Das Bild des Grauens findet seine Auf­nahme, als gerade alles vorbei ist. Am Straf­raum, den die Eng­länder so phan­tasie- wie erfolglos bela­gert haben, direkt vor dem fas­sungs­losen Anhang, der sich auf vier Wochen in Frank­reich ein­ge­richtet hat und jetzt nach Hause reisen muss.

Die eng­li­schen Spieler sinken zusammen, sie kosten ein letztes Mal den Geschmack des grünen Gras von Nizza und mögen nicht hoch­schauen. Es braucht Zeit zum Ver­stehen. 1:2 gegen Island.

Das ist beschä­mend“, spricht Wayne Rooney, der Kapitän und Anführer von Man­chester United. Wir sind alle schwer ent­täuscht. Und wir wissen, dass nur wir daran schuld sind.“

Rooney ist an diesem Abend so gut wie gar nichts gelungen, mal abge­sehen von dem frühen Elf­meter, ver­wan­delt zum Füh­rungstor mit einer Kalt­blü­tig­keit, wie sie dem eng­li­schen Team später kom­plett abging.

Danach aber ist Rooney nur noch hilflos über den Rasen von Nizza gestol­pert, immer wieder ver­springt ihm der Ball, Pässe gehen ins Irgendwo und Schüsse Rich­tung Tri­büne. Island schießt zwei schnelle Tore und hat danach keine Mühe, das ideen­lose Anrennen des Geg­ners abzu­wehren.

Eng­land ist im Status einer alten und doch wieder kom­menden Welt­macht zur Euro­pa­meis­ter­schaft gereist. Es fährt zurück als eine Ansamm­lung von mil­lio­nen­schwerem Talent, das sich nicht gegen die ange­hei­terten Bur­schen eines Jung­ge­sel­len­ab­schieds aus der Pro­vinz durch­setzen kann.

Eng­lands Absturz aus Europa

Der Brexit vom ver­gan­genen Freitag wirkt wie ein wohl durch­dachtes Pro­jekt im Ver­gleich zur Per­fo­mance von Nizza.

Eng­lands Absturz aus Europa – zweimal inner­halb einer Woche“, titelt der Daily Mirror“.

Eng­land hat die teu­erste Liga der Welt, aber sie wird dort ver­treten von einer Ansamm­lung unbe­darfter Dilet­tanten. Jamie Vardy ist auch dabei, der Stürmer von Lei­cester City. Vardy steht für ein anderes, für ein über­ra­schendes Eng­land. Im Früh­ling hat er mit Lei­cester City die Meis­ter­schaft gewonnen, es war der größte Außen­seiter-Tri­umph ever, ein Erfolg der guten alten Kame­rad­schaft über das fri­sche aus­län­di­sche Geld.

Seit Montag steht Vardy für zwei Sen­sa­tionen, auf die zweite hätte er ganz gern ver­zichtet. Er hat es im reifen Alter von 29 Jahren in die Natio­nal­mann­schaft geschafft und zum Hoff­nungs­träger für die EM. Vor ein paar Wochen, als die Eng­länder in Berlin gas­tierten, hat er das Spiel mit einem gran­diosen Hackentrick gewendet und seiner Mann­schaft den Status eines Geheim­fa­vo­riten beschert.

Jamie Vardy ent­schwindet wortlos in die Nacht von Nizza.

Roy Hodgson betritt die Bühne. Tau­ben­blauer Anzug, weißes Hemd, das graue Haar sorg­fältig zurück­ge­kämmt. Der eng­li­sche Trainer hat zu Ostern in Berlin eine Mann­schaft prä­sen­tiert, die den Welt­meister nach einem 0:2‑Rückstand besiegte, ein neues Eng­land, das alte Werte neu beleben wollte und von dem Hodgson sagte, das seine besten Tage noch vor ihm liegen.

Ihr wollt mich, oder?“

Wo war dieses Eng­land am Mon­tag­abend in Nizza? Hodgson räus­pert sich, er zieht ein Manu­skript aus der Tasche seines Jackets, vor der Ver­le­sung scherzt er mit den eng­li­schen Repor­tern.

Ihr wollt mich, oder?“ Dann refe­riert er. Über eine groß­ar­tige Reise über vier Jahre, so lange ist er schon im Amt. Jetzt hatten sie große Ziele, aber es hat leider nicht geklappt, des­wegen ist es an der Zeit, dass ein anderer über­nimmt“, er stehe jeden­falls nicht mehr zur Ver­fü­gung.

Hodgson lacht. Er wirkt ent­spannt und hat seine Rück­tritts­er­klä­rung ganz bestimmt nicht spontan in der Kabine nach dem Debakel von Nizza ver­fasst.

Anders als seine Mann­schaft ist er per­fekt vor­be­reitet, aber wahr­schein­lich war seine Rede eher für ein mög­li­ches Aus im Vier­tel­fi­nale von Saint-Denis gegen die Fran­zosen geplant. Es gibt kein Vier­tel­fi­nale.

Hodgson preist seinen Stab, von der Putz­frau bis zum Co-Trainer, dann steht er auf und geht. Nein, keine Fragen mehr. Hodgson ent­lässt Eng­land in die Rat­lo­sig­keit.

Ver­gleich­bare Kata­stro­phen?

1:2 gegen Island. Was gibt es an ver­gleich­baren Kata­stro­phen? 1950 in Bra­si­lien, als die Eng­länder sich zum ersten Mal bequemten, an einer Welt­meis­ter­schaft teil­zu­nehmen, was zuvor unter ihrer Ehre war, denn als Erfinder des Fuß­balls fühlten sie sich als auto­ma­ti­scher und selbst­ver­ständ­li­cher Welt­meister.

Bis sie dann 1950 in Belo Hori­zonte 0:1 gegen das dama­lige Fuß­ball-Ent­wick­lungs­land USA ver­loren.

Die Zeiten waren anders, mit Mund­pro­pa­ganda und Tele­grammen und so. Als die Zei­tungs­re­dak­tionen in der Heimat das Ergebnis geka­belt bekamen, glaubten sie an einen Über­mitt­lungs­fehler und machten aus dem 0:1 ein 10:1 und ein paar Wochen später war alles ver­gessen. So ein­fach ist das heute nicht mehr.

Wenn mich Roys Nach­folger ruft, dann bin ich dabei“

Die ganze Welt hat zuge­schaut und sich köst­lich amü­siert über den Fehl­tritt einer Mann­schaft, die wieder eine Welt­macht sein wollte und doch nur fort­ge­setzt hat, was die eng­li­sche Bevöl­ke­rung in Sachen Brexit ver­fügt hat, näm­lich einen Abschied aus Europa.

Wayne Rooney will wei­ter­ma­chen, wenn mich Roys Nach­folger ruft, dann bin ich dabei“. Und: Unsere Zukunft leuchtet, auch wenn das zur­zeit schwer zu erkennen ist.“

Aber wer will jetzt an die Zukunft denken?