1. Was ist die ideale Größe für den Kader eines Bun­des­li­gisten?
Das hängt davon ab, ob ein Klub inter­na­tio­nale Spiele zu bestreiten hat oder nicht. Aber in jedem Fall muss man wissen, dass es immer einen Kern von Spie­lern gibt, die einem die Ernte ein­fahren. Bei inter­na­tio­nalen Spit­zen­klubs absol­vieren die ersten 20 oder 21 Spieler des Kaders in der Regel über 95 Pro­zent der Net­to­spiel­zeit einer Saison. Bei deut­lich mehr Spie­lern im Kader hat man womög­lich ein hohes Invest­ment, das in keiner Rela­tion zu den Ein­satz­zeiten steht. Zudem birgt dies die Gefahr, dass Spieler unzu­frieden werden. Bei einem Klub, der nicht inter­na­tional spielt, bilden 15 oder 16 Feld­spieler plus zwei Tor­hüter den Kern. Damit ist man gut auf­ge­stellt, wenn es daneben noch ein paar junge, talen­tierte Ergän­zungs­spieler gibt. Die maxi­male Kader­größe sollte 25 Spieler aber nie über­schreiten. Bemer­kens­wert fand ich in der letzten Saison, wie effektiv Schalke 04 und beson­ders Borussia Dort­mund mit den Ver­let­zungen von wich­tigen Spie­lern umge­gangen sind. Der BVB ist trotzdem noch Zweiter geworden, und gute Nach­wuchs­spieler wie Durm oder Hoff­mann haben den Durch­bruch geschafft.

2. Gibt es ein ideales Durch­schnitts­alter bei Spie­lern?
Solche Fragen sind für mich graue Theorie. Wenn man zwei oder drei sehr gute Spieler hat, die über 30 sind und den Alters­durch­schnitt im Team anheben, heißt das nichts. Für mich ist das völlig unin­ter­es­sant.

3. Braucht man vor allem Spe­zia­listen für eine bestimmte Posi­tion oder Spieler, die mög­lichst fle­xibel sind?
Natür­lich gibt es immer wieder Spieler, die in meh­rere Rollen schlüpfen können. In Lever­kusen ist Gon­zalo Castro ein gutes Bei­spiel dafür, er kann fünf oder sechs unter­schied­liche Posi­tionen pro­blemlos besetzen. Aber auch viel­sei­tige Spieler haben eine Kar­di­nal­po­si­tion, auf der sie am besten sind. Und es funk­tio­niert nicht, lauter fle­xible Spieler zu haben, die etwa alle auch rechter Ver­tei­diger spielen könnten, ohne einen aus­ge­bil­deten rechten Ver­tei­diger im Team zu haben. Man braucht daher als Aus­gangs­basis ein festes Kader­bild, in dem alle Posi­tionen klar besetzt sind.

4. Müssen Spieler zu dem vom Trainer favo­ri­sierten Spiel­system passen, oder sollte ein Klub ein­fach gute Spieler suchen, aus denen sich ein Trainer seine Mann­schaft zusam­men­bas­telt?
Beides spielt eine Rolle. Bayer Lever­kusen ist etwa in die Ver­hand­lungen mit André Hahn vom FC Augs­burg nicht ein­ge­stiegen, obwohl er ein sehr guter Spieler ist, an dem Borussia Mön­chen­glad­bach eine Menge Spaß haben wird. Aber Hahn ist aus meiner Sicht ein klas­si­scher 4 – 2‑3 – 1‑Spieler, der in diesem Spiel­system über die Außen­bahn kommen muss. Als es um eine mög­liche Ver­pflich­tung von Hahn ging, hieß der Trainer in Lever­kusen aber noch Sami Hyypiä, und er hat ein 4 – 3‑2 – 1‑System bevor­zugt. Das bedeutet, dass die beiden offen­siven Mit­tel­feld­spieler nicht auf der Außen­bahn, son­dern im Zen­trum agieren und Hahn dort wahr­schein­lich seiner Stärken beraubt gewesen wäre.

5. Gibt es in einem Kader das rich­tige Mischungs­ver­hältnis aus Knall­köpfen und braven Spie­lern?
Man sollte vor­sichtig sein, nicht zu sehr die Kli­schees zu bedienen. Sicher­lich gibt es immer ein paar soge­nannte Typen“ in einer Mann­schaft, aber die heu­tige Spiel­er­ge­nera­tion ist so pro­fes­sio­nell, dass man von Knall­köpfen“ eigent­lich nicht mehr spre­chen kann. Ein Kevin Groß­kreutz bei­spiels­weise, der zuletzt hin und wieder für Schlag­zeilen gesorgt hat, ist auf­grund seiner Leis­tungen im Trai­ning und im Spiel ein abso­luter Mus­ter­profi. Wich­tiger finde ich, dass viele deutsch­spra­chige Spieler im Kader stehen, denn die Kom­mu­ni­ka­tion fällt dann leichter.

6. Kann man Hier­ar­chien in einem Kader planen und wer dort Füh­rungs­spieler wird?
Nein, bei Lars Bender etwa gab es in Lever­kusen zwar von Beginn die Vision, dass er auf­grund seiner Leis­tungen und seiner Men­ta­lität mal in eine bedeu­tende Rolle hin­ein­wachsen könnte. Das ist ihm auch gelungen, aber letzt­lich beur­teilt man bei der Ver­pflich­tung eines Spie­lers dessen aktu­elle und per­spek­ti­vi­sche Leis­tungs­fä­hig­keit. Die Per­sön­lich­keit und der Stel­len­wert in einer Mann­schaft sind Folge eines Ent­wick­lungs­pro­zesses, den man nicht kon­kret planen kann.

7. Gibt es eine Ober­grenze, wie viele Spieler eines Bera­ters in einer Mann­schaft stehen sollten?
Nein, das kann man so pau­schal nicht sagen. Wie ich über­haupt die Rolle der Berater nicht dämo­ni­sieren möchte, weil es unter ihnen auch sehr viele kom­pe­tente und ver­nünf­tige Leute gibt. Und selbst wenn man eine ima­gi­näre Ober­grenze von Spie­lern eines Bera­ters im Kader erreicht hätte, würde man trotzdem einen wei­teren Spieler von ihm ver­pflichten, wenn er eine abso­lute Top­lö­sung ist.

8. Wie sehr kann man im schnell­le­bigen Fuß­ball­ge­schäft über­haupt vor­aus­planen?
Man muss sich klar­ma­chen, dass es unter­schied­liche zeit­liche Ebenen gibt. Eine davon ist kurz­fristig, da schaut man von einer Trans­fer­pe­riode zur nächsten. Die nächste Ebene ist die mit­tel­fris­tige. In Lever­kusen war schon im August 2012 weit­ge­hend klar, dass André Schürrle uns im Juli 2013 ver­lassen würde. Dann kann man sich früh nach Alter­na­tiven auf dem Markt umschauen. Und schließ­lich gibt es noch wich­tige Per­spek­tiv­ver­pflich­tungen, so wie in Lever­kusen zuletzt mit Julian Brandt und Levin Özt­u­nali. Adrian Babic, unser Nach­wuchsscout hatte mir ein Jahr lang bei jedem Treffen immer wieder Brandt ans Herz gelegt. Bei einem Spiel der U17-Natio­nal­mann­schaft in Han­nover gegen Ita­lien habe ich mich dann selbst von Brandt über­zeugen können. Bevor er in der zweiten Hälfte ein­ge­wech­selt wurde, konnte ich auch Özt­u­nali sehen und mir war sofort klar: Der Junge ist auch etwas Beson­deres! Lever­kusen hat für beide Spieler eine Gesamt­ab­löse von 520 000 Euro gezahlt. Heute, nur ein Jahr später, müsste man weit über 15 Mil­lionen Euro bieten, damit Lever­kusen über­haupt anfangen würde zu über­legen, diese beiden Juwele zu ver­kaufen.

9. Kann man auch bei den Trans­fers gestan­dener Spieler noch echte Schnäpp­chen machen?
Die gibt es immer wieder mal, etwa weil ein Spieler ablö­se­frei zu haben ist, wie in diesem Sommer Aaron Hunt oder Maxim Choupo-Moting. Nur rela­ti­vieren sich diese ver­meint­li­chen Schnäpp­chen oft durch die dann ent­spre­chend höheren Gehalts­vor­stel­lungen bzw. Hand­geldforderungen.

10. Kann es vor­kommen, dass ein Spieler auf dem Platz über­zeugt und im per­sön­li­chen Gespräch durch­fällt?
Das ist schon vor­ge­kommen, aber selten. Was ein Spieler sagt, ist sicher­lich nicht ganz unwichtig, aber wirk­lich wichtig ist vor allem seine Sprache auf dem Platz. Und diese Sprache muss man ver­stehen. Lucio oder Arturo Vidal sind nicht gerade hoch­tra­bende Viel­spre­cher, aber auf dem Platz sind sie domi­nante Welt­klas­se­spieler.

11 Seit Jahren gibt es eine These, die besagt: Eine Mann­schaft ist so gut
wie ihr schlech­tester Spieler. Also besei­tige deine Schwach­stellen, anstatt einen spek­ta­ku­lären Spieler zu ver­pflichten. Stimmt das? Ja, beson­ders bitter ist es, wenn diese Schwach­stelle der Tor­wart ist. Dann kannst du machen, was du willst und wirst deine Saison trotzdem nicht mehr retten. Des­halb musste Bayer Lever­kusen auch reagieren, als sich René Adler in der Vor­be­rei­tung zur Saison 2011/12 ver­letzte und klar war, dass er lange fehlen würde. Dar­aufhin haben die Tor­wart­trainer Nacht­schichten ein­ge­legt, um Alter­na­tiven zu finden und hatten eine Reihe inter­es­santer Kan­di­daten aus­ge­macht, auch Natio­nal­spieler aus anderen Län­dern. Weil Adler damals aber auch in seinem letzten Ver­trags­jahr war, hatte ich schon länger Kon­takt zu Uli Ferber, dem Berater von Bernd Leno, und Bernd war unser Favorit. Die Scouts von Bayer sind dann zum Trai­nings­lager des VfB Stutt­gart nach Öster­reich gereist und haben jede ein­zelne Trai­nings­ein­heit von Bernd Leno ange­schaut. Schließ­lich ging es um einen Tor­hüter, der zu diesem Zeit­punkt noch keine Minute im pro­fes­sio­nellen Fuß­ball gespielt hatte. Er war aber für alle so über­zeu­gend, dass wir keinen Zweifel hatten, mit seiner Ver­pflich­tung die rich­tige Ent­schei­dung zu treffen.

12 Was ist beim Scou­ting eines Spie­lers am wich­tigsten: Erfah­rung, Spiel­daten, Bauch­ge­fühl? In Lever­kusen fließen sta­tis­ti­sche Daten nur mar­ginal in die Urteils­fin­dung ein. Ent­schei­dend waren immer die Gesprächs­runden mit den Scouts auf der Basis ihrer Reports, in denen alle wich­tigen Beob­ach­tungen detail­liert fest­ge­halten sind. Wie so ein Ent­schei­dungs­pro­zess gehen kann, zeigt das Bei­spiel Daniel Car­vajal. Ich hatte bei einem Treffen den Chef­scout vom FC Bar­ce­lona gefragt, wel­chen Nach­wuchs­spieler von Real Madrid er gerne ver­pflichten würde. Er schwärmte von Car­vajal, der damals aber nur in der zweiten Mann­schaft von Real spielte, in der dritten Liga und trotzdem fünf Mil­lionen Euro kos­tete. Also haben die Scouts von Bayer 04 und ich ihn ins­ge­samt rund zwanzig Mal beob­achtet. Dann haben wir uns zusam­men­ge­setzt und aus­führ­lich bespro­chen, ob wir uns sicher waren, dieses Risiko ein­zu­gehen. Wir haben es gemacht, und Dani war ein Voll­treffer. Leider zog Real schon nach einem Jahr die Rück­kauf­op­tion. Aber zurecht: Car­vajal war Stamm­spieler beim Cham­pions League Sieger. Das freut einen natür­lich, aber trotzdem muss man sich klar­ma­chen, dass es beim Scou­ting von Spie­lern nur um Wahr­schein­lich­keiten geht und es keine Sicher­heiten gibt. In Lever­kusen wurde in den letzten zehn Jahren trotzdem kein Transfer getä­tigt, der uns im Nach­hinein mehr als 1,5 Mil­lionen Euro Ver­lust ein­ge­bracht hat. Bayer hat zudem in diesem Zeit­raum eine nahezu aus­ge­gli­chene Trans­fer­bi­lanz. Wenn man nun einen Blick auf den aktu­ellen Wert des Spie­ler­ka­ders sowie die sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Per­spek­tiven wirft, ergibt das eine schöne Gesamt­bi­lanz.