Seite 5: „Es war mein Ritual, mir den Schädel zu rasieren“

Von ihrer men­talen Stärke oder dem fuß­bal­le­ri­schen Können? 
Wenn ich sage, ich will Welt­meister werden und kann mir das vor­stellen mit dieser Mann­schaft, ist es doch egal, wovon ich aus­gehe.

Nach der WM war es mit Ihrer Kar­riere in der Natio­nal­mann­schaft vorbei. 
Ich habe noch zwei Spiele gemacht, das letzte beim 2:1 in der EM-Qua­li­fi­ka­tion gegen die Färöer. Ich war im Sommer zu Udi­nese Calcio gegangen und dieser Wechsel hat mir nicht gut getan.

Woran lag das? 
Ich habe ein­fach schlecht gespielt.

Warum? 
Ich habe die ersten zehn Spiele von Anfang an gemacht, aller­dings nicht getroffen. Und als ich mich gerade mit dem ita­lie­ni­schen Fuß­ball ange­freundet hatte, fiel ich wegen einer Scham­bein­ver­let­zung acht Monate aus. Danach bin ich kör­per­lich nie mehr auf das Level gekommen, das ich für mein Spiel benö­tige. Bei Bayern war ich nicht umstritten. Einen Fuß­ball­gott“ gab es dort bis dahin noch nicht, das muss man sich erst mal erar­beiten.

Und der Rest der Repu­blik? 
Das hatte damit zu tun, wie ich Fuß­ball gespielt habe.

Manche haben Ihr Spiel als unsauber gebrand­markt. Es gibt ein Lied von den Prinzen“ … 
Du musst ein Schwein sein auf dieser Welt“, ja ja. Ich glaube aber, ich war nie unfair. Natür­lich gibt es Fouls, die ich lieber ver­mieden hätte, doch die sind nie mit Absicht geschehen. Ich habe gut aus­ge­teilt und gut ein­ge­steckt, bin aber nie lie­gen­ge­blieben und habe auf den Doktor gewartet – außer, wenn es mal richtig weh tat.

Den­noch waren Sie für Bay­ern­hasser über Jahre ein beliebtes Feind­bild. 
Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich viele Tore geschossen habe.

Das hat Mehmet Scholl auch, den haben aber trotzdem alle gemocht. 
Der war aber auch bloß 1,70 Meter groß. Wenn ich einen Press­schlag gemacht habe und der Gegner flog drei Meter durch die Luft, konnte ich ja nichts dafür. Den Schuh, unfair gespielt zu haben, ziehe ich mir nicht an.

2000 sorgten Sie für Auf­sehen, als Sie nach einem Tor zum dama­ligen Lever­ku­sener Coach Berti Vogts rannten und laut Vogts, du Arsch­loch!“ brüllten. Was hatte der Ihnen getan? 
Eigent­lich gar nichts. Er hatte mich als Bun­des­trainer nicht mit zur WM 1998 genommen und auch danach beim Neu­aufbau nicht berück­sich­tigt, das habe ich als Vor­wand genommen. Es war ein wich­tiges Spiel gegen Lever­kusen, da pusht man sich und ver­sucht, noch aggres­siver zu werden, und weil ich mit den Lever­ku­sener Spie­lern sehr gut auskam, habe ich mir Berti Vogts raus­ge­pickt. Nach meinem Tor ist diese Pro­jek­tion irgendwie mit mir durch­ge­gangen.

Eine Zeit­lang wurde Ihnen eine Nähe zum rechts­ra­di­kalen Milieu nach­ge­sagt, einige Neo­nazis unter den Bayern-Anhän­gern skan­dierten damals gerne Carsten Jancker, unser Führer!“ 
Ich habe diese Geschichte leider nicht so ernst genommen, wie sie sich nachher ent­wi­ckelt hat. Uli Hoeneß hat damals öfter mit mir gespro­chen, ob ich mir nicht die Haare wachsen lassen will, was ich dann auch getan habe. Heute würde ich anders mit der Sache umgehen: Ich würde früher ent­schieden den Gerüchten ent­ge­gen­treten, mir aber nie wieder vor­schreiben lassen, wie ich meine Haare zu tragen habe.

Uli Hoeneß hat es wahr­schein­lich gut gemeint. 
Aber es war mein Ritual, mir vor dem Spiel mit der Maschine den Schädel zu rasieren. Heute würde ich mit Uli Hoeneß ver­ab­reden, in dieser unse­ligen Nazi­sache tätig zu werden, ohne meinen Typ zu ver­än­dern. Warum will man Carsten Jancker ver­än­dern, wenn man Carsten Jancker ein­ge­kauft hat?

Ist das meck­len­bur­gi­sche Stur­heit? 
Man kann das stur nennen, aber auch gerad­linig. Außerdem war ich auch mit Haaren immer noch 1,93 Meter groß und hatte blaue Augen. Und eine Toni-Polster-Matte hätte ich mir ohnehin nie wachsen lassen.

Hätte Ihr Haar­wuchs die denn her­ge­geben? 
Das schon. Aber ich habe mich mit Locken nie wohl gefühlt.