Seite 2: Angezogene Handbremse

Denn egal wie regel­kon­form Gomez’ nächster Treffer auch wirken mag, sein erster Gedanke wird ab jetzt dem Video­as­sis­tenten gelten. Und damit sorgt der VAR für eine erschre­ckende Ent­wick­lung: Fast jedem Tor­schützen ist inzwi­schen eine Puf­fer­zeit nach dem Erzielen seines Tref­fers anzu­merken. Quasi ein Selbst­schutz, der erst einmal jeden Offi­zi­ellen auf ein mög­li­ches Sich-ans-Ohr-fassen prüft, bevor man sich doch wieder zum Deppen macht und umsonst jubelt.

Die innere Gefühls­ex­plo­sion, das kurze Alles-um-sich-herum-ver­gessen und das unkon­trol­lierte Schreien vor Freude ver­kommen dadurch mehr und mehr zur Farce. Einem Jubel mit ange­zo­gener Hand­bremse, der eher von der Angst eines mög­li­chen Anrufs aus Köln als der Freude über den eigent­li­chen Treffer geprägt wird. Statt kol­lek­tiver Ekstase hört man auf den Rängen immer häu­figer ein warte erstmal ab“, und der eigent­lich schönste Teil dieses Sports ist mehr zur fuß­ball­ge­wor­denen Vari­ante eines Samen­staus ver­kommen.

Der beste Moment der Sportart

Dabei lebt der Fuß­ball von diesen Augen­bli­cken. Im Gegen­satz zu anderen Sport­arten gibt es eben oft nur dieses eine Tor, und in seiner momen­tanen VARi­ante (ent­schul­digt den Wort­witz) ent­fernt sich der Fuß­ball immer weiter von seinem Ursprung. Keine Ame­rican-Psycho-artige-Bere­chen­bar­keit, son­dern seine Fehler und die Hoff­nung aufs Uner­war­tete bringen die Leute ins Sta­dion. Selbst wenn dadurch am Ende ein Tor fälsch­li­cher­weise aner­kannt oder eine Abseits­stel­lung über­sehen wird: Es sind eben jene Über­ra­schungen, die für die letzten authen­ti­schen Momente im durch­pro­fes­sio­na­li­sierten Fuß­ball des 21. Jahr­hun­derts sorgen. Wird dem noch eine kli­nisch-reine Instanz von außen dazwi­schen­ge­schaltet, geht diesem Sport end­gültig sein Zauber ver­loren. 

Spon­sored by McDonald’s

Und falls das irgendwem noch immer nicht genug ist, kann sich dieser Gefühls-Maso­chist bei der nächsten VAR-Unter­bre­chung gerne zu den plan­losen Anhän­gern auf der Tri­büne gesellen. Denn wäh­rend man im Fern­sehen wenigs­tens noch erklärt bekommt, warum ein lupen­reines Kon­tertor gerade auf ein Stür­merfoul im Auf­bau­spiel vor 174 Pass­sta­tionen kon­trol­liert wird, haben die Zuschauer im Sta­dion meist gar keine Ahnung, was am Monitor neben dem Platz geprüft wird. Drei Minuten kol­lek­tives Doof-Rum­stehen nach jedem zweiten Tor. Danke VAR.

Das Resultat ist nur noch mehr Ver­druss. Noch mehr Argu­mente gegen den ohnehin schon viel zu teuren Sta­di­on­be­such und noch mehr poten­ti­elle Wer­be­blocks für Biermarke_​X, Wettanbieter_​Y oder die nein, die finde ich garan­tiert nicht spießig“-Vermögensberatung von Jürgen Klopp. Und das Schlimmste steht uns noch bevor: In der Aus­tra­li­schen Hyundai-League“ ist der Video­as­sis­tent bereits von McDonald’s gespon­sert. Und drei Mal dürft ihr raten, wessen Wer­be­clip nun in Zukunft bei Ein­satz des VAR gezeigt wird? Richtig.

Das Fast-Food-Unter­nehmen gab schon auf der Inter­net­seite der Liga an, wahn­sinnig stolz auf seinen“ Video­schieds­richter zu sein und sich darauf zu freuen, von nun an für Spek­takel auf und neben dem Platz“ zu sorgen. Auf dieses Spek­takel können wir gerne ver­zichten – selbst, wenn dann in Zukunft Raheem Ster­ling aus dem Abseits trifft.