Seite 3: „Das ganze Stadion hat vibriert, es war großartig“

Was können Sie jungen Spie­lern, die dorthin gehen, emp­fehlen? 
Sie müssen geduldig sein. In meiner ersten Saison hatte ich zwanzig Kurz­ein­sätze, zuerst meist nur über fünf Minuten, doch zum Ende hin wurde es länger. Da habe ich gemerkt, dass es vor­an­geht. Und nach dem nor­malen Trai­ning hat Gio­vanni Tra­pat­toni, der Mister, mit Alex Zickler und mir immer noch eine Stunde dran­ge­hängt.

Ist es normal, dass sich ein welt­be­rühmter Coach nach dem Trai­ning noch um die jungen Spieler küm­mert? 
Nein, aber das war sein Augen­merk. Der hat das jeden Tag gemacht, von mon­tags bis don­ners­tags, und wenn es nur Tech­nik­übungen waren. Das macht ihn aus, er sieht in einem Kader nicht nur die Nummer 1 bis 13, son­dern alle, von der 1 bis zur 25.

In den Jahren danach wurden Sie Stamm­spieler und haben in der Cham­pions League sowohl die denk­wür­dige Final­nie­der­lage 1999 gegen Man­chester United als auch den Tri­umph gegen Valencia zwei Jahre später erlebt. Wie groß war die Genug­tuung, das Trauma zu über­winden? 
Man muss berück­sich­tigen, dass wir 2001 fast mit der glei­chen Truppe gewonnen haben. Im Jahr dazwi­schen waren wir im Halb­fi­nale geschei­tert, und es war klar, dass dies unsere letzte Chance mit dem Kader sein würde. Danach wäre die Mann­schaft ver­mut­lich zu alt gewesen, und ohnehin ist die Luft raus, wenn du dreimal nach­ein­ander knapp schei­terst.

Gegen Valencia hat der FC Bayern im Elf­me­ter­schießen gewonnen, zudem 2000 und 2001 sehr glück­lich die Deut­sche Meis­ter­schaft geholt. Kann man sagen, dass der Fuß­ball­gott die Bayern für das Man­chester-Drama in den Jahren danach reich­lich ent­schä­digt hat? 
Wir haben uns nicht beschwert. (lacht)

Die letzte Halb­zeit der Saison 1999/2000 haben Sie in der Kabine ver­bracht. 
Wir mussten gegen Werder Bremen gewinnen, das hätte aber alles nichts genutzt, wenn Lever­kusen in Unter­ha­ching unent­schieden gespielt hätte. Ich musste zur Halb­zeit raus, weil ich mich ver­letzt hatte. Draußen vor der Tür lief der Fern­seher, auf dem die Ordner schauten. Plötz­lich fiel das 1:0 für Unter­ha­ching, danach habe ich mich nicht mehr aus der Kabine getraut, weil ich Angst hatte, dass dann etwas schief laufen würde. Reiner Aber­glaube.

Muss eine lange Drei­vier­tel­stunde gewesen sein. 
Das können Sie laut sagen! Es gibt ja Auf­nahmen von Jens Jere­mies, der oben auf der Tri­büne sitzt und das totale Ner­ven­bündel ist. So unge­fähr ging es mir in der Kabine auch. Erst nach dem 2:0 für Unter­ha­ching bin ich raus­ge­rannt. Das ganze Sta­dion hat vibriert, es war groß­artig.

Und 2001, als Schalke Meister der Herzen“ wurde? 
Unser Spiel in Ham­burg hatte später ange­fangen, weil fast zwei Kilo Bananen in den Straf­raum von Oliver Kahn geflogen waren. Des­halb wurde bei uns immer noch gespielt, als auf Schalke schon Schluss war. Und dann gab es diesen Frei­stoß, den Patrik Andersson zum 1:1 ver­wan­delt hat. Da, wo er den Ball hin­ge­schossen hat, geht der nor­ma­ler­weise nicht rein. Oder viel­leicht einer von hun­dert Bällen.

Hatten Sie Mit­leid mit den Schal­kern? 
Nein, man sagt ja nicht: Schade, dass wir Meister geworden sind! Außerdem mussten wir die Kon­zen­tra­tion gleich auf das Cham­pions-League-Finale gegen Valencia lenken, das wenige Tage später statt­fand.