Jörg Berger, der Job als Trainer ver­langt Ihnen viele Kom­pro­misse ab. Trotzdem hat man ange­sichts Ihrer Vita den Ein­druck, Sie hätten sich stets eine gewisse Unab­hän­gig­keit erhalten?

Ich habe es zumin­dest ver­sucht. In der DDR habe ich sehr dar­unter gelitten, nicht frei ent­scheiden zu können. Ich hasste es, dass Ent­schei­dungen, die ich fällte, immer mit dem Risiko ver­bunden waren, poli­tisch nicht kon­form zu sein. Es ist ein schlechtes System, wenn dir stets jemand sagt, was du tun musst. Des­halb bin ich 1979 geflüchtet – um frei zu sein und nicht, um im Fuß­ball viel Geld zu ver­dienen.



Wurden Sie nach ihrer Flucht in der BRD als Coach sofort hofiert? Schließ­lich sollten Sie in der DDR Natio­nal­trainer werden.

Im Gegen­teil. Um in West­deutsch­land als Coach arbeiten zu können, musste ich die gesamte Trai­ner­aus­bil­dung nach­holen – obwohl ich sie in der DDR bereits absol­viert hatte. In Darm­stadt, meiner ersten Trai­ner­sta­tion, ergab sich noch ein wei­teres Pro­blem durch meine Her­kunft: Mein Co-Trainer war Klaus Schlappner – und hielt mich, den ehe­ma­ligen Ossi, für einen Kom­mu­nisten. Das hat unsere Zusam­men­ar­beit auch nicht gerade ver­bes­sert…

Sie genießen gemeinhin den Ruf als Feu­er­wehr­mann. Wie kommt ein Trainer dazu?

Vom Beginn meiner Kar­riere habe ich immer unru­hige Ver­eine trai­niert, und meis­tens ist es mir gelungen, sie zurück in die Erfolgs­zone zu führen. In der Fuß­ball­szene weiß man also, dass ich dem Druck im Abstiegs­kampf gewachsen bin. So eine Situa­tion kennen nicht viele Trainer. Bedenken Sie nur, dass der Druck im Abstieg viel größer ist als im Titel­rennen. Inso­fern kann ich gut mit dem Image leben – denn als Trainer ist es wichtig, über­haupt ein Image zu haben. Sonst würde mich näm­lich keiner anrufen.

Haben Sie den Ein­druck, dass Ihre Arbeit als Trainer manchmal zu wenig gewür­digt wird?

Ich habe vier Ver­eine von einem Abstiegs­platz in den UEFA-Cup geführt. Das ist in etwa so, als würde ich eine Mann­schaft aus dem Tabel­len­mit­tel­feld zur Meis­ter­schaft führen. Aber ohne Titel gilt man nun einmal nicht als großer Trainer.

Was macht Ihres Erach­tens einen großen Trainer aus?

Ein Coach sollte daran gemessen werden, was er bei einem Verein hin­ter­lässt. Ein Bei­spiel: Ich wurde bei Ein­tracht Frank­furt ent­lassen, mir folgte Dra­goslav Ste­pa­novic nach und wurde mit dem Team fast Meister. So würde ich behaupten, bei fast allen Sta­tionen eine intakte Mann­schaft hin­ter­lassen zu haben.

Welche Ent­las­sung hat Ihnen beson­ders weh getan?

Bei meinem ersten Enga­ge­ment in Frank­furt 1991 und in Schalke 1996 hing ich sehr an den Mann­schaften. Mir war genau bewusst, wel­ches Poten­tial dort vor­handen war. In sol­chen Situa­tionen ist es natür­lich beson­ders bitter, seinen Hut zu nehmen.

Was ist als Trainer bei der Über­nahme eines neuen Klubs beson­ders zu beachten? Sie müssen es wissen, schließ­lich bli­cken Sie auf 20 Sta­tionen zurück.

Das hängt natür­lich immer von der Situa­tion ab, in der sich ein Mensch befindet. Meinen ersten Ver­trag in West­deutsch­land bei Darm­stadt 98 musste ich auch des­halb machen, um über­haupt ins Geschäft zu kommen. Gene­rell kann ich aber rück­bli­ckend sagen: Der größte Fehler ist, eine Ent­schei­dung zu treffen, wenn man unter Zeit- und Geld­druck steht. Bevor man sich fest­legt, sollte ein Trainer in Ruhe die Gege­ben­heiten vor Ort kennen lernen und erst dann unter­schreiben, wenn er über­zeugt ist.

Haben Sie sich jemals zu schnell für einen Trai­ner­posten ent­schieden?

Einmal – und es war mein größter Fehler. Nachdem ich beim KSV Hessen Kassel auf eine ganz miese Tour ent­lassen wurde, habe ich sofort in Han­nover unter­schrieben.

Was für eine miese Tour“?

Von meiner Ent­las­sung erfuhr ich im Ski-Urlaub aus der Zei­tung. Das Prä­si­dium behaup­tete, es hätte mich nicht errei­chen können. Dann kam das Angebot aus Han­nover, ich spielte ein biss­chen auf Zeit, regelte in Kassel die Abfin­dungs­mo­da­li­täten und unter­schrieb tags darauf in Han­nover, die im Gegen­satz zu Kassel in der Bun­des­liga spielten.

Warum wurde Han­nover Ihr größter Fehler?

Es war eine Kata­strophe. Im Vor­stand saßen zwie­lich­tige Gestalten: ein Auto­händler und ein Rast­stät­ten­be­treiber. Nach zwei Monaten habe ich denen gesagt, dass ich für deren Gebaren nicht der Geeig­nete bin – und kün­digte. Davon war ein Auf­sichtsrat so beein­druckt, dass er mir, obwohl ich auf die Abfin­dung ver­zich­tete, noch einen Scheck mitgab.

Sie wurden meis­tens dann ent­lassen, wenn Sie mit einem Verein oben standen. Warum?

Ich habe ein gene­relles Pro­blem damit, wenn sich in erfolg­rei­chen Zeiten in einem Verein zuviel Locker­heit und mit­unter Arro­ganz breit machen. Und glauben sie mir, in jedem Verein, den ich trai­niert habe, hat sich Nach­läs­sig­keit ein­ge­schli­chen, wenn es gut lief. Da hätte ich es mir bestimmt leichter machen können.

Das heißt, auch wenn es gut läuft, ist die Situa­tion für einen Trainer schwierig.

In der Phase der Euphorie werden die meisten Fehler gemacht. In diesen Situa­tionen fiel es mir schwer, umzu­schalten und meine gewohnte Abstiegs­kampf-Härte auf­zu­geben. Im Abstiegs­kampf hat ein Trainer schließ­lich alle Voll­machten vom Vor­stand. Aber wenn es gut läuft, dann will jeder mit­reden.

Wie moti­viert ein Trainer Spieler im Abstiegs­kampf?

Manchmal musste ich schon ein wenig flun­kern. Nach meinem ersten Spiel mit Schalke, einer 0:5‑Niederlage in Lever­kusen, sagte ich bei der Pres­se­kon­fe­renz: Ich habe heute auch viel Posi­tives gesehen.“ Ganz ehr­lich, ich hatte nichts Posi­tives gesehen. Alles Schrott. Aber auf diese Weise habe die Spieler für die nächste Partie auf­ge­baut.

Wie äußert sich der Druck, der auf einem Trainer im Abstiegs­kampf lastet?

Alles schaut auf den Coach, alle im Verein hoffen, dass er den rich­tigen Weg findet, um die Misere zu beenden. Das ist schon sehr hart, und man braucht einige Zeit, um damit klar zu kommen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie nach einer wei­teren Nie­der­lage in die Geschäfts­stelle kommen und dort in die angst­vollen Gesichter der Mit­ar­beiter bli­cken, denen bei einem Abstieg die Ent­las­sung droht?

Kennen auch Sie den soge­nannten Tun­nel­blick, bei dem Trainer nicht mehr vom Fuß­ball abschalten können?

Nein. Ich konnte zum Glück vor jedem Bun­des­li­ga­spiel von 13 bis 14 Uhr fest schlafen. Auch abends nach der Partie habe ich so gut wie nie wach gelegen. Das lag womög­lich daran, dass ich an allen Sta­tionen meine Familie dabei hatte. Es gibt nichts, was mich mehr ent­lastet, als nach einer bit­teren Nie­der­lage mit meiner Frau essen zu gehen – denn diese sagt mir garan­tiert nicht, was ich beim Spiel hätte besser machen können.

Ihr Rezept zum Abschalten nach Been­di­gung eines Arbeits­ver­hält­nisses in der 1. oder 2. Liga?

Ich habe oft die Kinder aus der Schule genommen und wir haben zwei Wochen Urlaub gemacht – ohne Fern­sehen und ohne Zei­tung.

Erin­nern Sie sich an Ihre ärger­lichste Ent­las­sung?

In meiner Trai­ner­lauf­bahn gab es viele Situa­tionen, auf die ich keinen Ein­fluss hatte. Ich habe zum Bei­spiel bei For­tuna Düs­sel­dorf den Klas­sen­er­halt geschafft. Nach der Saison ver­ließen acht Stamm­spieler den Klub, und ich erhielt ein Angebot vom VfB Stutt­gart. In Loya­lität zum Vor­stand blieb ich aber und wollte meinen 2‑Jahresvertrag erfüllen. Aber zu Beginn der neuen Saison trat der Vor­stand zurück, und der Paten­onkel von Gerd Zewe, dem Spieler, mit dem ich den meisten Zoff hatte, wurde Prä­si­dent. Meine Tage waren gezählt.