Wenn man nicht gerade Fan von Hertha BSC war, hat man diese Woche mit dem von Jürgen Klins­mann ernannten Big City Club wirk­lich seinen Spaß haben können. Es gab einen via Face­book ver­kün­deten Rück­tritt des ehe­ma­ligen Natio­nal­trai­ners nach nur 76 Tagen, zu dem Hertha-Investor Wind­horst ges­tern sagte: Das kann man als Jugend­li­cher viel­leicht machen.“ Es gab eine mittel-wirre Ent­schul­di­gung von Klins­mann via Face­book-Live, in einer Sze­nerie, als sei er der letzte Gefan­gene der RAF. Und es gab ges­tern eine Pres­se­kon­fe­renz mit Hertha-Prä­si­dent Werner Gegen­bauer, dessen Kra­watte vage an die Sitz­be­züge in Ber­liner Bussen und U‑Bahnen erin­nerte. Und weil dit Janze vorher mit Multi-Mil­lionen und Big­sprech aus­ge­stattet worden war, hatte Klins­mann in der an Höhe­punkten sicher­lich nicht armen Geschichte wirrer Bun­des­li­gisten für einen echten Spit­zen­wert der Pein­lich­keit gesorgt.

Nun ist der gute Mann zwar weg, blö­der­weise muss Hertha BSC aber weiter Fuß­ball spielen. Dabei geht es in den nächsten Wochen gegen die Kon­kur­renz aus dem Tabel­len­keller: Köln kommt, es geht nach Düs­sel­dorf, und dann kommt Werder. Die Wochen der Wahr­heit beginnen aller­dings schon morgen, in Pader­born, was dann pas­sen­der­weise genau der Gegner ist, der für alles steht, wofür Hertha nicht mehr stehen will. Der Small City Club in seiner ble­chernen Arena bietet ein Billig-Team auf, gegen das man nur schlecht aus­sehen kann. An der Sei­ten­linie steht kein flam­boyanter Welt­trainer, son­dern mit Steffen Baum­gart eine knur­rige Type, ein Zupa­cker, der dafür sorgt, dass seine Under­dogs ein­fach nicht kaputt­zu­kriegen sind.

Nouris Bilanz? 21 Spiele ohne Sieg

Hertha hin­gegen wird nun von einem Trai­ner­ge­spann ange­führt, das mit der Emp­feh­lung von 21 Spielen ohne Sieg (in Serie!) in den Abstiegs­kampf startet. 13 Spiele ohne einen Dreier waren es für Alex­ander Nouri und seinen Assis­tenten Markus Feld­hoff bei Werder Bremen, acht kamen in der letzten Saison beim spä­teren Zweit­li­ga­ab­steiger FC Ingol­stadt hinzu. Sie haben die Unter­stüt­zung eines von und für Klins­mann kom­plett neu auf­ge­stellten Trai­ner­stabs (wobei der ursprüng­lich von Klins­mann geschasste Tor­war­trainer Szolt Petry wieder zurück­kehren durfte), in dem es mit Arne Fried­rich sogar einen Per­for­mance Manager“ gibt, der sich um so inter­es­sante Kon­zepte wie Under­water Work­outs“ küm­mert, Kraft­trai­ning unter Wasser.

Doch um nicht baden zu gehen, müssen Nouri und Co. erst einmal die Nach­wir­kungen des Klins­mann-Schocks mode­rieren. Zwar werden San­tiago Asca­sibar, Krzy­sztof Piatek und Matheus Cunha im Winter nicht nur wegen Klins­mann nach Berlin gewech­selt sein. Aber zumin­dest dürften sie sich nun die Frage stellen, in was für einem Laden sie eigent­lich gelandet sind. Da können sie eine Selbst­hil­fe­gruppe mit denen bilden, die schon länger da sind. Klins­mann wir­belte die Mann­schaft schließ­lich ganz schön durch­ein­ander – was ja irgendwie auch die Idee war.

War Nouri schon vorher ver­ant­wort­lich für Her­thas Beto­nier-Fuß­ball?

Niklas Stark war einer, der das beson­ders schmerz­lich erfahren musste. Wähnte der Innen­ver­tei­diger sich vor drei Monaten noch auf dem Weg zur Euro­pa­meis­ter­schaft, wurde der stell­ver­tre­tende Mann­schafts­ka­pitän unter Klins­mann in die zweite Reihe ver­setzt. Wie auch das gefei­erte Nach­wuchs­ta­lent Arne Meier lieb­äu­gelte er zwi­schen­durch mit einem Ver­eins­wechsel. Marvin Plat­ten­hard rutschte zuletzt eben­falls durchs Raster. Und was macht eigent­lich Salomon Kalou so? Ist er schon auf dem Weg nach Miami, gibt er bereits die eme­ri­tierte Legende, oder kickt er dem­nächst wieder?

Nun könnte man sagen, dass nach Klins­manns Abgang die Karten neu gemischt werden, aber so richtig dürfte das kaum pas­sieren. Schließ­lich führt mit Nouri einer die Arbeit fort, der die Ent­schei­dungen vorher auch schon mit­ge­tragen hat. Inso­fern haben wir hier den wun­der­baren Fall eines Trai­ner­wech­sels ohne den Vor­teil eines Trai­ner­wech­sels: Bei Hertha wird nicht alles auf Null gestellt. Außerdem steht sowieso die Frage im Raum, inwie­fern nicht Pro­jekt­leiter Klins­mann, son­dern Trainer Nouri die trei­bende Kraft hinter Her­thas Beto­nier-Fuß­ball war, der erstaun­lich alt­mo­disch daher kam, weil die Mann­schaft sich dabei tief in der eigenen Hälfte ein­bun­kerte. Dadurch wurden die Wege nach vorne weit, was auch dazu bei­trug, dass die Ber­liner kaum Chancen her­aus­spielten.

In den zugigen Weiten West­fa­lens werden sie in Pader­born auf eine Mann­schaft treffen, die so ziem­lich das genaue Gegen­teil ver­sucht. Dort zu spielen, ist nicht ver­gnü­gungs­steu­er­pflichtig. Aber Spaß gab es in dieser Woche in Berlin ja schon genug.