Seite 2: „Der größte Fehler meines Lebens“

Eine ran“-Reporterin soll Sie nach dem Bayern-Spiel bezirzt haben und zu Oben-Ohne-Fotos in der Dusche über­redet haben. Sie sagte, Ihr Körper eigne sich sehr gut für ein Akt-Shoo­ting. Haben Sie die Fotos noch?
Nein. Das sind schlechte Erin­ne­rungen.

Sie können mit dem Abstand von über 20 Jahren nicht dar­über lachen?
Es ist so viel Mist damals pas­siert. Diese Fotos, die eigenen Auto­gramm­karten, der Auf­tritt mit dem edlen Dandy-Anzug im Sport­studio“. Es gab über­haupt keinen Schutz. Wie konnten die Reporter über­haupt in die Kabine gelangen? Doch bitte ver­stehen Sie mich nicht falsch: Ich will nicht nur den Medien oder dem Verein die Schuld geben. Ich habe mir vieles selber ein­ge­brockt, viele Fehler gemacht, die ich heute nie­mals mehr machen würde.

Heute zeigen Spieler wie Mario Balo­telli oder Cris­tiano Ronaldo auch ihre Ober­körper, ihren Schmuck oder ihre Autos. Warum durften Sie das nicht?
Damals kannte man das nicht. Der Zuschauer war eine bie­dere Bericht­erstat­tung in der Sport­schau“ gewöhnt. Die Profis wurden nach 90 Minuten zum Spiel gefragt, in der Zusam­men­fas­sung gab es höchs­tens mal die Ein­blen­dung der Trai­ner­bank. Zudem waren die Hier­ar­chien ganz andere. Junge Spieler mussten sich erst mal hinten anstellen. Und dann kam ich, über Tage dau­er­prä­sent in den Medien, wie der Super­star. Doch ich war nicht Cris­tiano Ronaldo oder Mario Balo­telli – ich war der 18-jäh­rige Michael Anicic, ein Talent, mehr nicht. Und weil ich im zweiten Spiel nicht son­der­lich gut spielte, wurde ich prompt aus­ge­pfiffen.
 
Sie sollen ein Angebot vom FC Bayern gehabt haben. Wieso schei­terte der Wechsel?
Mein Vater und ich trafen uns mit Uli Hoeneß in Mün­chen. Es war eigent­lich ein gutes Gespräch, doch mir miss­fielen einige Details im Ver­trag. Also unter­schrieb nicht. Es war ver­mut­lich der größte Fehler meines Lebens.
 
Haben Sie damals zu sehr auf das Geld geguckt?
Ver­mut­lich. Ich hätte bei den Bayern weniger ver­dient als bei der Ein­tracht, also sagte ich mir: Da bleibe ich doch in Frank­furt. Heute denke ich: Dort hätte ich viel­leicht weniger ver­dient, anfangs auch nur zehn Spiele pro Saison gemacht, doch was soll’s? Ich hätte mit den besten Fuß­bal­lern Deutsch­lands zusam­men­ge­spielt und von ihnen lernen können. Danach ging vieles schief. Beson­ders bitter war mein erster Kreuz­band­riss. Auch etwas, das der dama­ligen Zeit geschuldet war.
 
Inwie­fern?
Ich musste damals manchmal 90 Minuten am Samstag Bun­des­liga spielen und am Sonntag 90 Minuten in der A‑Jugend. Das kann nicht gut sein für die Gesund­heit. Und das würde in der heu­tigen Zeit nicht mehr pas­sieren. Damals hat mich der Kreuz­band­riss aus der Bahn geworfen, ich kam nur schwer wieder in Tritt. Bei einer sol­chen Ver­let­zung hast du ja damals gesagt: Das war’s mit Pro­fi­fuß­ball.
 
Später platzte ein Wechsel nach Lever­kusen, wo Sie auch schon unter­schrieben hatten. Es heißt, dass Ein­tracht-Prä­si­dent Bernd Höl­zen­bein Ihrem Vater nach diesem ganzen Wechsel-Chaos den Hand­schlag ver­wei­gerte. Spre­chen Sie heute wieder mit­ein­ander?
Ja. Ich spiele ja auch in der Tra­di­ti­ons­mann­schaft mit vielen dieser Ein­tracht-Legenden zusammen. Das macht mich stolz und froh. Und ich denke auch, dass viele Alt-Stars sehen, dass ich mich geän­dert habe – und auch mit Bernd Höl­zen­bein kann ich wieder gemeinsam lachen.
 
Ihr För­derer war Dra­goslav Ste­pa­novic. Später spielten Sie auch unter Jupp Heynckes, für den die Ein­tracht ein dunkles Kapitel wurde. Was machte er falsch?
Er war ein Trainer der alten Schule und hatte nicht die Locker­heit, die er später hatte – oder die auch ein Stepi ver­sprühte. Ich bin auch ein paar Mal mit ihm anein­an­der­ge­raten. Dann machte er den Fehler, Anthony Yeboah, Jay-jay Okocha und Mau­rizio Gau­dino zu sus­pen­dieren. Aller­dings ver­stehe ich einige seiner Ent­schei­dungen heute ein Stück weit. Er kam damals als großer Trainer zur Ein­tracht, wo totales Chaos herrschte. Wir spielten in der Bun­des­liga, doch die Struk­turen, das Sta­dion, die Umkleiden, wirk­lich alles sah aus wie bei einem Ama­teur­verein. Heynckes ver­suchte auf­zu­räumen – doch es miss­lang ihm.