QUADRAT 1 1 für Hochformate 20

Dieses Por­trät erschien erst­mals in Aus­gabe #228, hier im Shop erhält­lich.

Horst Heldt lehnt an einem par­kenden Auto vorm Geiß­bock­heim und raucht. Ziga­retten. Die kleinen Fluchten des Fuß­ball­re­vo­luz­zers. Stilles Auf­be­gehren gegen die Gesetze des art­ge­rechten Pro­fi­le­bens­wan­dels. Heldt ist drei Meter vom Trai­nings­platz zurück­ge­treten, damit ihn die Kameras beim Schwenk nicht erwi­schen. Muss ja nicht jeder mit­kriegen. Auch wenn all­ge­mein bekannt ist, dass er sich den Spaß am Quarzen schon zur aktiven Zeit nie hat nehmen lassen. Heldt nimmt einen Zug, Rauch steigt auf und ver­flüch­tigt sich in Wölk­chen Rich­tung Rasen, auf dem die Spieler des 1. FC Köln ihre Mor­gen­ein­heit absol­vieren.

Hinter ihm liegt ein tur­bu­lenter Sommer. Die Corona-Krise stellt alle Bun­des­li­gisten auf eine Bewäh­rungs­probe. Der FC ist da keine Aus­nahme. Doch Heldt hat zeitig vor Trans­fer­schluss Ent­schei­dungen getroffen. Hat etliche Leih­ge­schäfte gemacht, den Kader ver­klei­nert und die 15 Mil­lionen aus dem Ver­kauf von Jhon Cor­doba gezielt in drei gestan­dene Angreifer reinves­tiert. Zumin­dest auf dem Papier hat der Manager einen soliden Job gemacht, in einer Zeit, in der selbst abge­brühte Ver­treter seiner Zunft Pro­bleme hatten, stets den Durch­blick zu behalten.

Doch die Kölner sind schlecht in die Saison gestartet. Dazu schwelt ein Klein­krieg in der Ver­eins­füh­rung, seit der Vor­stand um Prä­si­dent Werner Wolf die Ent­las­sung des Medi­en­di­rek­tors ver­an­lasste, ohne die Geschäfts­führer Heldt und Alex­ander Wehrle adäquat über das Vor­gehen zu infor­mieren. Nach großer Ver­traut­heit klingt das nicht. Hat auch Heldt in der ihm eigenen, sub­tilen Art bei den Bossen ange­merkt. Wenn es schon beim Pres­se­spre­cher keine ein­heit­liche Linie gibt, wie soll es werden, wenn beim FC wieder mal der Baum brennt?

Heldt feu­erte zum Amts­an­tritt erst einmal Tra­pat­toni

Kein Erst­li­ga­ma­nager kennt die Launen exzen­tri­scher Fuß­ball­bosse besser als er. Heldt hat unter Alpha­tieren wie Arbeit­ge­ber­prä­si­dent Dieter Hundt, Schnit­zel­könig Cle­mens Tön­nies oder Hör­ge­räte-Mil­lionär Martin Kind gear­beitet. Män­nern, die nur nach ihren eigenen Regeln spielen. Und hat es den­noch geschafft, eigene Akzente zu setzen. Dank einer bei­läu­figen Genüg­sam­keit wirkt er inzwi­schen seit 15 Jahren im Bun­des­li­ga­zirkus und gehört damit zu den dienst­äl­testen Team­ar­chi­tekten.

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End­lich zu Hause: Horst Held an der Geschäfts­stelle des 1. FC Köln. Des Klubs, für den er von 1987 bis 1995 spielte.

Nikita Teryo­shin

Seine Funk­tio­närs­lauf­bahn begann mit einem Kalt­start. Im Januar 2006 war er beim VfB Stutt­gart aus dem Stand vom Profi zum Sport­di­rektor beför­dert worden. Eigent­lich sollte er im Mar­ke­ting als sym­pa­thi­scher Ex-Profi den Haupt­sponsor bespaßen. Doch als er Prä­si­dent Erwin Staudt eine unge­schönte Ana­lyse der sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Lage des VfB prä­sen­tierte, lobte der ihn hoch.

Sein Initia­ti­ons­ri­tual wurde die Ent­las­sung von Gio­vanni Tra­pat­toni. Der alternde Trai­ner­fürst war in über dreißig Jahren erst einmal gefeuert worden (in Cagliari). In der Hin­runde hatte Heldt noch als Aktiver erlebt, wie der Ita­liener die Namen vieler Profis vergaß, den Ersatz­keeper kate­go­risch Fausto“ rief, Vor­ge­setzte igno­rierte und so jedes Ver­trauen in Rekord­zeit ver­spielte. Als er dem Coach nur vier Wochen nach Amts­an­tritt mit­teilte, dass der Klub sich von ihm trenne, quit­tierte Trap“ die Ent­schei­dung mit einer Schimpf­ka­no­nade im Ich habe fertig“-Duktus. Heldt sagt, das mul­mige Gefühl, das er damals gehabt habe, würde bis heute von ihm Besitz ergreifen, wenn schwie­rige Per­so­nal­ge­spräche anstehen. Doch auf den Raus­schmiss folgte gleich das nächste Pro­blem: Als er den arbeits­losen Armin Veh zum Nach­folger berief, wütete der mäch­tige Auf­sichts­rats­chef Dieter Hundt in Rich­tung Vor­stand: Erwin, es endet in einem Desaster.“ Und bezeich­nete den Trainer öffent­lich als Über­gangs­lö­sung“.

Auf Schalke geriet er in den Macht­kampf zwi­schen Magath und Tön­nies

Aber der Jung­ma­nager scheute die Kon­fron­ta­tion nicht. Er besuchte den baro­cken Arbeit­ge­ber­prä­si­dent daheim und hörte sich geduldig Hundts schnei­dendes Urteil zur Mann­schaft an. Doch in strit­tigen Punkten gab er auch Contra. Wenn man so erfolg­rei­chen Men­schen nur nach dem Mund redet, geht man irgend­wann schach­matt“, erklärt er. Unter­schlägt dabei aber nicht, dass es ein großes Glück für ihn war, dass der VfB bald in eine Erfolgs­spi­rale geriet und nur 15 Monate später die Meis­ter­schaft fei­erte: Es gibt nur sehr wenige Manager – abge­sehen von denen bei Bayern –, die in den letzten zwanzig Jahren Meister geworden sind“, sagt er. Gut mög­lich, dass ich gna­denlos geschei­tert wäre, wenn der Klub, bei dem ich ange­fangen habe, nicht so gut orga­ni­siert gewesen wäre.“

Heldt hat über die Jahre eine eigen­wil­lige Teflon-Stra­tegie ent­wi­ckelt, um die Groß­kop­ferten von seinen Ansichten zu über­zeugen. Es hat ihn viel Lehr­geld gekostet. Als Vor­stand Sport geriet er 2010 auf Schalke in einen Macht­kampf zwi­schen Cle­mens Tön­nies und Felix Magath. Eigent­lich sollte er als Bin­de­glied fun­gieren, doch die Fronten waren nicht auf­zu­lösen. Magath wollte neue Spieler, Tön­nies kein Geld mehr frei­geben. Als Heldt von einem Bou­le­vard­blatt gefragt wurde, wer denn nun Recht habe, ver­suchte er, Ver­ständnis für beide Seiten auf­zu­bringen. Eine wachs­weiche Ant­wort“, sagt er, das Inter­view hätte ich nie geben dürfen.“ Denn Magath, der ihn als Ver­trauten sah, fühlte sich ver­raten und sprach fortan kein Wort mehr mit ihm. Die Situa­tion war für mich nur schwer aus­zu­halten,“ erin­nert sich Heldt.

Auch Tön­nies stellte ihn auf die Probe. Lief es gut, lud er Heldt zur Golfrunde nach Rheda. Wenn nicht, läs­terte er, dass es sich für einen Sport­vor­stand nicht zieme, erst gegen 10 Uhr im Büro auf­zu­kreuzen. Doch Heldt ging nicht auf die Macht­spiele ein und retour­nierte jed­wede Kritik im Vier-Augen-Gespräch. In ruhigen Worten erklärte er Tön­nies dann, dass der Mana­gerjob nicht in vor­ge­ge­benen Arbeits­zeiten wie am Band der Fleisch­fa­brik zu bewäl­tigen sei, son­dern auf Abruf zu jeder Tages- und Nacht­zeit. Auch dass er Jens Keller im Bei­sein der Spieler nicht unbe­dingt Jensi“ rufen solle, weil dies die Auto­rität des Trai­ners unter­grabe, pulte er dem pol­ternden Auf­sichtsrat freund­lich bei.

Als der FC Schalke 04 in der Saison 2012/13 für die Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pions League am letzten Spieltag in Frei­burg ein Unent­schieden brauchte, platzte der Fleisch­fa­bri­kant unmit­telbar vor Anpfiff – gefolgt von Sky-Experte Franz Becken­bauer – in die Kabine, um noch ein paar mar­kige Worte zu den Spie­lern zu spre­chen, die gerade in der finalen Kon­zen­tra­ti­ons­phase waren. Coach Keller und Heldt erstarrten, bis jetzt war die Vor­be­rei­tung auf die bevor­ste­hende Druck­si­tua­tion gut gelaufen – den­noch ließen sie Tön­nies gewähren. In so einer Situa­tion kannst du nicht gewinnen“, erklärt der Manager. Jedes wei­tere Wort hätte nur noch mehr Unruhe gebracht.“ Zur neuen Saison aber führte Heldt die Regel ein, dass nur noch der innerste Zirkel vor und nach Spielen die Umkleide betreten dürfe. An kon­krete Anwei­sungen, das war ihm klar, würde sich auch der mäch­tige Auf­sichtsrat halten. Tön­nies und ich haben uns bis auf wenige Aus­nah­me­si­tua­tionen sehr gut ver­standen“, sagt er. Er ging erst zum Ende meiner Zeit auf Schalke auf Distanz, als klar war, dass er den Klub mit Chris­tian Heidel neu auf­stellen wollte.“

Seine große Stärke: Schwä­chen zugeben zu können

Heldts größte Stärke ist seine Fähig­keit, Schwä­chen zuzu­geben. In einem Geschäft, das von Eitel­keit und Bes­ser­wis­serei geprägt ist, kann er die eigenen Inter­essen und Über­zeu­gungen stets in Rela­tion zu anderen setzen. Als er in Stutt­gart in lei­tende Posi­tion kam, tele­fo­nierte er die kom­plette Riege der Erst­li­ga­ma­nager durch, um sich Tipps abzu­holen. Manche Kol­legen reagierten abwei­send, viele reser­viert, einige erfreut ange­sichts des lern­wil­ligen Jung­spunds. Als beson­ders hilfs­be­reit hat Heldt den dama­ligen FC-Manager Michael Meier in Erin­ne­rung. Und Uli Hoeneß. Der Bayern-Boss habe ihm viel über den Umgang mit Medien erzählt, dar­über, wie man in Kri­sen­zeiten Neben­schau­plätze auf­macht, um abzu­lenken. An Meier hin­gegen habe ihn die Ruhe und Demut fas­zi­niert, mit der dieser – nach der Bei­na­he­p­leite des BVB – auf das Busi­ness blickte.

Wenn Heldt davon erzählt, wirkt er fast wie ein Fanboy, der sich an eine Plau­derei mit einem Film­star erin­nert. Es gibt ein Foto, das ihn mit Tön­nies, Bild“-Sportchef Alfred Draxler und dem Berater-Tycoon Roger Witt­mann zeigt. Alle tragen das­selbe schwarz-weiß-blaue Gol­f­outfit. Darauf ange­spro­chen, muss Heldt lächeln: Ja, ja, ich als kleiner Hansel mit den Alpha­tieren.“ Es wird nicht ganz klar, ob er es iro­nisch meint. Bild“ habe schließ­lich auch mal einen Bun­des­prä­si­denten gestürzt. Und wer Tön­nies auf der Lebens­mit­tel­messe Anuga“ erlebt habe, wisse, wie sicher der als Geschäfts­mann agiere. Doch bei der Frage, wer der beste Golfer in der Runde gewesen sei, schmun­zelt er: Na, wer wohl?“

Magath sagte: Nimm dich nicht so wichtig, Horst!“

Es war Felix Magath, der ihm zu aktiven Zeiten zu einer ent­spann­teren Sicht auf den Fuß­ball ver­half. Der Trainer hatte ihn 2003 aus Graz nach Stutt­gart gelotst – und beim Ehr­geiz gepackt. Nach dem ersten Test­spiel attes­tierte der Trainer dem 32-Jäh­rigen vor ver­sam­meltem Kader, nur noch auf Kreis­liga-A-Niveau“ zu kicken. Heldt stieg auf den Psy­chotrick ein, gab Wider­worte und war fortan bemüht, das Gegen­teil zu beweisen. Bald schon stand er jede Woche in der Startelf. Aller­dings wech­selte Magath ihn stets nach der Halb­zeit aus. Als Heldt sich dar­über im Büro des Coachs beklagte, rührte der nur sto­isch in der Tee­tasse, blickte aus­druckslos und ver­ab­schie­dete ihn beim Raus­gehen mit den Worten: Nimm dich nicht so wichtig, Horst!“ Und nach einer Pause: Ist dir eigent­lich auf­ge­fallen, dass du immer von Beginn an spielst?“

Magaths Reak­tion bewirkte einen Per­spek­tiv­wechsel. Weil ich mich über die Aus­wechs­lung ärgerte“, sagt Heldt, war ich nicht imstande zu erkennen, welche Pri­vi­le­gien mir der Trainer ein­räumte.“ Ihm wurde bewusst, dass es allein an ihm liegt, was er aus seinen Mög­lich­keiten macht und ob er in der Lage ist, als Teil eines Kol­lek­tivs Zufrie­den­heit zu emp­finden. Als Sport­di­rektor hilft es ihm heute, stets auch den Blick­winkel des Gegen­übers ein­nehmen zu können, um Situa­tionen im Voraus besser ein­zu­schätzen. FC-Geschäfts­führer Alex Wehrle kennt Horst Heldt aus gemein­samen Stutt­garter Tagen. Er sagt: Horst hat die Fähig­keit, jeden mit­zu­nehmen. Er ist sich nicht zu schade, den Leuten sein Han­deln zu erklären, auch Vor­ge­setzten, die von Fuß­ball wenig Ahnung haben. Vielen Mana­gern, die vorher Profis waren, ist das eher lästig.“

Heldt ist kein alerter Banker-Typ wie Oliver Mint­z­laff, kein ver­geis­tigter Eigen­brötler wie Jörg Schmadtke und auch keine spröde Klub­le­gende wie Michael Zorc. Heldt ist der freund­liche Herr im Halb­schatten. Die Hal­tung, sich selbst nie zu wichtig zu nehmen, prägt ein ambi­va­lentes Image. In Erfolgs­phasen wird Heldt von Vor­ge­setzten für seine Genüg­sam­keit geschätzt. Läuft es aber schlecht, wird ihm die Beschei­den­heit gern als Füh­rungs­schwäche aus­ge­legt. In einem Gewerbe, in dem sogar die Kör­per­sprache eine Grund­lage für Ana­lysen bildet, glauben einige in dem schmäch­tigen Blond­schopf (1,69 Meter Kör­per­größe) keinen Macher, son­dern allen­falls einen unver­wüst­li­chen Side­kick zu erkennen. Urheber des Images als lamm­frommer Wat­schen­mann war übri­gens eben­falls Felix Magath, der einst sein Durch­set­zungs­ver­mögen als Profi kri­ti­sierte: Horst ist zu lieb für die Bun­des­liga.“ Heldt weiß, dass Men­schen dazu neigen, ihn zu unter­schätzen. Er hat sich damit abge­funden: Wie gut ich meine Arbeit mache, können am besten die Leute bewerten, die den­selben Job machen wie ich.“

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Nikita Teryo­shin

Auf dem Tep­pich seines licht­durch­flu­teten Eck­büros in der Geschäfts­stelle steht ein kit­schiges Geiß­bo­cki­mitat in silb­rigem Strass. Auf das Flip­chart hat jemand hastig das Magi­sche Dreieck“ der Orga­ni­sa­ti­ons­wis­sen­schaft gekrit­zelt: Stra­tegie“, Orga­ni­sa­tion“, Kultur“. Die Theorie besagt, dass eine Vision zur Rea­lität wird, wenn diese drei Begriffe mit Inhalt gefüllt werden und positiv zusam­men­wirken. Heldt macht sich viele Gedanken um Per­so­nal­füh­rung und Wei­ter­ent­wick­lung. Spar­rings­partner in diesen Fragen ist sein Schwager Wolf­gang Jene­wein, BWL-Pro­fessor an der Uni Sankt Gallen. Eine Coa­ching­ko­ry­phäe, die rund um den Globus Kon­zern­füh­rungs­kräfte berät. Die Bürotür geht auf und Alex­ander Wehrle kommt herein. Son­nen­ge­gerbt, grau­me­liertes Sakko, beste Laune: Ah, die 11 FREUNDE. Inter­viewen Sie unser Trüf­fel­schwein?!“ Heldt steht am geöff­neten Fenster und steckt sich lächelnd noch eine an.

Der hat in der Natio­nalelf nix ver­loren“

Werner Lorant

Er ist end­lich wieder zu Hause. 25 Jahre ist es her, dass sie ihn beim FC unsanft vom Hof jagten. Eines Tages im Früh­jahr 1995 war er vorm Trai­ning vom Geschäfts­führer abge­passt worden, der ihm mit­teilte, dass er sich einen neuen Verein suchen solle. Die Nach­richt traf ihn wie ein Blitz. Wie konnte das sein? Er hatte einen lau­fenden Ver­trag, über einen Wechsel hatte er nie nach­ge­dacht. Von den für den Sport Ver­ant­wort­li­chen hatte nie­mand per­sön­lich mit ihm gespro­chen. Der Lauf­pass seines Her­zens­ver­eins spülte ihm die Gehirn­win­dungen durch. Ihm wurde klar: Die ein­zige Kon­stante im Pro­fi­fuß­ball ist die Ver­än­de­rung. Und einer wie er, mit allen­falls soliden Erst­li­ga­qua­li­täten, kann nicht auf Bestands­schutz klagen. Heldt könnte ein Buch über die öffent­li­chen Zurück­set­zungen schreiben, die ihm wider­fahren sind. Aber wozu? Die meisten Kri­tiker hat er eines Bes­seren belehrt. Die Gesellen wäh­rend seiner Kfz-Mecha­niker-Lehre etwa, die ihn nach der Früh­stücks­pause in den Regen zum Auto­wa­schen schickten. Oder 1860-Trainer Werner Lorant, dem nach Heldts Beru­fung in die Natio­nalelf im April 1999 nichts anderes ein­fiel, als zu schäumen: Der hat da nix ver­loren!“ Ätzende Worte. Sie können die schönen Erin­ne­rungen zwar nicht schmä­lern, den­noch fragt sich Heldt: Warum hat er sich nicht für mich gefreut? Die Beru­fung hätte er doch als Ergebnis seiner Arbeit ver­bu­chen können.“

Er wollte sich nie mehr von einem Klub derart elek­tri­sieren lassen

Er erdul­dete Tra­pat­toni, Hundt, Magath, Tön­nies. Nur bei Martin Kind in Han­nover drehte er ganz unty­pisch den Spieß um: Im Herbst 2017 unter­brei­tete der 1. FC Köln ihm erst­mals ein Angebot. Doch 96 ließ ihn nicht aus dem Ver­trag. Heldt nutzte die Situa­tion aber, um sein Gehalt und seine Kom­pe­tenzen bei Kind nach­zu­ver­han­deln. Es war ein Abwägen von Inter­essen, bei dem am Ende ein neuer Deal, aber auch ein Bekenntnis zum Arbeit­geber her­aus­sprang – so sah es zumin­dest der Klub­mäzen. Doch im April 2018 flir­tete Heldt plötz­lich heftig mit einem Wechsel zum VfL Wolfs­burg: Die Mög­lich­keit, ein Team zu bauen, das Chancen auf die Cham­pions League hat“, gibt er zu, und auch die finan­zi­ellen Rah­men­be­din­gungen, fand ich sehr reiz­voll.“ Auch dieser Wechsel schei­terte, doch die Tur­bu­lenzen beschä­digten das Ver­trau­ens­ver­hältnis nach­haltig. Heldt bereut sein dama­liges Ver­halten. Auf Schalke habe er sich vom emo­tio­nalen Sog des Klubs zu stark ver­ein­nahmen lassen. Als sein Ver­trag im Pott nicht ver­län­gert wurde, sei es ihm schwer­ge­fallen, sich abzuna­beln. Er habe des­halb beschlossen, sich zukünftig von keinem Verein mehr derart elek­tri­sieren zu lassen. Doch so, wie er sich in Han­nover ver­halten habe, sei es der fal­sche Weg gewesen. Es wäre nicht glaub­würdig, Spie­lern etwas von Ver­eins­treue und Loya­lität zu erzählen,“ sagt er, und es selbst anders vor­zu­leben.“ Als Han­nover 96 im Früh­jahr 2019 am Tabel­len­ende düm­pelte, musste er gehen. Und erst­mals fürch­tete er, seine Zeit in der Bun­des­liga könne vorbei sein: Im Fuß­ball zählt heute oft nicht mehr, was man vor­weisen kann“, sagt er. Bei der Beset­zung frei­wer­dender Stellen sind heute häu­figer junge Manager gefragt, die selten beson­ders viel Berufs­er­fah­rung haben.“

Mit der Rück­kehr nach Köln Ende 2019 schloss sich ein Kreis. Wieder so ein Klub, der sein emo­tio­nales Gleich­ge­wicht ins Wanken bringt. Nach dem FC kann für mich nicht mehr viel kommen“, sagt Heldt. Mit wel­chem Klub soll ich mich danach noch iden­ti­fi­zieren?“ Wer weiß, viel­leicht noch 1860 Mün­chen auf die Beine helfen, wo er von 1995 bis 1999 kickte? Seit er wieder daheim ist, so scheint es, will er nicht mehr nur Manager, son­dern auch eine wahr­nehm­bare Stimme aus dem Fuß­ball sein. Er kri­ti­siert öffent­lich die FIFA, weil sie trotz Rei­se­war­nungen die Abstel­lung von Natio­nal­spie­lern ein­klagt. Schreibt Briefe an Armin Laschet, weil die Lan­des­re­gie­rung von NRW erst am Abend vor dem Sai­son­auf­takt gegen Hof­fen­heim ver­fügte, dass keine Zuschauer ins Sta­dion durften, was dem FC einen Aus­fall von rund 700 000 Euro bescherte. Und meckert, dass in der neuen DFL-Taskforce Zukunft des Fuß­balls“ aus vielen Berei­chen Experten säßen, nur an Ver­treter aus Reihen der Spie­ler­be­rater und dem Nach­wuchs­be­reich habe nie­mand gedacht: Dabei sind doch gerade diese Gruppen mit­ent­schei­dend dafür, wie sich der Fuß­ball wei­ter­ent­wi­ckelt“, sagt er. Ich fände es gut, wenn diese Gruppen auch mit am Tisch säßen.“

Horst, denk‘ an Helmut Schmidt, rauch weiter!“

Felix Magath

Es ist Nach­mittag geworden am Geiß­bock­heim. Horst Heldt muss nach Frank­furt. Ein mög­li­cher Transfer, aber erst für den Sommer 2021, zwin­kert er. Heute schon an morgen denken, getreu seinem Motto: Leis­tung ist planbar, Ergeb­nisse nicht.“ Gleich wird er in seinen schwarzen Ford Mus­tang GT steigen. Neben den Ziga­retten die andere kleine Extra­va­ganz, die er sich aus seiner Spiel­er­zeit erhalten hat. Die meisten Ex-Profis in seinem Alter sind längst auf SUVs umge­stiegen. Stich­wort: Spät­schäden. Lädierte Knie machen das Ein- und Aus­steigen bei tief­lie­genden Sport­wagen zur Tortur. Doch Heldt hat sich beim Auto­partner des FC die röh­rende Macker-­Ka­rosse aus­ge­sucht. Eine Remi­nis­zenz an seine Lehr­zeit als Mecha­niker.

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Horst, lass das mit den Fluppen: Hat Marco Höger gesehen, was der Manager wäh­rend des Trai­nings gemacht hat?

Nikita Teryo­shin

Vor zwei Jahren hat er end­lich die Ent­zweiung mit Felix Magath gekittet. Er kon­tak­tierte seinen Mentor, weil er in Han­nover einen Nach­folger für André Brei­ten­reiter suchte. Es musste ein Ruck durchs Team gehen, und wer hätte den besser erzeugen können als der eme­ri­tierte Quälix“? Das Enga­ge­ment schei­terte am Veto einiger Mit­glieder der Klub­füh­rung, doch seitdem tele­fo­nieren Magath und er wieder regel­mäßig. Heldt sagt, er sei gott­froh“, dass der Zwist bei­gelegt ist. Als er Magath erzählte, dass er mit dem Gedanken spiele, das Rau­chen auf­zu­geben, wurde der Coach kurz noch mal streng: Horst, bist du ver­rückt? Denk an Helmut Schmidt! Der Schock des Ent­zugs schadet dir viel mehr als das Wei­ter­rau­chen.“