga­ma­nager kennt die Launen exzen­tri­scher Fuß­ball­bosse besser als er. Heldt hat unter Alpha­tieren wie Arbeit­ge­ber­prä­si­dent Dieter Hundt, Schnit­zel­könig Cle­mens Tön­nies oder Hör­ge­räte-Mil­lionär Martin Kind gear­beitet. Män­nern, die nur nach ihren eigenen Regeln spielen. Und hat es den­noch geschafft, eigene Akzente zu setzen. Dank einer bei­läu­figen Genüg­sam­keit wirkt er inzwi­schen seit 15 Jahren im Bun­des­li­ga­zirkus und gehört damit zu den dienst­äl­testen Team­ar­chi­tekten.

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End­lich zu Hause: Horst Held an der Geschäfts­stelle des 1. FC Köln. Des Klubs, für den er von 1987 bis 1995 spielte.

Nikita Teryo­shin

Seine Funk­tio­närs­lauf­bahn begann mit einem Kalt­start. Im Januar 2006 war er beim VfB Stutt­gart aus dem Stand vom Profi zum Sport­di­rektor beför­dert worden. Eigent­lich sollte er im Mar­ke­ting als sym­pa­thi­scher Ex-Profi den Haupt­sponsor bespaßen. Doch als er Prä­si­dent Erwin Staudt eine unge­schönte Ana­lyse der sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Lage des VfB prä­sen­tierte, lobte der ihn hoch.

Sein Initia­ti­ons­ri­tual wurde die Ent­las­sung von Gio­vanni Tra­pat­toni. Der alternde Trai­ner­fürst war in über dreißig Jahren erst einmal gefeuert worden (in Cagliari). In der Hin­runde hatte Heldt noch als Aktiver erlebt, wie der Ita­liener die Namen vieler Profis vergaß, den Ersatz­keeper kate­go­risch Fausto“ rief, Vor­ge­setzte igno­rierte und so jedes Ver­trauen in Rekord­zeit ver­spielte. Als er dem Coach nur vier Wochen nach Amts­an­tritt mit­teilte, dass der Klub sich von ihm trenne, quit­tierte Trap“ die Ent­schei­dung mit einer Schimpf­ka­no­nade im Ich habe fertig“-Duktus. Heldt sagt, das mul­mige Gefühl, das er damals gehabt habe, würde bis heute von ihm Besitz ergreifen, wenn schwie­rige Per­so­nal­ge­spräche anstehen. Doch auf den Raus­schmiss folgte gleich das nächste Pro­blem: Als er den arbeits­losen Armin Veh zum Nach­folger berief, wütete der mäch­tige Auf­sichts­rats­chef Dieter Hundt in Rich­tung Vor­stand: Erwin, es endet in einem Desaster.“ Und bezeich­nete den Trainer öffent­lich als Über­gangs­lö­sung“.

Auf Schalke geriet er in den Macht­kampf zwi­schen Magath und Tön­nies

Aber der Jung­ma­nager scheute die Kon­fron­ta­tion nicht. Er besuchte den baro­cken Arbeit­ge­ber­prä­si­dent daheim und hörte sich geduldig Hundts schnei­dendes Urteil zur Mann­schaft an. Doch in strit­tigen Punkten gab er auch Contra. Wenn man so erfolg­rei­chen Men­schen nur nach dem Mund redet, geht man irgend­wann schach­matt“, erklärt er. Unter­schlägt dabei aber nicht, dass es ein großes Glück für ihn war, dass der VfB bald in eine Erfolgs­spi­rale geriet und nur 15 Monate später die Meis­ter­schaft fei­erte: Es gibt nur sehr wenige Manager – abge­sehen von denen bei Bayern –, die in den letzten zwanzig Jahren Meister geworden sind“, sagt er. Gut mög­lich, dass ich gna­denlos geschei­tert wäre, wenn der Klub, bei dem ich ange­fangen habe, nicht so gut orga­ni­siert gewesen wäre.“

Heldt hat über die Jahre eine eigen­wil­lige Teflon-Stra­tegie ent­wi­ckelt, um die Groß­kop­ferten von seinen Ansichten zu über­zeugen. Es hat ihn viel Lehr­geld gekostet. Als Vor­stand Sport geriet er 2010 auf Schalke in einen Macht­kampf zwi­schen Cle­mens Tön­nies und Felix Magath. Eigent­lich sollte er als Bin­de­glied fun­gieren, doch die Fronten waren nicht auf­zu­lösen. Magath wollte neue Spieler, Tön­nies kein Geld mehr frei­geben. Als Heldt von einem Bou­le­vard­blatt gefragt wurde, wer denn nun Recht habe, ver­suchte er, Ver­ständnis für beide Seiten auf­zu­bringen. Eine wachs­weiche Ant­wort“, sagt er, das Inter­view hätte ich nie geben dürfen.“ Denn Magath, der ihn als Ver­trauten sah, fühlte sich ver­raten und sprach fortan kein Wort mehr mit ihm. Die Situa­tion war für mich nur schwer aus­zu­halten,“ erin­nert sich Heldt.