Sie nannten es Tragik, Drama oder gar Dieb­stahl. Nach dem Elf­meter, vor dem Stefan Kieß­ling in seinem letzten Spiel ein­ge­wech­selt worden war und den er dann doch nicht hatte schießen dürfen, weil Schieds­richter Guido Wink­mann das Viereck des Grauens in die Luft malte und seine Elfer-Ent­schei­dung zurück­nahm, war für Fuß­ball­deutsch­land (und auch für unsere 11 des Spiel­tags) klar: Stefan Kieß­ling war beraubt worden. Seinen so wohl­ver­dienten, abschlie­ßenden großen sport­li­chen Moment – ein letztes Mal treffen, ein letztes Mal jubeln, ein letztes Mal fühlen was es heißt, 25.000 Men­schen gleich­zeitig zum Höhe­punkt zu bringen – das alles hatte ihm der Schieds­richter heim­tü­ckisch genommen.

Denn natür­lich wäre es schöner gewesen, Kieß­ling hätte zum Abschluss den Ball für Lever­kusen ins Tor gedro­schen und das 4:0 erzielt. Hätte seinem Klub neues Leben ein­ge­haucht im Kampf um den Cham­pions-League-Platz. Denn wer weiß, ob die offensiv so potente Truppe nicht doch noch das ent­schei­dende fünfte Tor geschafft hätte? Genau, nie­mand. Aber was einige womög­lich auch nicht wissen oder zumin­dest an diesem Sams­tag­abend nicht wahr­haben wollten: Die Kar­riere von Stefan Kieß­ling hatte mit Schön­heit nicht viel zu tun.

Mehr Wert als jedes Tem­po­dribb­ling dieser Welt

Im Gegen­teil. Stefan Kieß­lings Kar­riere war das häss­liche Ent­lein unter den großen Kar­rieren der ver­gan­genen 20 Jahre. Wo andere Top­stürmer den Ball in den Winkel schlenzten, musste Kieß­ling seine Treffer mit harter Arbeit erzwingen. Wo andere Angreifer leicht­füßig ins Dribb­ling gingen, stieg Kieß­ling mit kaputter Hüfte hoch zum Kopf­ball­duell. Wo andere Spieler seiner Qua­lität zum Sai­son­ende Pokale in den Himmel reckten, schwor sich Kieß­ling darauf ein, es im nächsten Jahr eben wieder zu pro­bieren.

Doch für genau diese Hin­gabe, die mit seinen großen Füßen und langen Beinen nie ele­gant, aber stets echt wirkte, und die sich ja erst im Schei­tern richtig zeigte, wurde Kieß­ling geliebt. Wes­halb der zurück­ge­nom­mene Elf­meter viel­leicht der pas­sen­dere Abschied für den 34-jäh­rigen Stürmer war.

Kieß­ling, dieser Nean­der­taler der Bun­des­liga, dieser ana­loge Stür­mern, wurde vom Video­be­weis, der Aus­ge­burt des opti­mierten Full-HD-Fuß­balls, aus­ge­bremst. Und stand am Ende doch mit Tränen der Rüh­rung vor der Kurve. Weil alle im Sta­dion genau spürten, dass einer wie er etwas Beson­deres war. Mehr Wert als jedes Tem­po­dribb­ling dieser Welt.

Der Chef­koch machte große Augen

Am Ende waren es 16 Jahre Pro­fi­fuß­ball für Kieß­ling, alleine zwölf davon in Lever­kusen. Und zehn Minuten in einem Bam­berger Hotel, die all die Jahre über­haupt erst mög­lich machten. Damals, Kieß­ling war 15 Jahre alt und klärte in einem Fünf-Sterne-Hotel letzte Details für seine Koch-Aus­bil­dung, wurde er gefragt, was er denn so für Hobbys habe. Fuß­ball“, sagte der junge Kieß­ling.

Mon­tags habe ich Trai­ning, diens­tags, mitt­wochs und don­ners­tags auch. Und, nun ja, am Freitag gehe ich immer mit Kum­pels kicken.“ Der Chef­koch machte große Augen. Samstag spiele ich dann in der B‑Jugend. Und Sonntag helfe ich in der A‑Jugend aus.“ Der Koch wurde stutzig. Ob ihm, Stefan, denn eigent­lich klar sei, dass er als Azubi in der Küche oft abends oder am Wochen­ende würde schaffen müssen? Und dem­entspre­chend oft das Trai­ning oder Spiele ver­passen könnte? Kieß­ling schaute seine Mutter an, die neben ihm saß, und sagte nur einen Satz. Das machen wir nicht.“ Er bedankte sich höf­lich und ver­ließ das Hotel.

Ähn­lich kom­pro­misslos ver­hielt er sich auch seinem Körper gegen­über. Als er vor zwei Jahren nach einem Zwei­kampf im Spiel gegen Ben­fica Lis­sabon heftig zu Boden ging, war die rechte Hüfte im Eimer. Er würde nie wieder spielen können, sagten die Ärzte. Doch Kieß­ling, so erzählte er im Inter­view mit 11FREUNDE, dachte nicht ans Auf­hören. Nicht eine Sekunde. Es fühlte sich eher an wie: Jetzt erst recht!“

Also kämpfte sich Kieß­ling durch, biss auf die Zähne, trai­nierte und spielte mit Schmerzen. Und als es für Lever­kusen im ver­gan­genen Sommer wirk­lich zählte, als es näm­lich gegen den Abstieg ging, war er wieder da. Im ent­schei­denden Spiel gegen Köln traf er zum Anschluss, am Ende hielt der Verein auch Dank Kieß­ling und dessen Wille die Klasse. Da hatten viele im Land schon fast ver­gessen, dass der Mann über Jahre hinweg der kon­stan­teste deut­sche Stürmer war.

Warum setzt Löw nicht auf Sie?“

2012/2013, in seiner stärksten Saison, wurde er mit 25 Toren Tor­schüt­zen­könig. 2009/2010 traf er 21-mal, 2013/14 waren es 15, 2011/12 16 Tore. Kieß­ling rackerte, Kieß­ling rannte, Kieß­ling riss Lücken, Kieß­ling traf. Doch trotzdem genügte es nie, um Natio­nal­trainer Löw voll­ends zu über­zeugen. Der nahm ihn zwar zu Beginn seiner Kar­riere gerne mit zu Län­der­spielen, ver­traute im Zwei­fels­fall aber stets anderen.

Als Löw Kieß­ling irgend­wann gar nicht mehr nomi­nierte, der im Verein aber Tor um Tor schoss, konnte sich Kieß­ling durch keine Mixed-Zone des Landes schlän­geln, ohne mit der glei­chen Frage beläs­tigt zu werden: Warum setzt Löw nicht auf Sie?“

Kieß­ling ließ es über sich ergehen. Selbst, als er die Ant­wort längst wusste, weil Löw ihm in einem per­sön­li­chen Gespräch mit­ge­teilt hatte, dass er als Spie­lertyp nicht ins Kon­zept passe. Doch statt in der Öffent­lich­keit zu quen­geln, krem­pelte Kieß­ling die Ärmel hoch. Und schoss noch mehr Tore.

Die teu­erste Brat­wurst, die je aus Nürn­berg kam“ 

144 waren es unter dem Strich allein in der Bun­des­liga. Obwohl ihn einige schon früh zum Flop erklären wollten. Im Dezember 2006, Kieß­ling war grade für ver­hält­nis­mäßig viel Geld aus Nürn­berg nach Lever­kusen gewech­selt, titelte die Bild“-Zeitung: Die teu­erste Brat­wurst, die je aus Nürn­berg kam.“

Doch Kieß­ling ließ sich auch davon nicht unter­kriegen. Son­dern rackerte ein­fach weiter. Er setzte sich in Lever­kusen durch, wurde erst Stamm­spieler, dann Tor­jäger, dann Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur. Weil er immer alles tat, was in seiner Macht stand. Das sah viel­leicht nicht schön aus. Aber am Ende ließen ihn das Unper­fekte, die Makel und all die Rück­schläge erst zu dem werden, der er jetzt ist. Eine Ver­eins­le­gende.