Thomas Hitzl­sperger, Sie haben als Experte der ARD die Welt­meis­ter­schaft ver­folgt. War es für Sie eine gute WM, oder waren Sie ins­ge­samt eher ent­täuscht?
Es kommt darauf an, was man von einer WM erwartet. Was ich sehr erfreu­lich fand, war die Span­nung. Man konnte – an­ders als im Ver­eins­fuß­ball – vor den Spielen oft über­haupt nicht absehen, wie es aus­geht. Schon bei den meisten Ach­tel­fi­nal­spielen gab es nur wenige klare Favo­riten und in den Runden da­nach erst recht keine mehr. Aber fuß­ballerisch war das Tur­nier trotzdem eher eine Ent­täu­schung. Es gab viele zähe Spiele, die man nicht an der Cham­pions League messen kann. Des­ halb ist diese WM auch kein Gradmes­ser für die Ent­wick­lung des Fuß­balls.

War Deutsch­land die größte Ent­täu­schung der WM?
Ja, sogar wenn man die deut­sche Brille abnimmt.

Wel­chen Ein­druck hat die Mann­schaft auf Sie als ehe­ma­ligen Natio­nal­spieler gemacht?
Ich habe bis zum Turnier­beginn geglaubt: Wenn es los­geht, sind wir da. Löw hatte mir vor dem letzten Test in Lever­kusen noch gesagt, dass die Mann­schaft topfit sei. Für mich war das die ent­schei­dende Infor­ma­tion, weil ich davon aus­ge­gangen war, dass sie schon wissen, wie sie spielen müs­sen. Dann wurden sie gegen Mexiko in einem Maße über­rascht, wie ich das nicht kannte. Gegen Schweden gab es ein kurzes Auf­fla­ckern, wo sie teil­weise wie in den besten Zeiten gespielt haben. Die Lauf­wege waren gut, das Pass­spiel prima, wie man das in der Qua­li­fi­ka­tion oft gesehen hatte.

Bis zur 13. Minute, als Antonio Rüdiger einen Fehl­pass spielte und sie in einen Konter liefen, an dessen Ende es auch einen Elf­meter hätte geben können.
Dieser Fehl­pass hat ihnen sofort den Ste­cker gezogen. Nie­mand hat sich danach mehr ge­traut, einen Risi­ko­pass zu spielen. Die Angst vorm Ball­ver­lust und vorm Um­schaltspiel war läh­mend. Dann wurde noch Ilkay Gün­doğan als personifizier­te Ver­un­si­che­rung ein­ge­wech­selt. Gegen Schweden haben sie sich noch mal gefangen, aber das Spiel gegen Süd­korea war der Beleg dafür, dass es in der Mann­schaft nicht stimmte.

Haben Sie eine Erklä­rung dafür?
Dass sie im Laufe des Spiels jede Selbst­ver­ständ­lich­keit ver­loren haben, hat mich total ver­wun­dert. Aber wenn so was nicht an der Physis liegt, hat es wohl mensch­lich nicht gepasst.

War die indi­vi­du­elle Form ein Pro­blem?
Thomas Müller wirkte, als wäre er mit dem Kopf ganz woan­ders. Auch bei Mats Hum­mels hatte sich schon zum Sai­son­ende abge­zeichnet, dass es nicht passt. Aber nicht nur die beiden – zu viele Spieler waren ein­fach nicht dort, wo man sein muss, um solche Spiele zu gewinnen. Vor allem waren sie nicht in der Lage, sich gegen Wider­stände zu wehren. Es war nie­mand da, der noch mal einen Gang höher­schalten konnte. Die Freude daran, sich zu quälen, die man bei anderen Mann­schaften sehen konnte, fehlte bei uns. Das darf man den Spie­lern übri­gens durchaus nach­sehen, sie müssen ja viel leisten. Aber sie wollten die Spiele auf ange­nehme Weise gewinnen. Sie wollten den Gegner schön müde spielen und ihn dann erle­digen. Als dieser Plan nicht auf­ging, konnten sie nicht umschalten.

Sie kennen Jogi Löw schon lange und sind ihm als Experte bei den Län­der­spielen regel­mäßig per­sön­lich begegnet. Ist er abge­hoben, wie ihm viel­fach vor­ge­worfen wurde?
So wirkt er nicht auf mich. Aber man muss sich auch mal in seine Situa­tion ver­setzen. Die Natio­nal­mann­schaft hat seit zwölf Jahren bei jedem Tur­nier min­des­tens das Halb­fi­nale erreicht. Das führt natür­lich zu dem Gefühl, ganz sicher zu wissen, wie das alles funk­tio­niert.