Seite 2: Es fehlt ein strategischer Kern

3. Kroos und Kim­mich har­mo­nieren noch nicht

Auf dem Papier bilden Toni Kroos und Joshua Kim­mich eine spiel­starke Dop­pel­sechs. Beide ver­fügen über einen feinen Fuß, können tolle Pässe spielen und ein Spiel lesen. In der Praxis har­mo­nieren die Beiden jedoch noch nicht. 

Sowohl Kroos als auch Kim­mich besetzen eher tiefe Räume. Kroos kippt häufig auf die Links­ver­tei­diger-Posi­tion ab, wäh­rend Kim­mich sich im Zen­trum posi­tio­niert. So fehlt ein nach­rü­ckender Spieler aus dem Mit­tel­feld. Kim­mich könnte diese Rolle in der Zukunft aus­füllen, traut sich aber noch nicht so recht, weit vor­zu­stoßen.

Auch defensiv lassen die Beiden man­ches Mal Lücken im Zen­trum. Gerade gegen die Nie­der­lande bekamen sie das Zen­trum nicht unter Kon­trolle, Frenkie de Jong war ein­fluss­reichster nie­der­län­di­scher Spieler. Kroos und Kim­mich könnte eine Erfolgs­ge­schichte werden. Noch ist sie es nicht.

4. Die Chan­cen­ver­wer­tung ist eine Schwach­stelle

Bei aller Kritik an der neu zusam­men­ge­stellten deut­schen Elf: In beiden Spielen hatte sie genug Chancen, die Partie früh­zeitig für sich zu ent­scheiden. Die Offen­sive weiß in einigen Momenten zu bril­lieren. Die Stürmer bewegen sich viel, besetzen immer wieder freie Räume. Gerade Serge Gnabry über­zeugte mit seiner klugen Posi­tio­nie­rung.

Doch im ent­schei­denden Moment schwä­cheln die deut­schen Stürmer. Vor dem Tor braucht die deut­sche Natio­nal­mann­schaft zu viele Chancen für einen Treffer. Man­ches Mal hat man das Gefühl, sie wollen den Ball ins Tor tragen anstatt den Schuss zu wagen. Bei kon­se­quen­terer Chan­cen­ver­wer­tung hätte Deutsch­land etwa gegen Nord­ir­land viel früher die Partie ent­scheiden können.

5. Es fehlt ein stra­te­gi­scher Kern

Joa­chim Löw betont seit der ver­korksten Welt­meis­ter­schaft, er wolle sein Team neu aus­richten. Sein Team solle nicht mehr nur Ball­be­sitz sam­meln, son­dern fle­xi­bler auf­treten. Schnelles Kon­ter­spiel soll ebenso zum Reper­toire gehören wie der ruhige Aufbau.

Das Pro­blem: Der­zeit ist das deut­sche Team aus stra­te­gi­scher Sicht weder Fisch noch Fleisch. Gegen die Nie­der­lande etwa wäre nach der Füh­rung ein klarer stra­te­gi­scher Fokus wichtig gewesen. Will Deutsch­land sich auf das eigene Kon­ter­spiel besinnen? Oder wollen sie den Ball laufen lassen und den Gegner so zer­mürben? Deutsch­land machte ein biss­chen von Beidem – und löste keine der beiden Auf­gaben beson­ders gut.

Erfolg­reiche Mann­schaften zeichnet aber aus, dass sie genau wissen, wie sie spielen wollen. Bei der deut­schen Elf spürt man aktuell, dass sie noch nicht genau weiß, wo die Reise hin­gehen soll. Noch befindet sie sich in einer Über­gangs­phase. Möchte Deutsch­land Erfolg bei der Euro­pa­meis­ter­schaft im kom­menden Jahr haben, muss die Mann­schaft aber in den kom­menden Monaten ankommen. Wo genau? Das weiß wohl nur Löw.