Oh, wie die Mäch­tigen fallen: In dieser Woche flog Chelsea als erster Titel­ver­tei­diger in der Grup­pen­phase aus der Cham­pions League. Und der Meister der Pre­mier League, Man­chester City, spielte die schlech­teste Runde eines eng­li­schen Teams aller Zeiten. Die mageren drei Punkte der Citi­zens waren eine noch schlim­mere Aus­beute, als die Black­burn Rovers in ihrem ein­zigen Cham­pions-League-Auf­tritt 1995/96 zu ver­zeichnen hatten. Damals brachten es die Black­burn-Team­kol­legen David Batty und Graeme Le Soux es fertig, nach vier Minuten Spiel­zeit gegen Spartak Moskau auf­ein­ander los­zu­gehen. Aber selbst die Rovers kamen mit vier Punkten zurück nach Eng­land. In jenes Land, das die Königs­klasse jah­re­lang domi­nierte und bei­spiels­weise 2009 drei der vier Halb­fi­na­listen stellte. Doch die Domi­nanz frü­herer Tage ist gebro­chen. Statt der Pre­mier League ist es die deut­sche Bun­des­liga, die zum Höhen­flug ansetzt.

In diesem Sinne war Chel­seas Tri­umph von Mün­chen so etwas wie das Ende einer Ära. Ein letztes Hurra der alten Garde, die es kurz vor dem Abdanken noch einmal allen zeigen wollte. Doch schon in der ver­gan­genen Spiel­zeit zeigte sich der Wandel, war Chelsea doch bereits im Vier­tel­fi­nale Eng­lands ein­ziger Ver­treter. Der finale Pau­ken­schlag der Blues“ in Mün­chen kann sich nun soagr ins Gegen­teil ver­kehren: Es scheint nicht aus­ge­schlossen, dass in dieser Saison ein deut­sches Team den Pott mit den großen Ohren in den Himmel reckt – und das in London.

Reus und Götze sind die abso­luten Lieb­linge

Der Respekt für die deut­schen Teams war in Eng­land immer vor­handen. Sei es wegen der Teil­nehmer, die weit kamen oder eben wegen des immer wie­der­keh­rende Michael Bay Horror-Block­bus­ters: Die Bayern – Mia san mia! So stehen die Eng­länder selbst auf die ungla­mou­rösen Schalker – beson­ders wegen ihres 2:0‑Sieges bei Arse­nals, bei dem die Königs­blauen Wen­gers Elf förm­lich über­fielen. Klaas-Jan Hun­telaar steht mitt­ler­weile ganz oben auf der Ein­kaufs­liste einiger eng­li­scher Teams aus der Pre­mier League.

Aber es sind vor allem die Dort­munder, die sich zu den abso­luten Lieb­lingen auf der Insel auf­schwingen. Es ist ihre jugend­liche Dynamik, die tak­ti­sche Finesse und natür­lich die zwei Aus­nah­me­könner Marco Reus und Mario Götze, die es den Leuten beson­ders angetan haben. Dort­mund spielte ein­fach munter drauf los. So als ob das Ganze nicht ihr Job wäre, son­dern eine beglü­ckende Frei­zeit­ak­ti­vität“, him­melte der Guar­dian“ und schloss mit den Worten: Ihre Zeit ist nah.“ Sir Alex Fer­guson, Roberto Man­cini und José Mour­inho stimmen die glei­chen Lobes­hymnen auf die Borussen an und sehen sie als Favo­riten auf den Titel.

Der deut­sche Erfolg ist keine All­tags­fliege

Doch ob Dort­mund oder die anderen beiden: Deut­sche Mann­schaften haben in dieser Grup­pen­phase mal eben elf von 18 Spielen gewonnen, dazu sechs Remis geholt. Das macht einen Durch­schnitt von 2,17 Punkten pro Spiel – eine Quote, mit der die Deut­schen noch vor den Spa­niern (2,04), den Ita­lie­nern (1,67) und sowieso vor den Eng­län­dern liegen (1,46). Auch die finan­zi­ellen Umstände könnten in der K.o.-Phase noch ent­schei­dend sein, Dort­mund holte bisher über 17 Mil­lionen Euro, Schalke und Bayern um die 16 Mil­lionen aus dem Wett­be­werb. Wenn man noch einmal einen Blick darauf wirft, wie viel die Deut­schen seit dem Jahr 2000 in ihre Infra­struktur und Jugend­ar­beit gesteckt haben (an die 700 Mil­lionen Euro allein in die Jugend­aka­de­mien), scheinen sie auch für die Zukunft gerüstet. Mit dem mög­li­chen Effekt des Finan­cial Fair Play im Hin­ter­kopf, lässt sich kon­sta­tieren, dass der deut­sche Erfolg in Europa keine Ein­tags­fliege sein muss.

Selbst die sonst so hurra­pa­trio­ti­sche Sun“ gab zu: Der Glaube, dass der eng­li­sche Fuß­ball in eine rosa­rote Zukunft blicke, nur weil er im Geld schwimmt, ist falsch. Die Blase der Pre­mier League ist geplatzt. Der deut­sche Fuß­ball hin­gegen, ange­führt von Borussia Dort­mund und Bayern Mün­chen, ist im Kommen.“ Die Bewun­de­rung, ja fast schon der Neid, eng­li­scher Fans für das deut­sche Modell ist mit Händen greifbar – und wächst weiter.

Hinzu kommt noch, dass die eng­li­schen Mann­schaften die Europa League ein­fach nicht ernst nehmen und nun mit den Kon­se­quenzen rechnen müssen: In der Uefa-Fünf­jah­res­wer­tung schließt Deutsch­land zu Eng­land auf, zudem fallen die Leis­tungen der Eng­länder aus der Saison 08/09 bald aus der Wer­tung. Wenn die deut­schen Mann­schaften also weiter so spielen, werden sie die eng­li­schen auf die Plätze ver­weisen. Die selbst titu­lierte span­nendste Liga der Welt“ wird sich dann umschauen müssen. Es ist eine beschei­dene Zeit für eng­li­sche Fuß­ball­fans.

Auf dem Zettel: Guar­diola und Klopp

Was den eng­li­schen Ver­einen bleibt, ist zu tun, was sie immer in diesen Fällen tun. Wenn du einen Gegner nicht bezwingen kannst, musst du ihn eben kaufen. So mag Jürgen Klopp zwar einen gül­tigen Ver­trag bis 2016 haben, doch wenn er wei­terhin auf inter­na­tio­nalem Par­kett Erfolg an Erfolg reiht, dann wird die Zahl seiner Ver­ehrer aus der Pre­mier League steigen. Nament­lich City, Chelsea oder viel­leicht sogar Arsenal gehen bald auf Shop­ping­tour hin­sicht­lich eines neuen Team­ma­na­gers. Einer wird Pep Guar­diola bekommen. Ein anderer viel­leicht das next big thing“.

Eng­li­sche Fans, die guten Fuß­ball, nach­hal­tige Modelle und eine fan­nahe Fuß­ball­kultur favo­ri­sieren, haben letzten Endes nur eine Mög­lich­keit. Sie sollten sich zurück­lehnen, zuschauen und genießen, wie Bayern, Dort­mund und Schalke Europa erobern. Oder viel­mehr ver­zau­bern.