Als John Terry im Regen von Moskau zum Punkt schreitet, ist das Finale eigent­lich schon ent­schieden. Der Abwehr­chef des FC Chelsea muss diesen letzten Straf­stoß im Netz unter­bringen. Er kann seinem Verein und Roman Abra­mo­witsch end­lich den großen Traum erfüllen. Den Gewinn der Cham­pions League! Danach ver­zehrt sich die Stam­ford Bridge seit dem Antritt des mil­li­ar­den­schweren Russen am 1. Juli 2003. Jetzt ist das Ziel so nah wie nie zuvor. Die Spieler von Final­gegner Man­chester United stehen hübsch auf­ge­reiht an der Mit­telinie. Sie können nur noch warten. Gebannt bli­cken die Akteure in Rich­tung Straf­raum, sie sehen, wie John Terry noch ein letztes Mal an seiner Kapi­täns­binde zerrt. Keiner ver­gräbt den Kopf im durch­weichten Trikot. Glauben sie doch noch an das Wunder? Glauben sie an die Wende, oder an ihren nie­der­län­di­schen Keeper, Edwin van der Sar? Viel­leicht glauben sie an das, was jedem Transfer und jedem Junior der Aka­demie indok­tri­niert wird, wenn man ins Old Traf­ford wech­selt: Believe“



Dieses Believe“ ist, so abs­trakt und abge­dro­schen das klingen mag, mehr als nur eine Durch­hal­te­pa­role. Es ist ein echtes Dogma. Du musst glauben. Du darfst nicht auf­geben. Beim Ein­lauf der Mann­schaft ins hei­mi­sche Sta­dion formt das legen­däre Stre­ford End nicht selten diesen Schriftzug. Eine Wand aus roten und weißen Pappen, die die letzten Stolz- und Moti­va­ti­ons­re­serven frei­setzt. Die Anfänge wur­zeln im Flug­zeug­ab­sturz von 1958, der eine ganze Spiel­er­ge­nera­tion – viele sagen: die talen­tier­teste – fast gänz­lich aus­löscht. Eine solche Kata­strophe, nach der es eigent­lich nicht wei­ter­gehen kann, wird zur Geburts­stunde eines Mythos. Die zweiten Busby Babes“ setzen sich 1968 in Lis­sabon auf den Thron Europas. Best, Charlton und Co. holen den Titel, den ihre Vor­gänger nicht holen konnten. Seitdem wissen sie im Theatre of Dreams“, dass es immer wei­ter­geht. Never give up United“ wird zum Selbst­ver­ständnis eines ganzen Ver­eins. Das Credo bestä­tigt sich fortan in außer­ge­wöhn­li­chen Auf­hol­jagden. Es wird immer dann bemüht, wenn der gesunde Fuss­ball­ver­stand die Red Devils“ abschreibt. Nicht zuletzt wird das Nou Camp Zeuge dieser irra­tio­nalen Steh­auf­männ­chen-Men­ta­lität. Bar­ce­lona 1999, das 2:1 im Cham­pions League-Finale gegen Bayern Mün­chen. Zufall, sagen die einen. Glück, winken die anderen ab. In Man­chester weiß man: United never dies“

102 Sekunden: Das Log­buch des End­spiels von Bar­ce­lona

Zurück in Moskau, 2008. Rio Fer­di­nand erzählt später, er habe den Elf­meter von John Terry in Super­zeit­lupe erlebt. Vor dem TV geht es der­weil ganz schnell. John Terry, Mr. Chelsea, alle Jugend­ab­tei­lungen hat er im Verein durch­laufen, läuft kurz an und gerät dann plötz­lich in Rück­lage. Das linke Bein, sein Stand­bein, bricht ihm aus. Van der Sar, in der fal­schen Ecke, reisst die Augen auf. Der Ball streift den Pfosten, der singt ein stilles Lied. Und auf der Mit­tel­linie kämpft Chris­tiano Ronaldo mit den Tränen. Der hoch­do­tierte Super­star aus Man­chester hatte zuvor seinen Straf­stoß ver­schossen, in diesem Moment schrumpft er zum kleinen Jungen, dem ein böser Streich ver­geben wird. John Terry kniet am Elf­me­ter­punkt und umklam­mert seine Waden. Ein Still­leben der Tragik. Nach Moskau wird er sich in psy­cho­lo­gi­sche Behand­lung begeben, um das Trauma zu bewäl­tigen. In einem offenen Brief ent­schul­digt sich Terry über die ver­eins­ei­gene Home­page für den Fehl­schuss. 

Dass es eigent­lich Nicolas Anelka ist, der kurz darauf den ent­schei­denden Straf­stoß ver­zieht, geht fast unter. United darf sich beste Mann­schaft Europas nennen, und der Zeit­punkt könnte idealer nicht sein. 2008 jährt sich das Munich Air Desaster“ zum fünf­zigsten Mal, der erste Euro­pa­po­kalt­ri­umph liegt exakt vierzig Jahre zurück. Sir Alex Fer­guson sagt, ange­sichts dieser ver­eins­de­fi­nie­renden Jubi­läen sei der Titel wohl vor­be­stimmt gewesen. Wie er da so steht, die grauen Haare ins rote Gesicht gespült, selig lächelnd, kau­gum­mikauend, muss man ein­fach davon aus­gehen, dass auch er bis zuletzt daran geglaubt hat.

Heute Abend Revanche für Moskau?

Heute Abend wäre Man­chester wohl auch mit einem Remis zufrieden. Dann ließe sich der Halb­fi­nal­einzug vor eigenem Publikum, vor dem Stret­ford End, ver­wirk­li­chen. Fast alle Helden von 2008 stehen noch im Kader. Und auch beim FC Chelsea hat sich wenig geän­dert. John Terry führt die Blues als Kapitän aufs Feld. Kann die Mann­schaft von Carlo Ance­lotti Revanche für Moskau nehmen? Dem fran­zö­si­schen Elf­meter-Ver­sager Anelka schwante nach der Aus­lo­sung bereits Böses: Ich glaube nicht, dass United ein gutes Los für uns ist.“