Den Video­be­weis gibt es in der Bun­des­liga erst seit gut einem Jahr, doch an diesem Spieltag ließ sich anschau­lich beob­achten, wie sehr er unser Ver­ständnis vom Fuß­ball bereits ver­än­dert hat. Der mar­kan­tere von zwei ziem­lich ähn­li­chen Vor­fällen trug sich dabei im Ham­burger Derby zu, als das ver­meint­liche Aus­gleichstor des HSV zum 1:1 nicht aner­kannt wurde, weil der Ball in der Ent­ste­hung die Tor­aus­linie über­schritten haben soll.

Wo war der Mega-Auf­reger?

Tat­säch­lich konnte jedoch nie­mand sagen, ob dies wirk­lich der Fall war – weil das soge­nannte Haw­kEye nur die Tor­linie selbst über­wacht und in der einzig brauch­baren Kame­ra­ein­stel­lung zudem das Corpus Delicti vom Bein des Flan­ken­ge­bers Bakery Jatta ver­deckt wurde. Mit anderen Worten: Es han­delt sich um den im Zeit­alter des VAR höchst sel­tenen Fall, dass die Kor­rekt­heit des Tores nicht objektiv über­prüft werden kann, son­dern das letzt­in­stanz­liche Urteil aus­schließ­lich von der Wahr­neh­mung des Schieds­rich­ters und seiner Assis­tenten abhängt.

Und genau das macht die Leute offen­sicht­lich halb wahn­sinnig. Wenn sich Ham­burgs Trainer Dieter Hecking echauf­fiert, dass auf der wich­tigsten Linie keine Kamera ist“, mag das aus seiner Sicht noch ver­ständ­lich sein. Wo jedoch in diesem Fall der Mega-Auf­reger“ oder die Skandal-Ent­schei­dung“ ist, von der viel­fach zu hören und zu lesen war, bleibt schlei­er­haft.

Note 5 – warum?

Bezeich­nend, dass der Kicker“ dem Referee Sven Jablonski die Note 5 erteilt, ohne dem Gespann eine Fehl­ent­schei­dung nach­weisen zu können. Inter­es­sante Begrün­dung: Kein TV-Bild belegt, dass Jattas Ball zuvor im Aus war.“ Nach dieser kruden Logik hätte sich der arme Jablonski aller­dings ebenso ein Man­gel­haft ver­dient, wenn er das Tor gegeben hätte. Denn die TV-Bilder belegen ja genauso wenig das Gegen­teil.

Viel­leicht war die Auf­re­gung auch des­halb so groß, weil es am Wochen­ende noch einen ganz ähn­li­chen Fall gab. Da hatte der Düs­sel­dorfer Mat­thias Zim­mer­mann einen Ball von der Sei­ten­aus­linie gekratzt und eine Flanke geschlagen, die sein Kol­lege Niko Gieß­el­mann zum Füh­rungstor gegen den VfL Wolfs­burg ver­wan­delte. Auch hier war letzt­lich nicht zu veri­fi­zieren, ob der Ball bereits jen­seits oder noch gerade so auf der Linie gewesen war, was einen der Geschä­digten, Wolfs­burgs Sport­chef Jörg Schmadtke, zur Gene­ral­kritik ani­mierte: Da brau­chen wir dann überall die 3D-Technik, so wie an der Tor­linie bei einer Tor­ent­schei­dung.“

Totale Über­wa­chung

Eine Aus­sage, die nichts anderes bedeutet, als dass Ent­schei­dungen, die aus­schließ­lich dem mensch­li­chen Auge ver­trauen, im modernen Pro­fi­fuß­ball offen­kundig nicht mehr tragbar sind. Wohl­ge­merkt, wir reden hierbei nicht von im Nach­hinein auf­ge­deckten ein­deu­tigen Fehl­ur­teilen, son­dern von Ent­weder-Oder-Situa­tionen, die noch nach dem x‑ten Drauf­schauen so oder so ent­schieden werden könnten.

Wenn Schmadtke das also ernst meint, was er da sagt, will er nichts anderes als die totale tech­ni­sche Über­wa­chung des Fuß­balls, die finale Digi­ta­li­sie­rung eines Spiels, das seinen Charme seit jeher dem Ana­logen und Unper­fekten ver­dankt. Aber Moment“, sagen in sol­chen Fällen stets die Befür­worter des VAR, es geht hier schließ­lich um sehr viel Geld. Und wollen wir nicht alle, dass der Fuß­ball gerechter wird?“

100 Pro­zent gibt es nicht

Klare Ant­wort: geht so. Die Ver­mei­dung offen­sicht­li­chen Unfugs auf dem Fuß­ball­platz mag ja ein berech­tigtes Anliegen sein. Wenn aber irgend­wann jeder Qua­drat­zen­ti­meter ver­messen und aus­spio­niert ist, geht der Schuss nach hinten los. Denn wie in einem sol­chem Klima der Über­re­gu­lie­rung jene Mythen und Legenden ent­stehen sollen, die diesen Sport erst groß gemacht haben, weiß nur der Geier.