Seite 3: „Depression oder Burnout dürfen kein Tabuthema mehr sein!“

Der Fuß­ball ist moderner geworden, vor allem die Aus­bil­dung und Rund­um­be­treuung der Spieler. Haben es Fuß­baller der Gegen­wart nicht leichter mit psy­chi­schen Pro­blemen? Schließ­lich in fast jeder Mann­schaft ein Team­p­sy­cho­loge zur Ver­fü­gung.
Ich habe recht viel Kon­takt mit aktu­ellen Bun­des­liga-Profis. Da ist nicht einer dabei, der mit seinen Pro­blemen zum vom Verein gestellten Psy­cho­logen geht. Nicht einer!
 
Warum?
Weil diese Spieler Angst haben, dass das, was sie dem Psy­cho­logen erzählen, doch durch­si­ckert und letzt­lich ihrer Kar­riere schadet. Psy­cho­logen sind eine gute Sache. Aber ent­schei­dend ist, dass sich in unserem gesell­schaft­li­chen Denken – und da schließe ich den Fuß­ball mit ein – etwas ändert. Depres­sion oder Bur­nout dürfen kein Tabu­thema mehr sein!
 
Sie spra­chen Mob­bing bereits an. Wie akut ist dieses Thema im deut­schen Fuß­ball?
Sehr akut! Unter Schieds­rich­tern und Spie­lern.
 
Können Sie ein Bei­spiel nennen?
Ich habe nach schwä­cheren Leis­tungen sofort SMS von Kol­legen bekommen. Um mich zu schwä­chen. Ich habe es mit­er­lebt, wie sich meine Assis­tenten hinter meinem Rücken über die Rüffel meiner Vor­ge­setzten freuten. Weil sie sich durch meine Fehler selbst Auf­stiegs­chancen erhofften. Sie glauben gar nicht, wie ver­breitet Mob­bing in der Bun­des­liga ist. Das berichten mir aktuell auch Schieds­richter sowie Bun­des­li­ga­spieler.
 
Sind Fuß­baller, Trainer und Schieds­richter anfäl­liger für einen Bur­nout?
Ja. Umso mehr Geld es geht, desto höher ist der Leis­tungs­druck. Und damit die Gefahr eines Bur­nouts. Das Schlimmste an der Sache ist, dass du all deine Energie darauf ver­wen­dest, mit diesem Druck klar zu kommen und dabei die Signale deines Kör­pers über­hörst bzw. igno­rierst. Irgend­wann ist es zu viel und die Seele reagiert. Dann ist es meis­tens zu spät.
 
Fuß­baller sind häufig länger ver­letzt. Kann so eine Zwangs­pause nicht auch dazu dienen, mal inne­zu­halten und sich mit den Folgen dieses Drucks aus­ein­an­der­zu­setzen?
Im Gegen­teil. So eine Ver­let­zung setzt dich ja noch mehr unter Druck. Wer spielt jetzt für dich, wer ersetzt dich viel­leicht, macht dich gar über­flüssig? Wer will deinen Job, deine Kar­riere, deine Kohle? Ich habe das selbst als Schieds­richter gemerkt und bin viel früher auf den Platz zurück­ge­kehrt, als es gesund gewesen wäre.
 
Wer Bur­nout-gefährdet ist, ist auch Depres­sions-gefährdet. Eine Gefahr auch im Pro­fi­fuß­ball?
Natür­lich. Und nur eine logi­sche Folge dessen, was ich bereits gesagt habe. Lassen wir die Zahlen spre­chen. Aktuell haben wir in Deutsch­land vier Mil­lionen Depres­si­ons­kranke. 53 Mil­lionen Krank­heits­tage wegen Bur­nout und Depres­sionen. 10.000 Sui­zid­fälle durch Depres­sionen. Im Ver­gleich: Pro Jahr sterben in Deutsch­land 3500 Men­schen im Stra­ßen­ver­kehr. Das alles ist Fakt. Und macht selbst­ver­ständ­lich auch vor dem Fuß­ball nicht Halt.
 
In Ihrer Tätig­keit als Refe­rent und Men­tal­coach wollen Sie in Zukunft auch ver­stärkt im Fuß­ball arbeiten. Wie soll Ihre Arbeit aus­sehen?
Die wird sich grund­sätz­lich nicht von dem unter­scheiden, was ich auch sonst in der freien Wirt­schaft tue. Im Ide­al­fall sieht das so aus: Ich stelle mich vor eine Mann­schaft und spreche zunächst einmal von mir. Schil­dere, was mit mir pas­sierte. Wie ich tickte, wie ich han­delte, wie ich schei­terte. Selbst­kri­tisch und scho­nungslos! Wer wirk­lich ein Pro­blem hat, wird sich wie­der­erkennen und seine Denk­weise ändern, und das ist schon mal ein erster Schritt.
 
Gibt es bereits posi­tives Feed­back aus der Szene?
Von Seiten des DFB hoffe ich ein­fach stark auf posi­tive Signale. Meine Tür steht immer offen. Und es gibt zwei pro­mi­nente Ent­scheider aus der Bun­des­liga, die mir intensiv den Rücken gestärkt haben und ähn­lich denken wie ich. Ich habe aller­dings ver­spro­chen, diese Namen nicht zu nennen, zu groß ist die Angst, dass in Zukunft die Schieds­richter gegen ihre Klubs pfeifen.
 
Was auch immer in den kom­menden Monaten oder Jahren zum Thema Mobbing/​Burnout/​Depression im Pro­fi­fuß­ball pas­siert – welche Rolle wollen Sie dabei spielen?
Robert Enkes Hil­feruf wurde bis heute nicht erhört. Ich möchte der Bot­schafter für diese Themen sein. Weil ich es auf die extrem harte Tour lernen musste, dass wir eine andere Feh­ler­kultur leben müssen. Ich war am Ende, wollte mir das Leben nehmen, bin wieder gesund und fühle mich jetzt mit breitem Kreuz gewappnet für diese Mis­sion. Nie­mand sollte sich so weit ins Abseits des Lebens treiben lassen, wie ich das bei mir zuge­lassen habe.