Carsten Jancker, als Profi wirkten Sie immer ein biss­chen unnahbar. War das Absicht?
Das war keine bewusste Ent­schei­dung, son­dern ist ein­fach meine Art. Ich denke, zuerst wahre ich gerne eine gewisse Distanz.

Liegt das an Ihrer Her­kunft, Meck­len­burg-Vor­pom­mern?
Es wird uns Nord­deut­schen jeden­falls nach­ge­sagt.


Sie sind ein Kind der DDR, haben Ihr erstes Bun­des­li­ga­spiel in Köln gemacht, doch der Durch­bruch gelang Ihnen bei Rapid Wien. Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus. 
Ich hatte einen Ober­kie­fer­bruch und konnte lange nicht spielen, und wenn ich ein­ge­wech­selt wurde, habe ich viele Chancen ver­geben. Doch im Laufe der Saison 1995/96 wurde es immer besser. Am Ende wurden wir Meister und kamen ins End­spiel des Euro­pa­po­kals der Pokal­sieger.

Was einer öster­rei­chi­schen Mann­schaft nicht alle Tage pas­siert.
Wir hatten gute Ein­zel­spieler, einen gewissen Lauf und ein gutes Klima im Team. Und wir waren zu Hause eine Macht.

Wie sind Sie als nüch­terner Meck­len­burger mit den Wie­nern klar­ge­kommen?
Was mich betrifft: Ich habe mich in eine Wie­nerin ver­liebt und mich von Anfang an wohl gefühlt.

Wer war die Wie­nerin?
Sie war die Sekre­tärin vom Rapid-Manager Werner Kuhn. Aber wir haben erst mal eine Zeit­lang ver­sucht, das geheim zu halten.

Wie lange?
Vier oder fünf Monate. Man weiß ja am Anfang nicht, was daraus wird. Und wenn alle gleich Bescheid wissen, ist das ins­be­son­dere für die Frau nicht so ange­nehm. Zumal, wenn sie sich in einem Män­ner­um­feld bewegt.

Wie sind Sie schließ­lich auf­ge­flogen?
Wir haben die Leute zu unserer Hoch­zeit ein­ge­laden.

Rapid Wien hat damals das End­spiel mit 0:1 gegen Paris St. Ger­main ver­loren. War die Ent­täu­schung groß, oder waren Sie froh, über­haupt so weit gekommen zu sein?
Natür­lich waren wir sehr ent­täuscht. Es mag aber sein, dass wir nicht die rich­tige Ein­stel­lung zu diesem Finale fanden, weil wir zu viel daran dachten, was wir bereits erreicht hatten.

Stand zu diesem Zeit­punkt schon fest, dass Sie zum FC Bayern gehen? 
Nein, aber es gab ein Angebot.

Wer ist auf die Idee gekommen, Sie zu den Bayern zu holen? 
Wolf­gang Dremmler, der neue Chef­scout. Ich war sein erster Deal.

Wie ist der FC Bayern an Sie her­an­ge­treten? 
Franz Becken­bauer hat ange­rufen.

Becken­bauer? 
Ja, eines Tages war er auf meiner Mailbox.

Haben Sie nicht geglaubt, dass es sich um einen Stim­men­imi­tator han­delt? 
Erst schon. Aber beim zweiten Anruf habe ich gedacht, ich sollte viel­leicht mal besser zurück­rufen.

Was hat Becken­bauer gesagt? 
Hier spricht der Franz Becken­bauer, Prä­si­dent vom FC Bayern, bitte um Rückruf in Kitz­bühel, bin bis 22 Uhr zu errei­chen“, so was in der Art. Und das habe ich dann gemacht.

War es kein Risiko, zum FC Bayern zu gehen? Viele junge Talente sind dort geschei­tert. 
Sicher, doch was wäre gewesen, wenn ich diese Chance nicht genutzt hätte? Dann würden wir jetzt hier wahr­schein­lich nicht sitzen.

Haben Sie bei den Bayern keinen Kul­tur­schock erlebt? 
Natür­lich war alles extremer: die vielen Kame­ra­teams, die Zei­tungen. Doch ich stand ja zu Anfang nicht so im Fokus, das waren Klins­mann und Riz­zi­telli. Ich wurde eher als Stürmer für die Zukunft geholt. Den Chris­tian Ner­linger und den Didi Hamann kannte ich vom Junio­ren­na­tio­nal­team, mit denen konnte ich ganz normal reden. Und ansonsten ist auch bei den Bayern der Ball rund.

Was können Sie jungen Spie­lern, die dorthin gehen, emp­fehlen? 
Sie müssen geduldig sein. In meiner ersten Saison hatte ich zwanzig Kurz­ein­sätze, zuerst meist nur über fünf Minuten, doch zum Ende hin wurde es länger. Da habe ich gemerkt, dass es vor­an­geht. Und nach dem nor­malen Trai­ning hat Gio­vanni Tra­pat­toni, der Mister, mit Alex Zickler und mir immer noch eine Stunde dran­ge­hängt.

Ist es normal, dass sich ein welt­be­rühmter Coach nach dem Trai­ning noch um die jungen Spieler küm­mert? 
Nein, aber das war sein Augen­merk. Der hat das jeden Tag gemacht, von mon­tags bis don­ners­tags, und wenn es nur Tech­nik­übungen waren. Das macht ihn aus, er sieht in einem Kader nicht nur die Nummer 1 bis 13, son­dern alle, von der 1 bis zur 25.

In den Jahren danach wurden Sie Stamm­spieler und haben in der Cham­pions League sowohl die denk­wür­dige Final­nie­der­lage 1999 gegen Man­chester United als auch den Tri­umph gegen Valencia zwei Jahre später erlebt. Wie groß war die Genug­tuung, das Trauma zu über­winden? 
Man muss berück­sich­tigen, dass wir 2001 fast mit der glei­chen Truppe gewonnen haben. Im Jahr dazwi­schen waren wir im Halb­fi­nale geschei­tert, und es war klar, dass dies unsere letzte Chance mit dem Kader sein würde. Danach wäre die Mann­schaft ver­mut­lich zu alt gewesen, und ohnehin ist die Luft raus, wenn du dreimal nach­ein­ander knapp schei­terst.

Gegen Valencia hat der FC Bayern im Elf­me­ter­schießen gewonnen, zudem 2000 und 2001 sehr glück­lich die Deut­sche Meis­ter­schaft geholt. Kann man sagen, dass der Fuß­ball­gott die Bayern für das Man­chester-Drama in den Jahren danach reich­lich ent­schä­digt hat? 
Wir haben uns nicht beschwert. (lacht)

Die letzte Halb­zeit der Saison 1999/2000 haben Sie in der Kabine ver­bracht. 
Wir mussten gegen Werder Bremen gewinnen, das hätte aber alles nichts genutzt, wenn Lever­kusen in Unter­ha­ching unent­schieden gespielt hätte. Ich musste zur Halb­zeit raus, weil ich mich ver­letzt hatte. Draußen vor der Tür lief der Fern­seher, auf dem die Ordner schauten. Plötz­lich fiel das 1:0 für Unter­ha­ching, danach habe ich mich nicht mehr aus der Kabine getraut, weil ich Angst hatte, dass dann etwas schief laufen würde. Reiner Aber­glaube.

Muss eine lange Drei­vier­tel­stunde gewesen sein. 
Das können Sie laut sagen! Es gibt ja Auf­nahmen von Jens Jere­mies, der oben auf der Tri­büne sitzt und das totale Ner­ven­bündel ist. So unge­fähr ging es mir in der Kabine auch. Erst nach dem 2:0 für Unter­ha­ching bin ich raus­ge­rannt. Das ganze Sta­dion hat vibriert, es war groß­artig.

Und 2001, als Schalke Meister der Herzen“ wurde? 
Unser Spiel in Ham­burg hatte später ange­fangen, weil fast zwei Kilo Bananen in den Straf­raum von Oliver Kahn geflogen waren. Des­halb wurde bei uns immer noch gespielt, als auf Schalke schon Schluss war. Und dann gab es diesen Frei­stoß, den Patrik Andersson zum 1:1 ver­wan­delt hat. Da, wo er den Ball hin­ge­schossen hat, geht der nor­ma­ler­weise nicht rein. Oder viel­leicht einer von hun­dert Bällen.

Hatten Sie Mit­leid mit den Schal­kern? 
Nein, man sagt ja nicht: Schade, dass wir Meister geworden sind! Außerdem mussten wir die Kon­zen­tra­tion gleich auf das Cham­pions-League-Finale gegen Valencia lenken, das wenige Tage später statt­fand.

Die Form der Jahre 1997 bis 2001 haben Sie später nie wieder erreicht. Waren Sie bereits über Ihren Zenit hinaus? 
Ich war ja erst 27. Aber mög­li­cher­weise gibt es nach so inten­siven Jahren eine Sät­ti­gung, die man sich nicht ein­ge­stehen will. Und dann fehlen am Ende fünf oder zehn Pro­zent.

Trotzdem sind Sie 2002 mit zur Welt­meis­ter­schaft nach Japan und Süd­korea gefahren. Nach dem Vor­runden-Aus bei der Euro 2000 hatte Rudi Völler die Natio­nalelf von Erich Rib­beck über­nommen. 
Ja, er und Michael Skibbe. Vor der WM war der Druck groß, weil es natür­lich darum ging, sich für 2000 zu reha­bi­li­tieren. Die­je­nigen, die wie ich sei­ner­zeit schon dabei gewesen waren, wollten so etwas auf keinen Fall noch einmal erleben.

Franz Becken­bauer hat immer gesagt Geht’s raus und spielt Fuß­ball“, Jogi Löw plant heute akri­bisch jedes tak­ti­sche Detail. Wie war Rudi Völler als Bun­des­trainer? 
Als Welt­meister war er natür­lich eine Respekts­person. Mit Skibbe hatte er einen guten Partner, der die tak­ti­schen Dinge vor­ge­geben hat.

Völler war also nicht gerade ein Stra­tege? 
Rudi Völler hat uns ins Finale gebracht, also hat er seinen Job sehr gut gemacht. Ich bin her­vor­ra­gend mit ihm aus­ge­kommen und finde es wichtig, wenn ein Trainer der Mann­schaft ein gutes Gefühl gibt.

Ihr Tor im ersten Spiel gegen Saudi-Ara­bien und der anschlie­ßende Jubel mit nacktem Ober­körper haben Sie in Asien zu einem Star gemacht. Haben Sie davon wäh­rend des Tur­niers etwas mit­be­kommen? 
Nicht wirk­lich. Ich konnte ja die Schrift in den Zei­tungen nicht lesen und habe nur die Fotos gesehen. Aber in der Bild“-Zeitung war die Auf­nahme auch auf der ersten Seite, und das hat mir gut getan. Beim letzten Vor­be­rei­tungs­spiel in Frei­burg hatten die Leute gesungen Ohne Jancker fahren wir zur WM“, das hatte mich schon ein biss­chen getroffen. Der Druck hat sich dann in diesem Tor­jubel ent­laden.

Die Popu­la­rität in Asien hatte aller­dings weniger mit dem Tor zu tun als mit Ihrer Statur. 
Wahr­schein­lich waren die Asiaten keine großen glatz­köp­figen Deut­schen gewohnt.

Gab es Fan­post von dort? 
Die gibt es heute noch. Wahr­schein­lich wäre es noch mehr, wenn ich noch ein, zwei wei­tere Tore gemacht hätte. Nach der Vor­runde habe ich ja nicht mehr gespielt, doch zum Glück sind wir trotzdem ziem­lich erfolg­reich gewesen – wenn man von der Final­nie­der­lage mal absieht.

Wie sehr hat Ihnen Ihr Münchner Team­kol­lege Oliver Kahn leid getan, dem ein grober Fehler unter­lief, der aber zuvor die Final­teil­nahme durch seine Leis­tung über­haupt erst mög­lich gemacht hatte? 
Er hat sicher eine über­ra­gende WM gespielt, doch es gehören 23 Spieler plus das Team drum herum dazu, ins Finale zu kommen. Nach einer sol­chen Nie­der­lage ist ohnehin jeder mit sich selbst beschäf­tigt.

Haben Sie sich eigent­lich gewun­dert, dass Deutsch­land mit diesem Team ins End­spiel gekommen ist? 
Warum? Ich war von dieser Mann­schaft über­zeugt.

Von ihrer men­talen Stärke oder dem fuß­bal­le­ri­schen Können? 
Wenn ich sage, ich will Welt­meister werden und kann mir das vor­stellen mit dieser Mann­schaft, ist es doch egal, wovon ich aus­gehe.

Nach der WM war es mit Ihrer Kar­riere in der Natio­nal­mann­schaft vorbei. 
Ich habe noch zwei Spiele gemacht, das letzte beim 2:1 in der EM-Qua­li­fi­ka­tion gegen die Färöer. Ich war im Sommer zu Udi­nese Calcio gegangen und dieser Wechsel hat mir nicht gut getan.

Woran lag das? 
Ich habe ein­fach schlecht gespielt.

Warum? 
Ich habe die ersten zehn Spiele von Anfang an gemacht, aller­dings nicht getroffen. Und als ich mich gerade mit dem ita­lie­ni­schen Fuß­ball ange­freundet hatte, fiel ich wegen einer Scham­bein­ver­let­zung acht Monate aus. Danach bin ich kör­per­lich nie mehr auf das Level gekommen, das ich für mein Spiel benö­tige. Bei Bayern war ich nicht umstritten. Einen Fuß­ball­gott“ gab es dort bis dahin noch nicht, das muss man sich erst mal erar­beiten.

Und der Rest der Repu­blik? 
Das hatte damit zu tun, wie ich Fuß­ball gespielt habe.

Manche haben Ihr Spiel als unsauber gebrand­markt. Es gibt ein Lied von den Prinzen“ … 
Du musst ein Schwein sein auf dieser Welt“, ja ja. Ich glaube aber, ich war nie unfair. Natür­lich gibt es Fouls, die ich lieber ver­mieden hätte, doch die sind nie mit Absicht geschehen. Ich habe gut aus­ge­teilt und gut ein­ge­steckt, bin aber nie lie­gen­ge­blieben und habe auf den Doktor gewartet – außer, wenn es mal richtig weh tat.

Den­noch waren Sie für Bay­ern­hasser über Jahre ein beliebtes Feind­bild. 
Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich viele Tore geschossen habe.

Das hat Mehmet Scholl auch, den haben aber trotzdem alle gemocht. 
Der war aber auch bloß 1,70 Meter groß. Wenn ich einen Press­schlag gemacht habe und der Gegner flog drei Meter durch die Luft, konnte ich ja nichts dafür. Den Schuh, unfair gespielt zu haben, ziehe ich mir nicht an.

2000 sorgten Sie für Auf­sehen, als Sie nach einem Tor zum dama­ligen Lever­ku­sener Coach Berti Vogts rannten und laut Vogts, du Arsch­loch!“ brüllten. Was hatte der Ihnen getan? 
Eigent­lich gar nichts. Er hatte mich als Bun­des­trainer nicht mit zur WM 1998 genommen und auch danach beim Neu­aufbau nicht berück­sich­tigt, das habe ich als Vor­wand genommen. Es war ein wich­tiges Spiel gegen Lever­kusen, da pusht man sich und ver­sucht, noch aggres­siver zu werden, und weil ich mit den Lever­ku­sener Spie­lern sehr gut auskam, habe ich mir Berti Vogts raus­ge­pickt. Nach meinem Tor ist diese Pro­jek­tion irgendwie mit mir durch­ge­gangen.

Eine Zeit­lang wurde Ihnen eine Nähe zum rechts­ra­di­kalen Milieu nach­ge­sagt, einige Neo­nazis unter den Bayern-Anhän­gern skan­dierten damals gerne Carsten Jancker, unser Führer!“ 
Ich habe diese Geschichte leider nicht so ernst genommen, wie sie sich nachher ent­wi­ckelt hat. Uli Hoeneß hat damals öfter mit mir gespro­chen, ob ich mir nicht die Haare wachsen lassen will, was ich dann auch getan habe. Heute würde ich anders mit der Sache umgehen: Ich würde früher ent­schieden den Gerüchten ent­ge­gen­treten, mir aber nie wieder vor­schreiben lassen, wie ich meine Haare zu tragen habe.

Uli Hoeneß hat es wahr­schein­lich gut gemeint. 
Aber es war mein Ritual, mir vor dem Spiel mit der Maschine den Schädel zu rasieren. Heute würde ich mit Uli Hoeneß ver­ab­reden, in dieser unse­ligen Nazi­sache tätig zu werden, ohne meinen Typ zu ver­än­dern. Warum will man Carsten Jancker ver­än­dern, wenn man Carsten Jancker ein­ge­kauft hat?

Ist das meck­len­bur­gi­sche Stur­heit? 
Man kann das stur nennen, aber auch gerad­linig. Außerdem war ich auch mit Haaren immer noch 1,93 Meter groß und hatte blaue Augen. Und eine Toni-Polster-Matte hätte ich mir ohnehin nie wachsen lassen.

Hätte Ihr Haar­wuchs die denn her­ge­geben? 
Das schon. Aber ich habe mich mit Locken nie wohl gefühlt.