Eusébio, der große Eusébio, fiel auf die Knie und betete. Nicht zu Gott, son­dern zu seinem toten Ex-Trainer Béla Gutt­mann. Trainer“, flüs­terte die schwarze Perle, lass es gut sein. Für mich. Für Ben­fica!“ Dann stand er auf und ver­ließ den jüdi­schen Friedhof zu Wien. Einen Tag später verlor Ben­fica Lis­sabon im Pra­ter­sta­dion das Finale um den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister 1990 mit 0:1 gegen den AC Mai­land. Béla Gutt­mann hatte es doch nicht gut sein lassen.

Auf Ben­fica Lis­sabon, dem heu­tigen Europa-League-Fina­listen, lastet ein jahr­zehn­te­langer Fluch. Glauben jeden­falls die Fans des Klubs und wem soll man schon glauben, wenn nicht den eigenen Fans?

Die Legende geht so: 1962, Ben­fica hatte gerade zum zweiten Mal in Folge den Euro­pa­pokal gewonnen, wurde Meis­ter­trainer Béla Gutt­mann bei seinem Prä­si­denten vor­stellig und bat um eine Gehalts­er­hö­hung. Weil die ihm auch nach län­geren Ver­hand­lungen nicht gewährt wurde, schmiss Gutt­mann nicht nur hin, er belegte seinen nun ehe­ma­ligen Arbeit­geber auch mit einem Fluch. Über­lie­fertes Zitat: Nicht in hun­dert Jahren wird Ben­fica noch einmal den Euro­pacup gewinnen!“ Ben­ficas Bosse lachten nur. Hatten sie nicht mit Eusebio den besten Fuß­baller Welt in ihren Reihen? Führte der nicht eine Mann­schaft an, wie man sie zuvor noch nie in Europa gesehen hatte? Gutt­manns Worte waren bald ver­gessen.

Ein Jahr später. Unter Gutt­manns Nach­folger und unga­ri­schen Lands­mann Lajos Czeizler hatte es Ben­fica erneut ins Euro­pa­pokal-Finale geschafft. Nach 18 Minuten schoss Eusebio das 1:0. Wer war noch mal dieser Gutt­mann? Doch durch zwei Tore von Milans Alta­fini ver­loren die Por­tu­giesen das Spiel noch. Bitter. Aber ein Betriebs­un­fall, nicht mehr.

1965, das nächste Finale. Im Vier­tel­fi­nale hatte Ben­fica Real Madrid deklas­siert und im Halb­fi­nale mit dem unga­ri­schen Meister von FC ETO Györ keine Mühe gehabt. Vor dem End­spiel gegen Inter Mai­land schüt­tete es wie aus Kübeln, der Platz im San Siro glich zum Anpfiff einer auf­ge­tauten Eis­lauf­bahn. Kurz vor der Pause schoss Inters Jair von halb­rechts, Lis­sa­bons Tor­wart Costa Pereira glitt der nasse Ball aus den Händen. Es sollte das ein­zige Tor des Spiels bleiben. Eigent­lich ein Wunder, denn nach 57 Minuten musste Pech­vogel Costa Pereira ver­letzt das Feld ver­lassen, weil noch keine Ein­wechs­lungen erlaubt waren, streifte sich Ver­tei­diger Ger­mano das Trikot seines Kee­pers über und stellte sich zwi­schen die Pfosten. Schon wieder hatte Ben­fica ein End­spiel ver­loren. Erst­mals raunte man sich auf den Rängen zu, ob nicht der wütende Ex-Trainer dahinter ste­cken könnte. Zwei Final-Nie­der­lagen inner­halb von nur zwei Jahren! Der für Ende Mai so unge­wöhn­lich hef­tige Wol­ken­bruch! Der uner­klär­liche Patzer des sonst so sicheren Costa Pereira! Dessen Ver­let­zung! Das konnte doch kein Zufall mehr sein.

Der Fluch schien beendet zu sein, als Ben­fica zur Saison 1965/66 eben jenen Béla Gutt­mann als neuen Trainer vor­stellte, der den Klub doch eigent­lich im Zorn ver­lassen hatte. Aber schon im Früh­jahr schmissen sie ihn erneut raus, wegen Erfolgs­lo­sig­keit. Ben­fica und Gutt­mann, das passte offenbar nicht mehr.

Der 29. Mai 1968. Wem­bley­sta­dion. Euro­pa­pokal-Finale gegen Man­chester United, die Nach­folger der Busby Babes. Nach 87 Minuten stand es 1:1, da raste plötz­lich Eusebio alleine auf das Tor von United-Schluss­mann Alex Stepney zu. Europas Fuß­baller des Jahres 1965 gegen einen noch wei­test­ge­hend unbe­kannten 25-jäh­rigen Tor­wart, der die ersten Jahre seiner Senioren-Kar­riere noch bei bes­seren Knei­pen­mann­schaften aus­ge­holfen hatte. Eusebio schoss, Stepney hielt. In der Ver­län­ge­rung schoss Man­chester drei Tore und gewann mit 4:1. Die ganz große Zeit von Ben­fica Lis­sabon war damit vor­erst beendet.

Am 28. August 1981 starb Béla Gutt­mann in Wien und wurde auf dem jüdi­schen Friedhof bei­gesetzt. Die Fans von Ben­fica, deren Team inter­na­tional keine Rolle mehr spielte, atmeten auf. Der Fluch, wenn es ihn denn gegeben hatte, war nun end­gültig begraben. So hofften sie. 1983 erreichte ihre Klub dann prompt auch wieder ein End­spiel, dieses Mal im Uefa-Cup. Denkbar knapp unterlag Ben­fica in zwei End­spielen dem RSC Ander­lecht mit 0:1 und 1:1. Damit nicht genug: 1988 ver­loren die Por­tu­giesen auch ihr nächstes Lan­des­meister-Finale. 5:6 nach Elf­me­ter­schießen hieß es am Ende gegen den PSV Ein­hoven. Fünf euro­päi­sche End­spiele, fünf Nie­der­lagen. Ein Igno­rant, wer da noch an Pech, Zufall oder sport­liche Gründe dachte. 100 Jahre keinen Sieg!“ Der Gutt­mann-Fluch trieb auch sieben Jahre nach dem Ableben des Groß­meis­ters sein Unwesen.

Dann ging Eusebio auf den Friedhof. Viel­leicht konnte ja er, der größte Fuß­baller, den der Klub je her­vor­ge­bracht hatte, etwas tun. Viel­leicht konnte er, der einst von Gutt­mann groß gemacht wurde, den Geist seines toten Ent­de­ckers besänf­tigen. Keine Chance.

15. Mai 2013. Das nächste Finale. In der Europa League gegen den FC Chelsea. Bis zur 90. Minute stand es 1:1, Ben­fica war die bes­sere Mann­schaft. Dann wuch­tete Bra­nislav Iva­novic eine Flanke von Juan Mata ins Netz. Kurz danach pfiff Schieds­richter Björn Koi­pers ab. Es ist eben wie ver­hext.

Nun also der FC Sevilla. Auf diesen achten Ver­such wartet Lis­sabon seit nun­mehr 23 Jahren. Ben­fica spielt nicht nur gegen den FC Sevilla. Ben­fica spielt auch gegen den Fluch von Béla Gutt­mann. Und viel­leicht findet der diesmal end­lich seinen ver­dienten Ruhe­stand.