Manche Fuß­ball­spiele ver­folgen einen Men­schen sein Leben lang. Bei Gott­fried Dienst ist es Finale der Fuß­ball-WM in Eng­land. Ein Spiel, dass durch eine der umstrit­tensten Ent­schei­dungen der Sport­ge­schichte ent­schieden wurde. Es gibt schö­nere Dinge, mit denen ein Fuß­ball-Schieds­richter der Welt in Erin­ne­rung bleiben möchte.

Am Mit­tel­kreis des Lon­doner Wem­bley-Sta­dions begrüßt Gott­fried Dienst am 30. Juli 1966 die Mann­schafts­ka­pi­täne Bobby Moore und Uwe Seeler zur Platz­wahl. Drei Männer schauen, die Hände in die Hüften gestemmt, einer Münze hin­terher. Der Eng­länder Bobby Moore gewinnt. Gott­fried Dienst, Abtei­lungs­leiter des Basler Tele­fon­amtes, pfeift das Finale der achten Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft zwi­schen Gast­geber Eng­land und Deutsch­land an.

Er kennt das beson­dere Gefühl

Dienst kennt das beson­dere Gefühl eines großen End­spiels. Fünf Jahre zuvor pfiff er das Finale im Euro­pa­pokal der Lan­des­meister zwi­schen Bar­ce­lona und Ben­fica Lis­sabon. Der Schweizer war Zeuge des ersten Tri­um­phes einer nicht-spa­ni­schen Mann­schaft in diesem Wett­be­werb. Ben­fica gewann mit 3:2.

Doch das hier – im Wem­bley-Sta­dion – ist etwas anderes. Das wird Dienst spä­tes­tens nach wenigen Minuten bewusst, als Deutsch­lands Tor­wart Hans Til­kowski im Luft­duell brutal von Geoff Hurst ange­gangen wird. Til­kowski bleibt liegen, seine Hand krallt sich in den Rasen. Er ist ohn­mächtig. Dienst lässt zunächst wei­ter­spielen, dann pfeift er ab, geht zum deut­schen Schluss­mann und ruft: Auf­stehen, auf­stehen.“ Doch Til­kowski ist noch immer bewusstlos. Der deut­sche Ver­tei­diger Willi Schulz faucht den Schieds­richter an Sehen sie denn nicht, dass er blutet?“ Das wird kein ein­fa­cher Job für Gott­fried Dienst.

Halb­zeit. Haller hat für Deutsch­land getroffen, Eng­land durch Hurst aus­ge­gli­chen. Alles sauber. Und trotzdem singen die 60.000 Eng­länder im Sta­dion: Oh boy, what a referee!“ Was ein Schieds­richter. Über die oft­mals thea­tra­li­schen Gesten des kleinen Schwei­zers können die Briten nur lachen. Vor allem mit dem Bri­tischsten aller Briten, Nobby Stiles, lie­fert sich Dienst auf­re­gende non­ver­bale Gefechte. Später sagt Dienst: Sein Tem­pe­ra­ment musste mit Tem­pe­ra­ment beant­wortet werden!“

Rudi Michel ruft: Goal! Goal!“

90. Minute. Eng­land führt mit 2:1, Peters hat nach 78 Minuten das Tor erzielt. 30 Meter vor dem Tor von Gordon Banks pfeift Dienst ein Foul­spiel an Siggi Held ab. Es gibt Frei­stoß. Der deut­sche TV-Kom­men­tator Rudi Michel stöhnt: Und so ver­rinnen Minuten und Sekunden.“ Der Ball kommt zu Siggi Held, mit links zieht der blonde Deut­sche mit der Rücken­nummer 10 ab, Eng­lands Tor­wart Gordon Banks kann den scharf getre­tenen Ball nur abprallen lassen. Bobby Moore hebt den Arm und weiß nicht warum, Ray Wilson grätscht und kommt zu spät. Wolf­gang Weber erreicht den Ball und schießt den Aus­gleich in letzter Minute. Und Rudi Michel ruft: Goal! Goal!“ Dienst pfeift ab.