Gerade in Kri­sen­zeiten sehnt sich der Mensch nach starken Per­sön­lich­keiten, an denen er sich ori­en­tieren kann. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung, gebeu­telt von der dahin­dar­benden Wirt­schaft und ihrem geschun­denen Ruf in der Welt­ge­mein­schaft, suchte sich Barack Obama, der so viel Glanz und Selbst­ver­trauen ver­sprüht, dass jede Krise in einer Art Super­nova zu ver­blitzen scheint.



Auch in der Bun­des­liga ist der Schritt hin zur starken Füh­rungs­per­sön­lich­keit tau­send­fach bewährt. Bayern bet­telte in einer seiner größten Krise vor zwei Jahren erneut die Trai­ner­licht­ge­stalt Ottmar Hitz­feld an, um den Verein vor dem Abrut­schen in die euro­päi­sche Zweit­klas­sig­keit zu bewahren. Der VfL Wolfs­burg angelte sich dar­aufhin Felix Magath, die Mensch gewor­dene Auto­rität, der die Wolfs­burger als Trainer, Manager und Sport­li­cher Leiter seitdem kräftig durch­mischte und nun die Tabelle von oben beob­achtet. Auto­ri­tärer Füh­rungs­stil scheint also das pro­ba­teste Mittel gegen kri­sen­ver­seuchte Zeiten. Doch ist es das wirk­lich?

Denn auf Schalke, seit Jahren der Inbe­griff von Krise, haben die Men­schen genug von ihren Anfüh­rern. Sie wollen das System stürzen. Was haben sie in dieser Saison nicht schon alles gemeinsam durch­ge­macht: Trai­ner­krise, Tor­krise, Ergeb­nis­krise, Mana­ger­krise und zuletzt die Trainer-Und-Manager-Fin­dungs­krise. Sie haben alles über­lebt, jüngst sogar wieder gewonnen, doch jetzt wollen die Fans an die Macht. Sie ver­zichten auf die geballte Kom­pe­tenz, die aus den Fleisch­zen­tren dieser Welt heraus die Geschicke des Ruhr­pott­ver­eins leiten. Mit einem mini­ma­lis­ti­schen Aufruf machten die Fans beim Aus­wärts­spiel in Bie­le­feld am ver­gan­genen Freitag den Umbruch von Gel­sen­kir­chen-Buer publik: Vor­stand & Tön­nies Maul halten“.

Und nun steht sie da, die volks­nahe Füh­rung

So simpel und doch so prä­gnant ist die For­de­rung der auf­ge­brachten Schalker Fan­seele. Dabei ver­sucht die Füh­rung des Ver­eins doch alles, um das Volk zu beru­higen. Auf ihren Wunsch hin haben sie Trainer und Manager ent­lassen, sie haben bei den welt­besten Fach­män­nern um Gehör gebeten, sich sogar in die Fan­kurve bewegt. Und nun steht sie da, die volks­nahe Füh­rung des FC Schalke 04 und weiß nicht mehr genau, was eigent­lich los ist. Die Masse lehnt sich auf. Es kann so unfair sein, wenn man seinen Job ver­dammt gut macht.

Der Füh­rungs­riege bleibt also nur eins: Alle Geschicke des Ver­eins müssen in die Hände der Schalke-Anhänger gelegt werden. Wer könnte kom­pe­tenter an den Pro­blemen des Ver­eins arbeiten als die über 61.000 Anhänger, die Heim­spiel für Heim­spiel ins Sta­dion pil­gern und die Pro­bleme von Verein und Mann­schaft bis ins Detail sezieren? Wenn nur jeder Tau­sendste von ihnen einen halb­wegs guten Fuß­baller kennt, hat man schnell eine talen­tierte Mann­schaft zusammen, die es mit dem Rum­pel­fuß­ball der jet­zigen Elf locker auf­nehmen kann. Ein Trainer wird sich auch schnell finden, bei all dem Sach­ver­stand, der sich auf den Rängen tum­melt. Fehlt nur noch ein Manager. Aber warum eigent­lich? Diese Posi­tion ist doch auch nur Teil des alten, mod­rigen Sys­tems, das nie­mand mehr haben will. Der FC Ebbs­fleet United und For­tuna Köln machen es vor: Alle Macht muss bei den Fans liegen, um ruhig und kon­struktiv arbeiten zu können.

So pos­tu­liert die Schalker Fan­ge­meinde quasi im Vor­bei­gehen eine neue Herr­schafts­struktur im Pro­fi­fuß­ball. Freitag der 03.April wird als Zäsur in die Bun­des­liga-His­torie ein­gehen. Die Gras­wurzel-Demo­kratie zieht in den Kampf gegen das Schwei­ne­me­daillon-Regime aus Rheda-Wie­den­brück. Die Bie­le­felder Alm wird zur Frank­furter Pauls­kirche. Der Sturz der feu­dalen Rin­de­hälf­ten­herr­schaft steht kurz bevor. Ganz Schalke blickt hoff­nungs­voll in die Zukunft. Es wird etwas pas­sieren. Schlimmer als jetzt kann es ja sowieso nicht mehr werden.