Am Samstag werde ich Abschied nehmen. Abschied nach dreißig Jahren. Dass die Bayern zu meiner kleinen, pri­vaten Trau­er­feier in den Borussia-Park kommen, ist ein netter Zug. Borussia Mön­chen­glad­bach gegen Bayern Mün­chen, das hört sich zumin­dest noch an wie ein rich­tiges Bun­des­li­ga­spiel. Ist es natür­lich nicht, allen­falls die Illu­sion davon. Seit Sonntag steht fest, dass die Glad­ba­cher absteigen. Und seit Sonntag steht fest, dass für mich der Fall ein­tritt, den ich mir vor ein paar Jahren nicht hätte vor­stellen können.

Ich werde kein Fan von Borussia Mön­chen­glad­bach mehr sein.

Vier Jahre ist es her, Borussia spielte mal wieder gegen den Abstieg, aber irgendwie hat mich das damals mehr ver­drossen als in den Jahren zuvor. Wenn Borussia absteigt, höre ich auf, Fan zu sein“, sagte ich zu Bov, einem Bekannten, eben­falls Borus­senfan. Das geht nicht“, ant­wor­tete er. Doch“, sagte ich. Ich meine das ernst.“

Ich weiß nicht, ob ich damals wirk­lich schon so weit war. Borussia schaffte es dann doch wieder. Genauso wie im Jahr danach. Und im Jahr danach.

Eine Erlö­sung, nicht mehr Borus­senfan sein zu müssen

Damit mich nie­mand falsch ver­steht: Es geht nicht um Trotz. Ich muss mir auch nichts beweisen (na gut, viel­leicht doch). Ich emp­finde es wie eine Erlö­sung, nicht mehr Borus­senfan sein zu müssen. Am ver­gan­genen Wochen­ende saß ich in Aachen auf dem Tivoli, um über das Spiel Hertha gegen Ale­mannia zu berichten; fünfzig Kilo­meter Luft­linie ent­fernt spielte Borussia gegen Stutt­gart um die aller­al­ler­letzte Chance auf den Klas­sen­er­halt. Früher hätte ich das Gefühl gehabt, am fal­schen Ort zu sein. Jetzt berührte es mich kaum noch.

Unter Fuß­ball­fans gilt es als Tod­sünde, seinem Verein in schlechten Zeiten den Rücken zu kehren. Man muss als Anhänger von Arminia Bie­le­feld durch die ost­west­fä­li­sche Pro­vinz getourt oder mit For­tuna Düs­sel­dorf auf die Bezirks­sport­an­lage von Ger­mania Teveren ein­ge­fallen sein, um in seinem Fana­tismus für seinen Verein wirk­lich ernst genommen zu werden. Aber ich wehre mich mit aller Vehe­menz gegen den Vor­wurf, Schön­wet­terfan zu sein. Ich habe die Zweite Liga mit­ge­macht, ich habe ein erbärm­li­ches 1:2 zu Hause gegen Ahlen erlebt und ein depri­mie­rendes 0:4 in Mann­heim. Für eine glaub­wür­dige Fan­bio­grafie muss ich nicht mehr absteigen.

Als ich 1977, mit knapp sieben Jahren, Fan von Borussia Mön­chen­glad­bach wurde, gehörte die Mann­schaft zu den besten fünf in Europa. Gleich in meinem ersten Jahr wurde ich Deut­scher Meister, vier Tage später stand ich im Finale um den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister, holte den Uefa-Cup, und als ich mich gerade daran gewöhnt hatte, dass Borus­sen­fans jedes Jahr etwas zu feiern haben, war es auch schon wieder vorbei. Was ich damit sagen will: Ich habe in den ver­gan­genen 25 Jahren mit meinem Verein nicht weniger gelitten als ein Bie­le­felder, der seiner Arminia bis in die Ober­liga gefolgt ist. Nur auf höherem Niveau.

Die Zweite Liga ist nicht lustig

Für einen großen Verein wie Borussia Mön­chen­glad­bach mag die Zweite Liga beim ersten Mal noch ganz lustig sein, von wegen Der Mythos gibt sich die Ehre“ und so. Aber schon das zweite Jahr ist eine Kata­strophe. Man muss des­halb auch keine Hoch­ach­tung vor den Köl­nern haben, die selbst nach ihrem vierten Abstieg noch so tun, als wäre es der erste. Unser Mit­leid ver­dienen sie! Die Zweite Liga ist nicht lustig. Ich hasse sie. Ich hasse die unwür­digen Über­tra­gungen im DSF, in denen der Fuß­ball die Lücken zwi­schen der Dau­er­wer­be­be­rie­se­lung füllen muss. Und ich hasse die blöden Spiel­ter­mine, vor allem den Montag. Mein Ver­trag gilt nicht für die Zweite Liga. Anders als der von Mar­cell Jansen.

Wir sind doch nicht Fans der Mann­schaft, son­dern Fans des Ver­eins“, sagt mein Freund Jürgen. Aber macht es das besser? Gerade weil ich Fan des Ver­eins und seiner Geschichte bin, fällt mir der Abschied nicht schwer: Ich erkenne den Verein meiner Kind­heit und Jugend näm­lich nicht mehr wieder. Borussia ist ein see­len­loses Gebilde geworden. In 23 Jahren beschäf­tigte der Verein drei Trainer, das schaffen sie inzwi­schen locker in einem. Die Mann­schaft, die einmal für den schönsten Fuß­ball Europas stand, spielt jetzt den grau­sigsten der Bun­des­liga. So viele Tore, wie Borussia in der Rück­runde erzielt hat (neun), schoss sie früher an guten Tagen in einem ein­zigen Spiel.

Im modernen Fuß­ball kann man manchmal die ver­zwei­felten Ver­suche der Fans aus der Kurve beob­achten, wie sie mit Ersatz­hand­lungen gegen das Gefühl ihrer Ohn­macht ankämpfen. Die Anhänger von Hertha BSC haben im ver­gan­genen Sommer eine hart­nä­ckige Aktion gegen ein neues Wappen auf dem Trikot ihrer Mann­schaft gestartet. Das ist aller Ehren wert, doch in Wirk­lich­keit ging es gar nicht um das Wappen, son­dern gegen Dieter Hoeneß, dessen All­macht und den Primat des Kom­merzes. Für die Ver­eins­un­ter­nehmen sind die Fans in der Kurve schon lange nicht mehr Teil des Spiels, son­dern nur noch als Kunden inter­es­sant. Was spricht also dagegen, wenn wir uns auch wie Kunden ver­halten, wie mün­dige Kon­su­menten? Nie­mand ist gezwungen, eine Ware zu kaufen, die uns seit Jahren nichts als Ärger bereitet.

Ich habe in der jün­geren Ver­gan­gen­heit genü­gend Zumu­tungen meines Lieb­lings­ver­eins ertragen, ohne daraus den einzig logi­schen Schluss zu ziehen. Ich bin Borusse geblieben, als der Verein den Ehr­geiz hatte, alle ver­let­zungs­an­fäl­ligen Spieler Europas über 32 zu ver­pflichten. Ich habe die ver­wirrte Per­so­nal­po­litik klaglos erlitten, mit der Prä­si­dent Königs seine Sehn­sucht nach großen Namen befrie­digen wollte. Ich habe sogar das Zer­stö­rungs­werk des Jupp Heynckes gegen die unflä­tige Kam­pagne der Bou­le­vard­presse ver­tei­digt. Ich habe Jeff Strasser ertragen und Milan Fukal, Pascal Ojigwe, Jörg Böhme und Kahe und vor allem Peter Pander. Zweimal in all den Jahren habe ich mich geschämt, Borus­senfan zu sein: zum ersten Mal, als Hannes Bon­gartz die Nach­folge von Bernd Krauss antrat, und dann, als Pander Sport­di­rektor wurde.

Unter­schätzt meine Wut nicht!

Es ist ein biss­chen unfair, dass mein Lie­bes­entzug nun Leute trifft, die die Situa­tion nicht zu ver­ant­worten haben. Chris­tian Ziege scheint als Sport­di­rektor im Rahmen seiner nicht vor­han­denen Mög­lich­keiten einen ordent­li­chen Job zu machen, und über Jos Luhukay, den Trainer, hat Ziege gesagt, er wäre froh gewesen, wenn er als Spieler unter ihm hätte trai­nieren dürfen. Auch unab­hän­gige Beob­achter trauen Luhukay eine über­durch­schnitt­liche bis glän­zende Kar­riere als Trainer zu. Ich fürchte nur, er wird sie nicht bei Borussia machen; ich würde sogar fast wetten, dass er das Ende der kom­menden Saison nicht im Amt erlebt. Das wäre ja nicht unge­wöhn­lich für Borussia.

Der Verein hat jetzt ein Jahr Zeit, sich meine Liebe zurück­zu­ver­dienen. Ich werde nicht dabei sein, wenn er in Aue spielt, gegen Köln und Kai­sers­lau­tern. Ich bin fest ent­schlossen, ein Leben ohne Borussia zu führen. Ich wette hun­dert Euro, dass du das nicht schaffst“, sagt mein Freund Pietje. Unter­schätzt meine Wut nicht!

Seit ein paar Jahren spiele ich mon­tag­abends selber Fuß­ball, immer von acht bis zehn. Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern.