Bonn, 10. November 2009: Roberts Ver­mächtnis

Der Schock kommt abends um kurz vor halb neun. Die Natio­nal­spieler warten im Restau­rant Next Level“ des Mann­schafts­ho­tels aufs Abend­essen, als Manager Oliver Bier­hoff und die Trainer den Raum betreten, um zu bestä­tigen, was in den Minuten zuvor bereits als Gerücht die Runde gemacht hat: Robert Enke hat sich das Leben genommen. Nor­ma­ler­weise hätte der Tor­wart hier bei ihnen sitzen sollen, um sich auf das Län­der­spiel gegen Chile vor­zu­be­reiten. Aber Bun­des­trainer Löw hat ihn und René Adler nicht nomi­niert, weil er den Reser­visten Manuel Neuer und Tim Wiese auf dem Weg zur Welt­meis­ter­schaft 2010 eine Chance geben wollte, sich zu beweisen.

Einige Spieler weinen, für alle ist die Nach­richt ein Schock. Sie passt nicht in ihre Welt voller Jugend, Kraft und ewiger Zuver­sicht. Sie werden als Helden gefeiert und sehen sich als unbe­zwingbar. Gerade weil Robert Enke immer so klar wirkte und beson­ders erwachsen, kann das nie­mand ver­stehen: Wieso hat er sich umge­bracht? Und warum haben sie nichts geahnt?

Von den Abgründen im Leben ihres Kol­legen werden die Natio­nal­spieler, die Trainer und Betreuer später erfahren, von Enkes Leiden unter den Schüben von Depres­sion. Jetzt irren sie erst einmal sprachlos, ver­wirrt und haltlos schluch­zend durch das neu­eröff­nete Hotel, dessen erste Gäste sie sind.

Um kurz nach zehn Uhr ver­sam­melt DFB-Psy­cho­loge Hans-Dieter Her­mann die Spieler auf deren Wunsch hin zu einem Gespräch. Es ist das erste von vielen, die Her­mann in der Gruppe oder mit ein­zelnen Spie­lern in den kom­menden Monaten führt. Es ist von diesem unglaub­li­chen Ereignis nichts zurück­ge­blieben“, sagt Her­mann heute und meint damit, dass es kein unauf­ge­ar­bei­tetes Trauma gibt. Geblieben vom Natio­nal­tor­wart, der eigent­lich bei der Welt­meis­ter­schaft in Süd­afrika im Tor stehen sollte, ist aber Roberts Ver­mächtnis“, wie es Her­mann nennt. Das ist ein Umgang mit­ein­ander, wie ihn Enke stets vor­ge­lebt hatte und den die Mann­schaft weiter pflegt. Keiner von den Spie­lern wird run­ter­ge­macht. Man spricht auf Augen­höhe mit­ein­ander, und jeder wird in seinen Eigen­arten gelassen“, sagt Her­mann. Selbst­ver­ständ­lich herrscht ein harter Kon­kur­renz­kampf auf dem Platz, schließ­lich will nie­mand auf der Bank sitzen, aber der gegen­sei­tige Respekt setzt ihm auch Grenzen. Sie haben immer noch was von klas­si­schen Fuß­ball­spie­lern“, sagt Her­mann, aber es sind keine elf Krieger mehr.“

War­schau, 6. Februar 2010: Eis­zeit

Es ist kalt in War­schau und eisig die Stim­mung, als die Spit­zen­kräfte des Deut­schen Fuß­ball-Bundes (DFB) zur Aus­lo­sung der Euro­pa­meis­ter­schafts­qua­li­fi­ka­tion in die pol­ni­sche Haupt­stadt anreisen. Auf dem gemein­samen Flug hält man, nur wenige Sitze von­ein­ander getrennt, deut­lich Abstand, die Fern­seh­in­ter­views sind schmal­lippig. Ver­bands­prä­si­dent Theo Zwan­ziger und Gene­ral­se­kretär Wolf­gang Niers­bach grollen, weil sie sich bei der Ver­hand­lung um die Ver­trags­ver­län­ge­rung des Trai­ner­teams der Natio­nal­mann­schaft von Manager Oliver Bier­hoff erpresst fühlen. Bun­des­trainer Joa­chim Löw ist empört über in der Bou­le­vard­presse lan­cierte Details aus den Ver­hand­lungen und die Tat­sache, dass er nun als Raffke dasteht.

Erst nach der Welt­meis­ter­schaft soll wei­ter­ver­han­delt werden, die Ver­träge von Löw und Bier­hoff, von Assis­tenz­trainer Hans-Dieter Flick und Tor­wart­trainer Andreas Köpke laufen damit Ende Juli aus. Wenn sie in Süd­afrika schei­tern sollten, das ist damit klar, wird auch jene Ära vorbei sein, die 2004 begann, als Jürgen Klins­mann Bun­des­trainer wurde, und die Löw fort­führte. Im DFB gibt es einige, auch das ist nun offen­sicht­lich, die genau darauf warten.

Die Ver­trags­si­tua­tion hatte ich schon gefürchtet“, sagt Pro­fessor Tim Meyer, der als Sport­me­di­ziner die Natio­nal­mann­schaft schon seit 2001 von innen kennt. Mit der Sorge ist er nicht allein, aber ange­sichts des häss­li­chen Gezerres zeigt sich auch eine beson­dere Qua­lität von Löw und seinem Team. Wir haben beschlossen: Das Thema ist vorbei, und wir reden nicht mehr dar­über“, sagt Flick. Das sei kein fei­er­li­cher Schwur gewesen, aber eine klare Ver­ab­re­dung, und sie wird strikt ein­ge­halten. Bis zum Ende der Welt­meis­ter­schaft erwähnen sie selbst im engsten Kreis die Ver­trags­frage mit keinem Wort mehr. Den Füh­rungs­stil des Bun­des­trai­ners zeichnet es aus, keine Energie an etwas zu ver­schwenden, das momentan nicht zu ändern ist.

London, 25. April 2010: Immer Spek­takel

Fast in allen WM-Spielen haben wir das umsetzen können, was wir uns vor­ge­nommen hatten“, sagt Miroslav Klose, und selbst Monate nach dem Ende des Tur­niers spürt man bei ihm immer noch echte Begeis­te­rung. Wenn man ver­stehen will, wel­chen Fuß­ball sie sich da vor­ge­nommen hatten, muss man auf den 36. Spieltag der eng­li­schen Pre­mier League schauen. Chef­scout Urs Sie­gen­thaler, Bier­hoff, Löw, Flick und Köpke sind zum Spiel des FC Chelsea gegen Stoke City geflogen, um zu sehen, wie gut Michael Bal­lack in Form ist. Der Kapitän der deut­schen Natio­nal­mann­schaft bleibt die kom­plette Spiel­zeit auf dem Platz, aber der Trai­ner­stab kehrt aus einem anderen Grund beein­druckt aus London zurück. Chelsea hat selbst nach dem 4:0 nicht zurück­ge­schaltet“, sagt Hansi Flick. So steht es bereits nach der 68. Minute, Bal­lacks Team hat damit seine Tabel­len­füh­rung ver­tei­digt und atta­ckiert den­noch weiter das Tor der bedau­erns­werten Gäste aus Stoke, deren Leiden erst mit dem 7:0 in der vor­letzten Minute vor­über sind.

In der bri­ti­schen Metro­pole hat die sport­liche Füh­rung der Natio­nal­mann­schaft auf ihren Erkun­dungen wieder etwas gefunden, was sie den Spie­lern bei­bringen will. In diesem Fall eine nicht nach­las­sende Unbe­dingt­heit. Von überall tragen sie Ein­drücke, Ideen und Kon­zepte zusammen und schauen, was sie davon brau­chen können. Ich denke, dass es eine unserer Stärken ist, die Lampe etwas höher zu hängen und zu schauen, was im Welt­fuß­ball pas­siert“, sagt Flick. Das ist nichts anderes als in einer Firma, die den Markt son­diert und schaut, wohin die Ent­wick­lung geht.“ Des­halb reist der Frei­geist Sie­gen­thaler zur Afri­ka­meis­ter­schaft, nach Süd­ame­rika oder schaut sich in fran­zö­si­schen Nach­wuchs­zen­tren um. Spitze auf dem Welt­markt ist der schnelle One-Touch-Fuß­ball des FC Arsenal, den Flick zweimal besucht und dabei eine kom­plette Sai­son­vor­be­rei­tung von Arsene Wenger begleitet. Außerdem beob­achtet er beim FC Bar­ce­lona, wie dort der spek­ta­ku­läre Kom­bi­na­ti­ons­fuß­ball erar­beitet wird, den auch das spa­ni­sche Natio­nal­team spielt.

Die Erkennt­nisse ver­dichten sich auf diversen Treffen des Trai­ner­teams bis zum Beginn der WM-Vor­be­rei­tung in einem Slogan: Spielen und Gehen“. Die Natio­nal­mann­schaft soll noch aktiver spielen. Kein Spieler soll ste­hen­bleiben, wenn er den Ball wei­ter­ge­passt hat. Sie sollen das Spiel nicht ver­walten, wie man es in der Bun­des­liga viel zu oft sieht. Vor allem aber hatten wir uns vor­ge­nommen zu zeigen, dass wir Spaß beim Fuß­ball haben und dieses Bier­ernste, das man den Deut­schen zuschreibt, nicht mehr stimmt“, sagt Flick.

Das ist der Plan. Jetzt muss er nur noch umge­setzt werden.

Sci­acca, 17. Mai 2010: End­zeit­stim­mung

Die Welt­meis­ter­schaft ist vorbei, obwohl die Vor­be­rei­tung darauf erst zwei Tage zuvor begonnen hat. Diesen Ein­druck ver­mit­teln jeden­falls die meisten Berichte über die Sprung­ge­lenks­ver­let­zung von Michael Bal­lack, die er sich zwei Tage zuvor im eng­li­schen Pokal­fi­nale zuge­zogen hat. Abends in der ARD gibt es sogar eine Son­der­sen­dung zu den Folgen des Fouls von Kevin-Prince Boateng, auf­grund dessen der Mann­schafts­ka­pitän in Süd­afrika nicht spielen können wird. Er ist als Typ uner­setz­lich und der wich­tigste Spieler der Mann­schaft“, sagt der live zuge­schal­tete Experte Mehmet Scholl. Das bedarf keiner wei­teren Inter­pre­ta­tion.

Das WM-Aus des Capi­tano“ passt zu den schlechten Nach­richten über die geplatzten Ver­trags­ver­hand­lungen und die Ver­let­zung des desi­gnierten Enke-Nach­fol­gers René Adler. Das ein­zige ernst­zu­neh­mende Län­der­spiel des Jahres ist gegen Argen­ti­nien ziem­lich schmucklos ver­lo­ren­ge­gangen, und die Vor­be­rei­tung auf Süd­afrika ist zer­rissen, weil die Bremer Spieler wegen des Pokal­fi­nales und die aus Mün­chen wegen des End­spiels der Cham­pions League später kommen werden.

Doch im Hotel auf Sizi­lien ist von End­zeit­stim­mung keine Spur. Löw und Flick bleiben gelassen. Es war unglaub­lich, wie die Trainer damit umge­gangen sind“, sagt einer der Mit­ar­beiter, der an jenem Tag dabei war. Es wurde nach der Nach­richt von Bal­lacks Ver­let­zung keine zehn Minuten dar­über debat­tiert, wen man nach­no­mi­nieren oder ob anders gespielt werden muss.“ Genauso wird es später nach den Ver­let­zungen von Chris­tian Träsch und Heiko Wes­ter­mann sein: Die Idee vom Fuß­ball wird nicht geän­dert, nur weil Prot­ago­nisten fehlen.

Girlan, 2. Juni 2010: Die Kraft der Jugend

53 Trai­nings­ein­heiten absol­vieren die Natio­nal­spieler vom Beginn der Vor­be­rei­tung bis zur Abreise nach Süd­afrika, Test­spiele ein­ge­rechnet. Schon vor dem Tur­nier war mir klar, dass diese deut­sche Mann­schaft die qua­li­tativ beste ist, in der ich je gespielt habe“, sagt Mann­schafts­ka­pitän Philipp Lahm. Von Beginn an merken alle Spieler und Trainer, wie hoch das spie­le­ri­sche Niveau im Trai­ning ist.

Aber das Team nimmt bei der Vor­be­rei­tung in Süd­tirol das Kon­zept vom bestän­digen Spielen und Gehen“ nicht nur bereit­willig an, sie hat auch die Kraft dazu. Das war das fit­teste Natio­nal­team, das ich je gesehen habe“, sagt Mann­schafts­arzt Tim Meyer, der auch für die Leis­tungs­dia­gnostik zuständig ist. Zum ersten Mal zeigt sich, dass die rela­tive Jugend des Kaders auch ein Vor­teil ist. Mit einem Durch­schnitts­alter von 24,96 Jahren wird der DFB das nach Ghana und Nord­korea dritt­jüngste Team der WM stellen und die jüngste deut­sche Mann­schaft seit 1934. Spieler mit 23 haben gene­rell einen bes­seren Fit­ness­zu­stand als mit 33“, sagt Meyer.

Außerdem kommen die Spieler des­halb fitter zum Natio­nal­team, weil dem Thema in den Ver­einen inzwi­schen grö­ßere Auf­merk­sam­keit geschenkt wird. Fast überall arbeiten inzwi­schen qua­li­fi­zierte Fit­ness­trainer, die wissen, wie man die rich­tige Balance zwi­schen Aus­dauer und der fürs Fuß­ball­spielen gleich­zeitig so wich­tigen Sprit­zig­keit her­stellt. Das ist auch eine Folge jener Dis­kus­sion, die Jürgen Klins­mann sechs Jahre zuvor ange­stoßen hatte, als die Fuß­ball­branche zunächst über Gum­mi­bänder und US-Trainer herzog. 

Erasmia, 7. Juni 2010: Yebo!

Die letzten Kilo­meter zum Mann­schafts­quar­tier führen über eine mit Schlag­lö­chern über­säte Land­straße durchs Veld, eine nun win­terk­ahle, braungraue Step­pen­land­schaft. Es gibt wenig, woran sich das Auge hier fest­halten kann. Zehn Stunden lang war das Team von Frank­furt nach Johan­nes­burg unter­wegs, und die Schluss­etappe zum Hotel Vel­more Grande sieht so aus, als wollte sie alle WM-Skep­tiker bestä­tigen, die in den vor­an­ge­gan­genen Monaten über das Tur­nier in einem win­ter­li­chen Ent­wick­lungs­land mit Sicher­heits­pro­blemen gemault haben. Es sieht trostlos aus, und an einer Neben­straße wird auf einem Schild vor Über­fällen gewarnt.

Ich glaube, dass unsere Ankunft im Mann­schafts­quar­tier einer der wich­tigsten Momente der Welt­meis­ter­schaft war“, sagt Harald Stenger. Der DFB-Pres­se­spre­cher ist ein emo­tio­naler Mensch mit aus­ge­prägtem Gespür für Stim­mungen und weiß, wie wichtig es ist, dass bei einem so langen Tur­nier kein Lager­koller auf­kommt. Aber Süd­afrika im Winter, das ist eine beson­dere Her­aus­for­de­rung.

Zuhause wurde immer gesagt, dass es dort gar nicht richtig wie bei einer WM sein würde“, sagt Miroslav Klose, aber als die Leute im Hotel gesungen und getanzt haben, fanden wir das alle super.“ Die Ange­stellten begrüßen ihre Gäste aus Deutsch­land über­schwäng­lich, und augen­blick­lich hellt sich die Stim­mung auf. Dazu strahlte die Sonne und man merkte sofort, dass wir auch emo­tional ange­kommen waren“, sagt Stenger.

Beim ersten Trai­ning trägt die Mann­schaft von Psy­cho­loge Hans-Dieter Her­mann gestal­tete T‑Shirts, auf denen Yebo“ steht. Das ist Zulu und bedeutet Ja“. Es ist eine dieser leicht eso­te­ri­schen Aktionen, wie sie seit Klins­manns Amts­zeit zur Kultur der Natio­nal­mann­schaft gehören, und soll eine Beja­hung sein, dass sich alle auf die erste WM in Afrika freuen. Sie nimmt die Stim­mung auf, die der Bun­des­trainer ver­breiten will. Löw war bei der Aus­lo­sung der WM-Gruppen in Kap­stadt und ist seither vom Gast­ge­ber­land begeis­tert. Er wollte mit unserem Spiel die Men­schen in Süd­afrika begeis­tern und zeigen, dass wir gerne dort sind“, sagt Her­mann.

Durban, 12. Juni 2010: Das letzte Heulen des Leit­wolfs

Die Vor­be­rei­tung ist gut, die Stim­mung auch, doch es bleibt eine Frage: Ist diese Mann­schaft nicht zu jung? Der deut­sche Fuß­ball hat immer Rou­ti­niers geliebt, die Jungen mussten sich erst einmal hinten anstellen und den alten Leit­wölfen zuar­beiten. Aber die gibt es nicht mehr.

Dafür gibt es Sami Khe­dira, 23 Jahre alt. Er wirkt aber dop­pelt so alt. Ich bin von klein auf daran gewöhnt, Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen“, sagt er mit fester Stimme, und man glaubt ihm das sofort. Khe­dira soll Michael Bal­lack ersetzen und zusammen mit Bas­tian Schwein­s­teiger im defen­siven Mit­tel­feld spielen. Den Ernst­fall hat das Duo noch nicht geprobt, doch selbst im Rück­blick wird es Khe­dira nicht mulmig. Ich habe früh betont, dass ich bei der WM nicht nur für gute Laune sorgen, son­dern auf dem Platz stehen wollte“, sagt er.

Khe­dira ist nur einer aus der neuen, uner­probten Genera­tion, die nicht auf Schnup­per­kurs dabei ist, son­dern zen­trale Auf­gaben über­nehmen muss. Beim Auf­takt­spiel gegen Aus­tra­lien wird im Tor Manuel Neuer (24) stehen, in der Abwehr Holger Bad­stuber (21), im Mit­tel­feld Mesut Özil (21), Thomas Müller (20) und Sami Khe­dira (23). Später im Tur­nier werden noch Marko Marin (21),
Jerome Boateng (21) und Toni Kroos (20) zum Ein­satz kommen. Sie alle haben eine auf­wen­dige Aus­bil­dung in den Jugend­in­ter­naten der Bun­des­li­gisten und die Eli­te­för­der­pro­gramme des DFB durch­laufen. Das zahlt sich nun aus.

Sie sind aber auch Teil eines Teams, in dem es zwar eine Hier­ar­chie, jedoch keine Hack­ord­nung mehr gibt. Wir hatten durch den Mann­schaftsrat eine ganz andere Art der Team­füh­rung“, sagt Hansi Flick. Der Ver­tei­diger Arne Fried­rich gehört zu diesem Gre­mium und betreibt bei jeder Trai­nings­ein­heit oder ein­fach mal zwi­schen­durch per­ma­nentes Coa­ching der jungen Kol­legen. Wir haben ihnen ständig klar­ge­macht, dass wir an sie glauben“, sagt Fried­rich. Das mag banal klingen, aber es wird noch genug kniff­lige Situa­tionen geben, in denen das wichtig wird. Außerdem soll sich kein Reser­vist über­flüssig fühlen, nie­mand ver­zagen und Team­geist nicht nur ein Eti­kett sein. Und diese Atmo­sphäre tut auch Fried­rich selber gut, der mit Hertha BSC eine harte Zeit hinter sich hat. Oder Miroslav Klose, der in der groß­ar­tigen Saison des FC Bayern nur eine triste Neben­rolle spielte.

Durban, 13. Juni 2010: Tau­send Klei­nig­keiten

Die Flanke in der 26. Minute kommt genau so, wie Miroslav Klose sie am liebsten mag: zwi­schen Tor­wart und Abwehr­spieler. Für eine Ver­tei­di­gung ist das teuf­lisch, weil der Ver­tei­diger sich unsi­cher ist, ob sein Keeper an den Ball kommt und umge­kehrt. So haben die beiden Aus­tra­lier in diesem Moment gegen Klose keine Chance. Er hat geahnt, wohin Philipp Lahm den Ball schlagen wird. Mit Schnitt aus dem Halb­feld kommt er in der gefähr­li­chen Zone her­unter: Klose köpft zum 2:0 ein. Man muss die Nase dafür haben, wohin die Flanke kommt und ob der Mit­spieler sie lupft, scharf her­ein­spielt oder mit Schnitt vors Tor dreht“, sagt Klose. Es müssen tau­send Klei­nig­keiten passen.“

Der erfah­rene Stürmer liebt die Klein­ar­beit und bei der Natio­nal­mann­schaft bekommt er den Stoff dafür. Ich gehe immer zu den Spiel­ana­ly­ti­kern und schaue mir die Innen­ver­tei­diger an. Wer von beiden ist der bes­sere Auf­bau­spieler, den muss man schneller zustellen. Wer spielt ball­ori­en­tiert, wer geg­ner­ori­en­tiert, und schaut einer nur auf den Ball?“

Noch immer spielt im Fuß­ball der Zufall eine große Rolle, und Klose kennt die Phasen nur zu gut, wenn immer eine Klei­nig­keit fehlt. Aber das Trai­ning beim Natio­nal­team ist auch ein Kampf gegen die Macht des Zufalls. Ein Video belegt die Erfolge in diesem Kampf. Darin sind einige Tore, die beim Tur­nier fielen, mit Trai­nings­formen gegen­ge­schnitten. Man könnte eine Scha­blone drü­ber­legen, das ist unglaub­lich“, sagt Assis­tenz­trainer Hans-Dieter Flick. Der kleine Film ist auch eine Bestä­ti­gung seines Hand­buchs. Es hat DIN A4-Format, Spi­ral­bin­dung, ein Cover aus Kunst­stoff und sieht auf den ersten Blick wie die Semi­nar­ar­beit eines Sport­stu­denten aus. Jede Trai­nings­übung ist darin erfasst und alle The­men­schwer­punkte genau defi­niert: wie man mit der Ball­an­nahme das Tempo erhöht, nach wel­chem Schema die Angriffe ablaufen oder wo sich die Spieler in wel­cher Spiel­si­tua­tion posi­tio­nieren. Wir wollen ihnen Lösungs­muster an die Hand geben“, sagt Flick. Jeder soll in jedem Moment wissen, was von ihm erwartet wird. Das hört sich banal an, ist in der Bun­des­liga aber nicht selbst­ver­ständ­lich.

Erasmia, 18. Juni 2010: Captain’s Dinner

Ein rich­tiges Dinner ist das nächt­liche Zusam­men­treffen im Zimmer des Spiel­ana­ly­ti­kers Chris­tofer Cle­mens nicht, das Captain’s Dinner“ ist eher ein später Absa­cker mit einem Glas Rot­wein nach einem langen Tag. Mann­schafts­ka­pitän Philipp Lahm, Arne Fried­rich und die beiden Fit­ness­trainer sind gekommen, nachdem Deutsch­land nach­mit­tags in Port Eliza­beth gegen Ser­bien mit 0:1 ver­loren hat. Zudem ist Miroslav Klose vom Platz geflogen, und Lukas Podolski hat einen Elf­meter ver­schossen. Die Skep­tiker, die sich von der Begeis­te­rung über die Leis­tung beim Auf­takt gegen Aus­tra­lien nicht hatten anste­cken lassen, können sich bestä­tigt fühlen.

Doch es gibt zwei Mög­lich­keiten ein sol­ches Spiel zu inter­pre­tieren: von seinem Ver­lauf und vom Ergebnis her. Die kleine Runde auf dem Hotel­zimmer kommt zur Ein­sicht, dass abge­sehen vom Resultat vieles stimmte, und so werden es Lahm und Fried­rich auch an ihre Kol­legen wei­ter­geben. Es war eine komi­sche Nie­der­lage, die sich für mich nicht so ange­fühlt hat“, sagt Lahm. Die Video-Ana­lysen werden den posi­tiven Ein­druck der Runde auf dem Hotel­zimmer belegen und der Bun­des­trainer es der Mann­schaft eben­falls so ver­mit­teln. Das alles ändert aber nichts daran, dass die Situa­tion nun heikel ist.

Johan­nes­burg, 23. Juni 2010: Raus ohne Applaus

Von draußen hatte man das Gefühl, dass jeder einen Ruck­sack auf den Schul­tern hat“, sagt Hansi Flick. Der von Manuel Neuer ist beson­ders groß, denn wäh­rend der 90 Minuten gegen Ghana wird der Tor­hüter nervös. Die letzte Partie der Vor­runde ist eine, wie sie Tor­hüter hassen, denn Neuer bekommt kaum Bälle zu halten. Und ich dachte immer, dass ich auf keinen Fall ein Tor kas­sieren darf.“ Wenn Deutsch­land gegen Ghana weniger Punkte holt als Ser­bien gegen Aus­tra­lien, ist das Team raus und das eben noch bestaunte Tor­wart­ta­lent plötz­lich Keeper der erfolg­lo­sesten Mann­schaft in der deut­schen WM-Geschichte. Denn ein Aus in der Vor­runde gab es noch nie.

Oben auf der Tri­büne haben Hun­derte Jour­na­listen die Bild­schirme auf­ge­klappt und schreiben ihre Spiel­be­richte. Einer probt schon mal das Hor­ror­sze­nario. Raus ohne Applaus“ heißt seine vor­läu­fige Schlag­zeile und man ahnt, was das bedeutet: ewige Schmach und das Ende der Ära Löw, bevor sie wirk­lich eine werden kann.

Vorher habe ich mir keine Gedanken gemacht, ob 80 Mil­lionen Deut­sche oder die ganze Welt das Spiel anschaut“, sagt Neuer. Als Mesut Özil nach einer Stunde trifft, sieht der Tor­wart, dass er mit seiner Ner­vo­sität nicht allein war. Kein deut­scher Jubel bei der gesamten Welt­meis­ter­schaft ist größer als dieser, und mit ihm fallen auch die letzten Zweifel ab.

Erasmia, 24. Juni 2010: Jubel in der Nacht

Als Neuer und seine Mit­spieler weit nach Mit­ter­nacht ins Hotel zurück­kommen, werden sie von jubelnden Hotel­an­ge­stellten begrüßt. Die haben sich fast mehr gefreut als wir“, sagt Neuer tro­cken. Aber er weiß, dass die Begeis­te­rung nicht nur Aus­druck eines freund­li­chen Natu­rells ist. Wenn er von seinen Kol­legen die Nase voll hat, streunt er übers Hotel­ge­lände und unter­hält sich mit den Ange­stellten. Er erfährt, dass sie stun­den­lang in Sam­mel­taxis zur Arbeit unter­wegs sind und ihren Job allein der Anwe­sen­heit des deut­schen Teams ver­danken. Nach dem
Aus im Tur­nier sind sie wieder arbeitslos. Wir wussten, wie wichtig es für ihre Fami­lien ist, dass wir im Tur­nier bleiben.“ Neuer will damit nicht sagen, dass er für die Wach­leute, Zim­mer­mäd­chen oder Kellner im Vel­more Grande gespielt hat. Aber das ist einem schon mal in den Sinn gekommen.“

Blo­em­fontein, 27. Juni 2010: Das Ende der Panzer

Nach jedem Spiel müssen die Spieler auf dem Weg von den Kabinen zum Mann­schaftsbus durch die Mixed Zone, wo Reporter aus aller Welt warten. Nach dem 4:1‑Sieg über Eng­land erlebt Philipp Lahm dort bei den Gesprä­chen mit den eng­li­schen Jour­na­listen etwas beson­ders. Man hat gemerkt, dass sie von der deut­schen Natio­nal­mann­schaft beein­druckt waren“, sagt Lahm. Das ist kein Team, das man auf seinen Kampf­geist oder unbeug­samen Willen redu­zieren kann oder den alten, fata­lis­ti­schen Witz von Gary Lineker, wonach Fuß­ball ein Spiel für 22 Leute ist, das am Ende immer Deutsch­land gewinnt.

In der eng­li­schen Nach­be­richt­erstat­tung sind auch die deut­schen Panzer ein­ge­mottet, mit dem Sieg im Ach­tel­fi­nale ist Deutsch­land plötz­lich das hei­ßeste Team der WM. Die Reporter sind begeis­tert von diesen Spie­lern, deren Namen sie zuvor noch nie zuvor gehört haben: von Thomas Müller, diesem mit­rei­ßenden Goal­getter, vom leicht­fü­ßigen Mesut Özil und dem stillen Orga­ni­sator Sami Khe­dira.

In Deutsch­land läuft die große Fuß­ball­party inzwi­schen wieder auf Hoch­touren, das können die Spieler in ARD und ZDF im Mann­schafts­hotel sehen. Der Anschluss an die Wie­der­kehr des Som­mer­mär­chens von 2006 gelingt bis auf die andere Halb­kugel. Ein Freund von Manuel Neuer beschwert sich scherz­haft, dass sie besser mal aus­scheiden sollten. Er wohnt in Gel­sen­kir­chen-Buer dort, wo nach jedem Sieg der Auto­korso lang­geht.

Doch die Deut­schen feiern ihr Team nicht allein. Die Welt hat gelernt, uns anders zu sehen“, sagt Lahm. Zum ersten Mal seit 1972, als die deut­sche Mann­schaft mit hin­rei­ßendem Offen­siv­fuß­ball die Euro­pa­meis­ter­schaft gewann, erobert sie auch die Herzen der Fuß­ball­fans aus anderen Län­dern.

Kap­stadt, 2 Juli 2010: Der Capi­tano ist draußen

Als am Abend vor dem Spiel gegen Argen­ti­nien der ver­letzte Michael Bal­lack im Mann­schafts­hotel auf­taucht, wirkt das wie ein Irrtum. Und selbst jetzt noch ist dieser Besuch ein sen­si­bles Thema. Einer der Betreuer sieht den Besuch als PR-Aktion des Bal­lack-Bera­ters Michael Becker und größten Kri­sen­mo­ment wäh­rend der WM. Ein fal­sches Wort, so meint er, und die Situa­tion hätte eska­lieren können. Hans-Dieter Her­mann hin­gegen hält die öffent­liche Dis­kus­sion über den Kapitän, der angeb­lich nicht mehr zu den fla­chen Hier­ar­chien passt, für falsch. Michael hat sich ver­än­dert, es hätte auch mit ihm gepasst“, sagt der Psy­cho­loge.

Dass Bal­lacks Besuch bei der Mann­schaft den­noch wohl eher ein Fehler war, ist aus der Geschichte des Natio­nal­teams zu erklären, wo zu den Zeiten von Jürgen Klins­mann eine klare Tren­nung zwi­schen denen drinnen und jenen draußen voll­zogen wurde. Bei Klins­mann war das noch eine Wagen­burg, die sich streng vom Zugriff der Funk­tio­näre und Medien abgrenzte. Unter Löw ist das Prinzip unver­än­dert, wird aber ver­bind­li­cher ver­mit­telt. Die Natio­nal­mann­schaft nimmt zwar neue Spieler oder Mit­ar­beiter gerne auf, aber wenn sie auf Mis­sion geht, kon­zen­triert sie sich nur noch auf sich.

In Kap­stadt wird Bal­lack daher zwar von Löw und allen anderen herz­lich begrüßt, aber es ändert nichts an der Tei­lung der Welten. Dem Capi­tano ergeht es, wie es auch René Adler oder Heiko Wes­ter­mann ergangen wäre. Oder wie jenen DFB-
Funk­tio­nären, die die Nähe der Natio­nal­mann­schaft suchen und nicht finden: Sie sind draußen.

Kap­stadt, 3. Juli 2010: Wer ist Deutsch­land?

Wenn man Philipp Lahm fragt, was für ihn der Moment der Welt­meis­ter­schaft gewesen sei, der sein Erlebnis in einem Bild zusam­men­fasst, sagt er: Als Arne Fried­rich nach seinem Tor gegen Argen­ti­nien den Diver macht und alle Spieler auf ihn springen. Das ist ein gutes Bild auch mit dem Hin­ter­grund, dass wir eine Multi-Kulti-Natio­nal­mann­schaft sind.“ Wendet man ein, dass es klingt, als hätte er zu viele Artikel über die deut­sche Natio­nalelf als Inte­gra­ti­ons­symbol gelesen, sagt er: Das denke ich wirk­lich.“

Manuel Neuer denkt das auch, auch wenn es bei ihm etwas weniger fei­er­lich klingt. In der Jugend­mann­schaft bei Schalke hatten wir immer Türken, Iraner oder Polen. Nur spielte die Her­kunft keine Rolle, für uns waren das immer Schalker. Aber viel­leicht ist das in einer Gesell­schaft schwie­riger als in einer Fuß­ball­mann­schaft, die ein sehr kleiner Kreis ist.“

Die deut­sche Natio­nal­mann­schaft zau­bert eines der unglaub­lichsten Spiele auf den Platz, das man je von ihr gesehen hat. Die beiden wesent­li­chen Vor­gaben der Trainer setzt sie dabei per­fekt um. Sie sollen über der Sorge um Lionel Messi dessen Mit­spieler nicht ver­gessen. Weil sich in vor­an­ge­gan­genen Spielen oft zu viele Gegner auf ihn gestürzt hatten, waren dann plötz­lich meh­rere andere Argen­ti­nier frei. Außerdem hatten die Trainer vor Beginn der ersten Trai­nings­ein­heit, die zum Vier­tel­fi­nale hin­führte, weit­ge­hend unkom­men­tiert ein Video mit vier Spiel­szenen der Argen­ti­nier gezeigt. Es zeigte die Löcher und Unord­nung in ihrer Defen­sive, und Stürmer Cacau sagte danach: Ich habe eine Woche lang gerät­selt, wo deren Pro­bleme sind, jetzt weiß ich es.“

Unnach­giebig nutzt die deut­sche Mann­schaft aus, dass die der Argen­ti­nier nur zur Hälfte in der Defen­sive mit­spielt und ins­ge­samt rund 20 Kilo­meter weniger läuft. Leicht kom­bi­niert sie sich durch die Räume, und Neuer sagt: Wenn wir keine deut­schen Tri­kots ange­habt hätten, hätte man nicht gewusst, welche Natio­na­lität da auf dem Platz steht.“

Aber wie ist das eigent­lich, wenn man in einem sol­chen Spiel dabei ist? Begreift man die Größe des Moments und hat das Gefühl, Fuß­ball­ge­schichte zu schreiben? Auf dem Platz sieht man das nicht so“, sagt Philipp Lahm. Nein, dazu ist man zu sehr auf seine Auf­gaben fokus­siert“, sagt Manuel Neuer. Und der Frü­herwach­sene Sami Khe­dira ver­bietet sich grö­ßeren Über­schwang sowieso: Es geht sehr schnell nüch­tern zum nächsten Spiel.“

Johan­nes­burg, 7. Juli 2010: Evo­lu­tion

Es ist keine Revo­lu­tion des deut­schen Fuß­balls, die sich in den Spielen gegen Eng­land und Argen­ti­nien gezeigt hat, aber ein evo­lu­tio­närer Sprung ist es schon. In Süd­afrika steht das eigene Spiel mehr im Vor­der­grund als bei vor­an­ge­gan­genen Tur­nieren. Doch das eigene Offen­siv­spiel gegen Spa­nien durch­zu­setzen, wie soll das gehen? Wir wussten, dass jetzt der dickste Bro­cken kommt, denn sie spielen seit Jahren so, wie wir erst ange­fangen haben“, sagt Philipp Lahm. Auch gegen Spa­nien wollen sie den Gegner im Moment der Bal­ler­obe­rung mit mög­lichst schnellem Spiel in die Spitze über­ra­schen. Doch das bleibt Theorie, weil Spa­nien trotzdem nicht in Unord­nung gerät, und so geraten die deut­schen Him­mel­stürmer an ihre Grenzen.

Das Spiel bestä­tigt auch Löws Ahnung, die er vor der Abreise nach Süd­afrika im kleinen Kreis geäu­ßert hatte: Michael Bal­lack werden wir erst im Halb­fi­nale richtig ver­missen.“ In der Höhen­luft ganz enger Spiele fehlt er nun wirk­lich. Viel­leicht hätte er das deut­sche Team mit­reißen können, nach dem eher glück­li­chen 0:0 zur Pause das Risiko zu suchen. So aber sind die deut­schen Youngster den gereiften Meis­tern aus Bar­ce­lona und Madrid unter­legen.

Aller­dings ist der Unter­schied nicht so groß wie im Finale der Euro­pa­meis­ter­schaft 2008, und für den Sieg­treffer braucht Spa­nien eine Stan­dard­si­tua­tion. Wir waren in diesem Moment zu nah bei unseren Gegen­spie­lern“, sagt Hansi Flick über das Tor von Carles Puyol nach einem Eck­ball. Der Ver­tei­diger vom FC Bar­ce­lona kann sich mit Anlauf in die Flanke hin­ein­wuchten. Dann ist noch eine Vier­tel­stunde zu spielen, aber alle wissen, dass der Traum vom Finale und dem vierten WM-Titel vorbei ist.

Port Eilza­beth, 11. Juli 2010: Erschöp­fung

Jetzt sind fast alle krank. Philipp Lahm hat hohes Fieber, Lukas Podolski plagt ein Infekt, Löw und Flick schleppen sich über die Runden. Überall im Mann­schafts­hotel hört man Husten und Schniefen. Das Tur­nier hat alle viel Kraft gekostet, und noch bevor es ganz vor­über ist, schwant den Betei­ligten, dass unwi­der­ruf­lich etwas ganz Beson­deres zu Ende geht. Alles hat gepasst, auch weil sie beim Natio­nal­team die Kunst des Weg­las­sens beherr­schen. Die ruhige Hand ist nicht nur in der Medizin wichtig: Wenn einer keine Beschwerden hat, muss ich nicht fünfmal danach fragen“, sagt Mann­schafts­arzt Meyer. Wo es sonst im Fuß­ball viel Aktio­nismus gibt, muss sich das Team um die Mann­schaft nicht mehr pro­fi­lieren. Es arbeiten alle uneitel zu, weil Jogi Löw das Uneitle vor­lebt“, sagt Hans-Dieter Her­mann.

So hat über fast acht Wochen alles zusam­men­ge­passt, im Team und drum herum. Klei­nere Strei­te­reien und Kon­flikte wirken nicht nach. Egal ob man von Roberts Ver­mächtnis“ spricht oder nicht, die Spieler gehen respekt­voll mit­ein­ander um. Es ist in Süd­afrika etwas gelungen, was 2008 nicht so geklappt hat: Die Mann­schaft hatte eine gewisse Leich­tig­keit in ihrem Han­deln“, sagt Psy­cho­loge Her­mann, sie ist ins Schweben gekommen.“

Aber im Spiel um Platz drei gegen Uru­guay müssen noch einmal deut­sche Tugenden ent­wi­ckelt werden. Weil nichts mehr leicht und schwe­bend geht, wird geackert, um einen Rück­stand zu drehen und doch noch den Sieg zu schaffen. Das neue Deutsch­land kann auch noch das alte. Als die Medaillen über­geben sind, ruft Bas­tian Schwein­s­teiger den Team­be­treuern zu: Wir machen alle zusammen die Ehren­runde!“ Sie nicken und bleiben stehen. Das Nicken sagt, dass sie Bescheid wissen, dass alle zusammen das hier erreicht haben. Es sagt aber auch, dass die Jungs jetzt mal los­laufen und
feiern sollen.

Berlin, 6. Oktober 2010: Es gibt keine Pause

Die WM ist Geschichte, und Hansi Flick hat im Mann­schafts­hotel sein WM-Hand­buch zuge­klappt. Bei der EM 2012 wird es ein neues geben. Das Trai­ner­team son­diert bereits wieder den Welt­markt, denn die Mis­sion ist noch nicht vorbei: Wir wollen auch mal etwas ent­wi­ckeln, womit wir den anderen voraus sind.“