Chris Nicholl, wie fühlt es sich an, vier Tore in einem Spiel zu erzielen und trotzdem nicht zu gewinnen?

Sehr inter­es­sant, würde ich sagen. Wir hatten gegen Lei­cester City ein Unent­schieden erkämpft – und das aus­wärts. Das war schon mal nicht schlecht! Nach dem Schluss­pfiff erschien unser Team­ma­nager recht gut gelaunt in der Kabine. Was mich betraf, ich wusste nicht so recht, was mich dort erwarten würde. Irgendwie fühlte ich mich als Held, schließ­lich hatte ich zweimal einen Rück­stand auf­ge­holt.



Hatten Sie sich vor dem Spiel Chancen auf einen Sieg gegen Lei­cester aus­ge­rechnet?

Nein. Lei­cester hatte in diesem Jahr eine sehr starke Mann­schaft, zu der auch der junge Gary Lineker zählte. Beide Teams spielten in der Divi­sion One, die höchste eng­li­sche Spiel­klasse damals.

Wie konnte es dazu kommen, dass Sie nach zehn Minuten das Tor ver­wech­selten?

Es lag an den chao­ti­schen Zuständen in unserem Straf­raum, es herrschte ein unüber­schau­bares Gewühl direkt vor unserem Tor­wart. Ich stand am Eck des Fünf­me­ter­raums und ver­suchte, den Ball weg zu schlagen. Aber statt zu klären, traf ich ins eigene Netz. Sehr ent­täu­schend!

Auch ihr Keeper schien nicht den besten Tag erwischt zu haben.

Ach, das war ein Typ namens John. Er war ein kleiner, aber sehr kräf­tiger Keeper, mit einem gewissen Hang zur Akro­batik. Ich habe immer behauptet, dass es ein­fach sei, ihn zu über­winden, und genau das habe ich diesem Tag bewiesen.

Ach, das war also Absicht?


Nein, bei Weitem nicht! (lacht)

War es das erste Eigentor in Ihrer Kar­riere?


Ich glaube nicht, ich war ja schon 25. Als Ver­tei­diger war ich nun mal dazu berufen, gefähr­liche Situa­tionen zu ent­schärfen. Manchmal wurden solche Bälle abge­fälscht und lan­deten im eigenen Netz. In diesem Fall hatte mein Eigentor sogar etwas Gutes: Ich wollte nach vorne stürmen und meinen Fehler wieder gut machen.

Kurz vor der Halb­zeit ist Ihnen genau das gelungen. Eine große Genug­tuung?


Das können Sie sich vor­stellen! Es war kein Kopf­balltor, was unge­wöhn­lich für mich war, denn nor­ma­ler­weise habe ich immer per Kopf getroffen. Ich hatte den Ruf weg, bei Stan­dard­si­tua­tionen mit nach vorne zu gehen und Tore zu machen, also habe ich mein Glück ver­sucht. Beson­deres schön oder clever waren meine Tore nie, auch dieses nicht. Ich habe aus zehn Metern ein­fach drauf­ge­halten, der Ball ging direkt in die untere Ecke.

Und schon hatten Sie ihren Fehler wieder gut gemacht. Eigent­lich konnten Sie zur Halb­zeit stolz auf sich sein.

Stimmt. Mit diesem Zwi­schen­er­gebnis konnten wir zufrieden sein. Es war ein span­nendes Spiel und das 1:1 kein Desaster für uns. Keine Ahnung, was mein Coach in der Halb­zeit­pause zu mir sagte. Wahr­schein­lich etwas wie mach mal langsam, Junge.“ Das Spiel war ja noch nicht ent­schieden, wir wussten, dass es auf die zweite Halb­zeit ankommt. Als die Mann­schaften aufs Spiel­feld zurück­kehrten war ich noch relativ ent­spannt.

Zwanzig Minuten später schlugen Sie erneut zu, 2:1 für Lei­cester, ihr zweites Eigentor in diesem Spiel. War es wenigs­tens ein schöner Treffer?


Glauben Sie mir, dieses zweite Eigentor für Lei­cester war das schönste meiner ganzen Kar­riere. Als die Flanke rein kam, dachte ich, hinter mir steht noch einer, hau ihn lieber weg. Noch heute sehe ich das Bild vor mir, wie ich sechs Fuß über dem Boden hori­zontal in der Luft schwebe und ein­nicke. Ein per­fekter Flug­kopf­ball direkt ins obere Eck, unser Tor­wart hatte nicht den Hauch einer Chance. Defi­nitiv das schönste Tor meiner Kar­riere. Leider ins fal­sche Tor.

Man könnte meinen, wie der frühe Alan Shearer…

(lacht) Ja, in diesem Moment war ich Shearer sicher sehr ähn­lich. Als Manager des FC Sout­hampton habe ich Alan übri­gens per­sön­lich unter Ver­trag genommen. Ein Talent im Erkennen eines guten Stür­mers scheint mir also ange­boren.

Was war Ihr erster Gedanke?

Ich dachte nur: Nicht schon wieder ich! Obwohl, son­der­lich nie­der­ge­schlagen war ich eigent­lich nicht. Irgendwie musste das Spiel ja wei­ter­gehen.

Wie haben die Fans auf ihr aber­ma­liges Miss­ge­schick reagiert?


Sagen wir mal, Sie waren nicht gerade begeis­tert. Aber böse Worte fielen keine, außer viel­leicht aus der Lei­cester-Kurve. Ich glaube da haben einige Fans gelacht.

Immerhin haben Sie noch ein viertes Mal zuge­schlagen. Man sagt, Ihr Aus­gleichs­treffer zum 2:2‑Endstand war einer der schönsten in der Geschichte von Aston Villa. Stimmt das?

(lacht) Nein, das stimmt ganz sicher nicht. Mein schönstes Tor habe ich im Liga­pokal-Finale gegen Everton erzielt, ein Flach­schuss aus dreißig Metern. Dank mir haben wir damals den Titel gewonnen. Aber an dieses vierte Tor in Lei­cester habe ich über­haupt keine Erin­ne­rung mehr. Ich gehe davon aus, es war ein Kopf­ball. Oder doch ein Flach­schuss? Keine Ahnung! Aus irgend­wel­chen Gründen ist dieser Teil des Spiels voll­kommen aus meinem Gedächtnis ver­schwunden.

Sie ver­gessen aus­ge­rechnet den glück­lichsten Moment des ganzen Spiels?

Ja. Ist das nicht ver­rückt? An alle Tore kann ich mich erin­nern, aber nicht an dieses vierte. Wie lange war da noch zu spielen?

Fünf Minuten, glaube ich.

Sehen Sie, da wissen Sie mehr als ich. Offen­sicht­lich hat mein Gehirn im Laufe der Zeit die Erin­ne­rung an dieses vierte Tor voll­ständig ver­drängt. Ich habe auch nie irgend­welche Videos oder Bilder davon gesehen. Dreißig Jahre später ver­binden die Leute meinen Namen immer noch mit diesen vier Tref­fern in Lei­cester. Und ich habe einen davon offen­sicht­lich ver­gessen.


Stimmt es, dass ihr Team­kol­lege Andy Gray Ihnen nach dem 2:2 per­sön­lich gra­tu­liert hat?

Ach ja, Andy Gray und ich, wir fetzten uns oft auf dem Spiel­feld. Wir haben damals eine Art Kampf begonnen, der bis heute andauert. Kürz­lich hat er ich wieder zu einem Ten­nis­match her­aus­ge­for­dert.

Wie haben Sie sich nach dem Spiel gefühlt?

Ein totaler Mix der Emo­tionen. Wenn wir durch meine Eigen­tore zweimal eine Füh­rung ver­schenkt hätten, hätte ich mich wahr­schein­lich viel schlechter gefühlt. Aber es war ja Lei­cester, das beide Male in Füh­rung lag, und ich habe beide Fehler wieder gut gemacht. Das zeugt von großem Sports­geist!

Mussten Sie viel Spott von ihren Mann­schafts­kol­legen über sich ergehen lassen?


Der Spruch mit dem Guin­ness Buch der Rekorde“ war schon ein echter Klas­siker. Ansonsten hielt es sich in Grenzen. Die meisten Spieler sahen das ganz locker. Immerhin hatten zwei meiner Tore das Unent­schieden gerettet. In gewisser Weise war ich ein Held, ein Retter der ver­lo­renen Punkte. Hätte man uns vor dem Spiel gesagt, dass wir in Lei­cester ein Unent­schieden holen würden, wären alle damit zufrieden gewesen. Das hat mich wohl gerettet. Sagen Sie mal, dieser deut­scher Spieler, der zwei Eigen- und ein rich­tiges Tor in einem Spiel gemacht hat, wie war sein Name?

Sie meinen Peter Kaack von Ein­tracht Braun­schweig?

Genau! Hat sein Team gewonnen oder ver­loren?

Das war etwas kom­pli­zierter. Das Hin­spiel gegen Turin hat Braun­schweig noch mit 3:2 gewonnen. Im Rück­spiel haben sie dann 0:1 ver­loren und sind im Wie­der­ho­lungs­spiel aus­ge­schieden.


Sehen Sie, seine Situa­tion war mit Sicher­heit schwie­riger zu ver­kraften als meine.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie das Spiel ver­ar­beitet hatten?


Ich hatte über­haupt keine Pro­bleme damit. Es ist wie auf dem Golf­platz: Wenn dir ein Fehler pas­siert, musst du ver­su­chen, ihn abzu­haken, und ein­fach weiter spielen. Wenn das schlechte Gewissen die Kon­trolle über­nimmt, steckst du sofort in Schwie­rig­keiten. Ich war damals erst 25 Jahre alt, das kann man als Aus­rede gelten lassen. Die Ver­ar­bei­tung meiner Fehler war eine wert­volle Erzie­hung. Die Erfah­rung hat doch gezeigt, dass kein Eigentor allein ein Spiel ent­scheidet. Es war sehr wichtig für mich, auf hohem Niveau weiter zu spielen und schluss­end­lich sogar noch den Aus­gleich zu erzielen. Sie sagten, dass bei meinem vierten Treffer noch fünf Minuten zu spielen war? Das zeigt doch, dass man viel Geduld und Kämp­fer­herz braucht. Wir hatten ein starkes Team damals bei Aston Villa, und ich bin stolz, später Kapitän dieser Mann­schaft gewesen zu sein.

Haben die Ereig­nisse von Lei­cester den Fort­gang Ihrer Kar­riere beein­flusst?


Das Spiel gegen Lei­cester ist in die Geschichte ein­ge­gangen. Es waren meine Tore, an die sich jeder erin­nern kann. Meine Name wird immer wieder mit diesem Spiel ver­bunden. Immer wenn ich heute einen Fehler mache, erin­nere ich mich an meine vier Tore in Lei­cester. Ich weiß nicht, ob das Spiel meine Kar­riere als Spieler ver­än­dert hat. Jeden­falls habe ich danach länger als geplant bei Aston Villa gespielt, ins­ge­samt sechs Jahre, und durfte als Kapitän die Mann­schaft zum Sieg im Liga­pokal und in den Euro­pacup führen. Es war eine große Zeit. Unser Manager war ein strenger, harter Mann, aber er hat mich damals nicht ver­ant­wort­lich gemacht. Ich glaube, er war auch froh über das Unent­schieden.

Über­wiegt heute der Stolz oder die Scham?

Ich bin mehr stolz, als dass ich mich schäme, defi­nitiv. Die Rei­hen­folge, in der die Tore gefallen sind, sagt viel über mich und mein Team aus. Es war ein Beweis unseres Cha­rakter und unserer Per­sön­lich­keit, und kein Beweis unserer Schande.

Aber gewonnen haben Sie trotzdem nicht!

Wissen Sie, einer meiner besten Freunde zu dieser Zeit war Ray Graydon. Kennen Sie Ray?

Nein.

Ray spielte bei Aston Villa auf dem rechten Flügel und war bekannt für seine Hat­tricks. Ins­ge­samt schaffte er es, fünf Mal einen Hat­trick zu erzielen und jedes Mal bekam er dafür den Spiel­ball geschenkt. Ab und zu lud er mich in sein Haus auf eine Tasse Tee ein und führte mich zu seinem Kamin, wo all diese Bälle fein säu­ber­lich auf­ge­reiht auf dem Sims lagen. Dann begann Ray von ihnen zu erzählen. Er zeigte auf die ein­zelnen Tro­phäen und sagte Dinge wie Schau mal, Chris, mit diesem Ball habe ich 1973 drei Tore gegen Man­chester United geschossen.“

Und Sie wurden blass vor Neid…

Ich war Ver­tei­diger! Ver­stehen Sie? Die Chancen, dass ich einmal einen Hat­trick erzielen würde, waren ver­schwin­dend gering. Sie können sich nicht vor­stellen, wie nei­disch ich auf Ray war. Das erste, was ich nach dem Schluss­pfiff in Lei­cester tat, war der Gang zum Schieds­richter. Ich wollte den Ball haben, mit dem ich vier Tore erzielt hatte.

Haben Sie ihn bekommen?

Nein, es war das letzte Spiel des Schieds­rich­ters, er wollte ihn für sich selbst behalten.