Ich bin undankbar. Ich weiß das, aber so ist es. Ich gestehe, dass ich mir selber unan­ge­nehm bin, wenn ich erzähle, dass es mir als Sport­jour­na­list keinen Spaß bringt, Spiele der deut­schen Natio­nal­mann­schaft zu begleiten. Gene­rell ist Sport­jour­na­list ein Spit­zen­beruf, keine Frage. Wie andere Berufe hat auch der Job Höhen (davon gibt es tat­säch­lich viele) und Tiefen (davon gibt es wenige). Und genau in die Kate­gorie der unbe­liebten Tätig­keiten gehört für mich, Spiele redak­tio­nell im Sta­dion zu begleiten.

Grob gesagt, unter­scheidet sich der beruf­liche Aus­flug ins Sta­dion von einer pri­vaten Aus­wärts­fahrt durch drei Punkte: kein Alkohol, kaum Emo­tionen, dafür Stress. Und statt Freunde, begleiten einen Jour­na­listen, von denen einige der Per­si­flage Horst Schläm­mers doch sehr ähneln. Wer will schon nach dem Spiel in der Mixed Zone lauern und mit ver­schwitzten Kol­legen um die besten Plätze wett­drän­geln? Und wer will danach in Hetze einen Bericht, eine Ana­lyse oder einen Kom­mentar zu schreiben, der spä­tes­tens zwei Stunden nach Abpfiff auf dem Tisch einer Redak­tion landen muss?

Gleich nach dem Som­mer­mär­chen-Hype ging es nach San Marino

Genug der Jam­merei. Es geht auch anders. Wie im Sep­tember 2006, zwei Monate nach der Welt­meis­ter­schaft in Deutsch­land, zwei Monate nach DJ Asa, Huuuuuth-Hype und der Jogi Löws. Da wurde ich nach San Marino berufen, um über das EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen die Deut­sche Natio­nal­mann­schaft zu berichten. Vier Tage lang beglei­tete ich dieses Mal Bal­lack, Klose und Co.

Viel­leicht lag es an der erfolg­rei­chen WM, viel­leicht am tou­ris­ti­schen Rei­se­ziel, dem Spät­sommer oder auch ein­fach daran, dass der Gegner nun wahr­lich kei­nerlei Ängste her­vor­rief. Statt der Ange­spannt­heit der WM herrschte gera­dezu hedo­nis­ti­sche Locker­heit. Und so wurde aus dem Tripp eine Reise, die in der Retro­spek­tive als Ver­gnü­gungs-Resort anmutet: Blauer Himmel, beste Laune, weiß­bei­nige Tou­risten wohin man schaut, Gelati und Espresso im Stun­den­takt.

Das Hotel der Natio­nal­spieler lag direkt in Rimini

Schon die Unter­kunft war prima. Wir erin­nern uns: San Marino liegt als Enklave mitten in der ita­lie­ni­schen Region Emilia-Romagna. Genauer gesagt, keine 15 Kilo­meter von der Adria­küste ent­fernt. Das Hotel der Natio­nal­mann­schaft und uns Jour­na­listen lag direkt in Rimini – dem tou­ris­ti­schen Hot­spot der 1950er und 1960er Jahre.

Doch statt Rem­mi­demmi-Rimini strahlte der Ort viel­mehr den Charme einer schwarz-weiß Post­karte der Kuri­schen Neh­rung aus. Die schlimmsten Pro­me­naden-Bau­sünden von Damp 2000 paaren sich dort mit dem Ver­fall ver­las­sener ost­deut­scher Dörfer. Eine herr­lich skur­rile Kulisse.

Und inmitten der nicht mehr so strah­lenden Pro­me­naden spielte sich das Leben dieser vier Tage über­wie­gend ab. Dort oder am Strand traf man sich mit Kol­legen. Wäh­rend in der Regel die Natio­nal­spieler vor den Spielen kaser­niert werden, erhielt die Kicker­elite tag­täg­lich freien Aus­gang. So trafen wir dann auch mal den Schweini und Poldi (die damals ernst­haft so auch ange­spro­chen wurden) bum­melnd in ihrem kurzen DFB-Dress zwi­schen Eis­dielen und Sou­ve­nir­händ­lern an. Damals grinsten sie und flachsten beide noch dau­er­haft und gaben Rimini die gute Laune zurück, die es die Jahr­zehnte zuvor scheinbar ver­loren hatte.

Die Hoff­nungs­träger Hitzl­sperger und Manuel Fried­rich

Diese Urlaubs­stim­mung über­trug sich auf das sport­liche Geschehen. Es sollte 0:13 aus­gehen, eins­tige Hoff­nungs­träger wie Hitzl­sperger und Manuel Fried­rich trafen damals. Auch Arne Fried­rich spielte mit.

Durch­schnitt­lich fiel jedes Tore nach weniger als sieben Minuten. Aber allein zwi­schen der 64. und 73. Minute traf das DFB-Team vier Mal (0:8 Poldi, 0:9 Hitzl­sperger, 0:10 Poldi 0:11 Hitzl­sperger). Ich war mir nie so sicher, ob die Anzei­gen­tafel tat­säch­lich den aktu­ellen oder einen alten Spiel­stand angab. Wäre ich wäh­rend der Partie aufs Klo gegangen, hätte ich womög­lich ein oder zwei Tore ver­passt. Dann hätte ich die anderen Jour­na­listen, nach dem wer, wie und wann fragen müssen.

Aber die wussten spä­tes­tens in der zweiten Halb­zeit auch nicht mehr genau den Spiel­stand und Tor­schützen. Sogar die Kol­legen einer Nach­rich­ten­agentur riefen einmal in ihrer Redak­tion in Deutsch­land an, um sich den Stand von einem Mit­ar­beiter durch­geben zu lassen, der das Spiel am Fern­seher beglei­tete.

Wir waren ein ver­peilter Haufen

Bei allen anderen Spielen, die ich mit­er­lebt habe, wäre uns der Schweiß auf der Stirn aus­ge­bro­chen, wir wären in Hektik geraten oder hätten uns geschämt, den Über­blick ver­loren zu haben. Doch wäh­rend dieses Abends in Ser­ra­ville, der größten Sied­lung San Marinos, gefielen wir uns darin, nicht immer auf Ball­höhe zu sein. Wir waren ein ver­peilter Haufen.

Mein Nachbar staunte wäh­rend der Partie immer wieder über das Duo Fried­rich und Fried­rich (Manuel und Arne) auf dem Platz. Scheinbar fühlte er sich stets an die tsche­chi­sche Kin­der­serie Luzie, der Schre­cken der Straße“ erin­nert. Dort gibt es zwei Knet­männ­chen mit den Namen Fried­rich & Fried­rich“, die ständig für Chaos sorgen. Mein Kol­lege fand das wohl witzig und über­trug das als Ana­logie auf das Spiel. Was kei­nes­falls passte. Egal.

Fast hätte Jens Leh­mann einen Elf­meter getreten

Das Spiel endete mit einem Straf­stoß in der 90. Minute. Im Schwung des Über­muts wurde Jens Leh­mann von Fans und Spie­lern auf­ge­for­dert, den Straf­stoß treten. Doch auf der Hälfte des Weges zum geg­ne­ri­schen Straf­stoß fiel ihm auf, dass diese Aktion doch allzu respektlos und hoch­näsig gewesen wäre. Und so durfte Bernd Schneider eins seiner wenigen Tore in der Natio­nald­ress erzielen. Irgendwie war das ein har­mo­ni­scher Aus­klang, wir alle gönnten es dem Schnix“, der ja sonst so wenig traf.

Nach dem Spiel trafen wir Jour­na­listen die Spieler, ent­spre­chend der lau­schigen Stim­mung, unter im Wind raschelnden Bäumen. Nur ein nie­der­ge­tram­peltes Absperr­band mar­kierte diesen Bereich zu einer gedachten Mixed Zone, die nun aller­dings eher eine Open Zone war. Es bil­deten sich kleine Grüpp­chen, man scherzte und klopfte sich auf die Schulter. Ich bin mir sicher, dass Caspar-David Fried­rich aus der Szene einen Klas­siker der Romantik gemacht hätte.

So viel Nähe war selten, so viel Offen­heit nie

Wir ver­ab­schie­deten die Spieler und wünschten viel Spaß auf der Rück­reise im Bus ins Hotel. So viel Nähe war selten, so eine Offen­heit nie. Es hätte mich nicht gewun­dert, wenn die Spieler uns gebeten hätten, mit ihnen im Bus Karten zu zocken oder Play­sta­tion zu dad­deln oder was auch immer Spieler im Bus so machen.

Es war ein schöner Aus­klang und mir war klar, dass es als Sport­re­porter nicht mehr zu holen gab als her. WM-Som­mer­mär­chen, Cham­pions League-Finale oder El Cla­sico hin oder her. Nie war es schöner als in San Marino.